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Thema: Piccadilly-Nachtwelt (1929) auf DVD


PICCADILLY - NACHTWELT (GB 1929)
R: E. A. Dupont
B: Rex Taylor, Arnold Bennett
K: Werner Brandes
D: Gilda Gray (Mabel Greenfield), Anna May Wong (Shosho), Jameson Thomas (Valentine Wilmot), King Ho-Chang (Jim), Charles Laughton (Gast), Cyril Ritchard (Victor Smiles)

Wer die Ausstrahlung bei Arte vor ein paar Jahren verpaßt hat und wem die englische DVD des British Film Institute bislang zu teuer war, der kann sich jetzt die preisgünstigere DVD (€ 19,90) aus der arte Stummfilm-Edition von absolut Medien besorgen. Es handelt sich um die 2003 vom BFI restaurierte Fassung. Zwischentitel sind englisch, optionale Untertitel auf deutsch. So wie es sein sollte! Extras siehe unten. Zur Restaurierung hier. Sepia-Tönung dominiert, die Nachtszenen sind blau, Rückblenden schwarz/weiß. Bis auf wenige Schrammen und Unschärfen eine super Bildqualität!

Zur Story
London. Zwischen Clubbesitzer Wilmot und seinem Startänzer Victor kommt es zum Bruch. Wilmot wird allmählich klar, daß Tänzerin Mabel, die auch seine Geliebte ist, den Laden nicht allein schmeißen kann. Er braucht eine neue Attraktion. Wilmot findet sie in der chinesischen Tellerwäscherin Shosho, der er eigentlich gekündigt hatte, weil sie auf dem Tisch in der Küche getanzt hat. Shosho ist nicht dumm, sie weiß um ihr Talent und stellt Bedingungen: luxuriöse Kleider und einen Vertrag für den chinesischen Musiker Jim, der zu ihrem Showact gehört. Ihr Erfolg im Club ist phänomenal – was Mabels Eifersucht hervorruft, zumal ihr nicht entgeht, daß Wilmot sich immer mehr zu der exotischen jungen Frau hingezogen fühlt. Auf der anderen Seite sieht Musiker Jim es gar nicht gern, daß Shosho auf ein Verhältnis mit Wilmot hinzielt, das über das Geschäftliche hinausgeht. Am Ende des Films steht ein Mord und eine Gerichtsverhandlung und ein überraschender Schluß…

Kommentar
Anna May Wong war der erste amerikanisch-chinesische Filmstar. Weil ihr in den Staaten meist stereotype Rollen angeboten wurden, ging sie für drei Jahre nach Europa, wo sie unter der Regie von Richard Eichberg in mehreren deutsch-englischen Co-Produktionen spielte und eben in E.A. Duponts PICCADILLY. Im Titelvorspann wird als Star des Films zwar Gilda Gray (Tänzerin Mabel) hervorgehoben, dennoch dreht sich dieses Melodram um Eifersucht & Verführung mit Krimitönen nur um Anna May Wong. Es dauert rund 15 Minuten bis zu ihrem ersten Auftritt in der Spülküche, die Kamera kriecht langsam an ihren laufmaschigen Nylons entlang. Je weiter Shoshos Karriere fortschreitet, erscheint sie in glamouröseren Fummeln. Die Story ist zwar relativ dünn, aber Wongs Rolle hat es in sich. Shosho wird zunächst als recht naiv geschildert. Erst allmählich wird ihr bewußt, welchen Eindruck sie auf Männer macht. Dies nutzt sie aus und geht rücksichtslos ihren Weg, um aus den Slums des Chinesenviertels in die Glitzerwelt der Metropole aufzusteigen. Ihr orientalischer Tanz, der Wendepunkt des Films, wirkt heute aber irgendwie lächerlich.
Die Glitzerwelt der Großstadt zeigt E.A. Dupont schon im Vorspann, der ein Kapitel für sich ist: London bei Nacht und überall blinkende Fassaden und Leuchtreklamen. Dann fahren Busse vor, auf deren Seiten die Filmcredits wie große Plakate kleben!
Die Kamera in PICCADILLY ist fast ständig in Bewegung. In den Tanznummern am Anfang scheint sie fast zu schweben. Zudem werden manchmal schnelle Schwenks statt Schnitte verwendet, was zusätzlich Tempo verleiht. E.A. Dupont hat ein Gespür für gesellschaftliche Kontraste im Großen (Londons City / Chinatown) wie im Kleinen (Nachtclub / Spülküche). Die Gerichtsszene am Ende ist visuell interessant gestaltet. Der Saal ist ziemlich düster. Licht fällt nur von oben schräg durch ein großes Fenster.

Extras
PICCADILLY entstand an der Schwelle zur Tonfilmzeit. Als Bonus ist auf der DVD der Prolog der Tonfilm-Version enthalten – ich frage mich, ob die Soundversion eigentlich komplett erhalten ist?! Jedenfalls läuft der Prolog 5 Minuten (englisch ohne Untertitel). Wir sehen Wilmot, den wir als Besitzer des Nachtclubs kennen. Diesen hat er aber nun nicht mehr, sondern nur noch ein kleines Gartenlokal. Ein Gast kommt, der Wilmot als ehemaligen Besitzer des Nachtclubs wiedererkennt. Wilmot fängt an zu erzählen, was passiert ist. So gesehen liegt der Prolog also in der Zukunft, während der eigentliche Film nun als Rückblende erzählt wird.
Auf der DVD befindet sich zudem ein 20minütiger Kommentar von Neil Brand, dem Komponisten der neuen Begleitmusik (englisch ohne Untertitel). Während Szenen aus dem Film ablaufen, erläutert er, wie die Melodien zustandegekommen sind und woran er sich orientiert hat. Der Score ist zwar jazzig angehaucht, Neil Brand hat, wie er sagt, aber bewußt darauf verzichtet, die Musik authentisch an einen Stil der 20er Jahre anzulehnen, sondern versucht, sie moderner erscheinen zu lassen.
Die DVD bietet außerdem eine Bildergalerie mit Fotos vom Film und vom Set, sowie Ausschnitte aus weiteren Filmen der arte Stummfilm-Edition.

Zur DVD
Restaurierte Fassung mit engl. ZT und optionalen dt. UT
RC 0 / DVD-9 / PAL
Bild: 4:3 / Ton: DD 2.0
Spielzeit: 108 Min
Neue Musik von Neil Brand
Extras: s.o.
Preis: € 19,90





Kann mich da mal jemand aufklären. Ich hab' woanders auch schon davon gehört, dass es eine Tonfilmversion von dem Film gegeben haben soll. Woher kommt die Information? Ich dachte "Blackmail", der ja erst über ein halbes Jahr später herausgekommen ist, war der erste englische Tonfilm.



von einigen Stummen gibts ne Nachvertonung

Interessant wäre, welche Stummfilme mit deutschen Zwischentiteln weltweit noch erscheinen werden oder sind



Bei www.play.com, dem DVD-Vertrieb aus England, ist die englische DVD für 11.99 Pfund (also ca. 17.50 Euro) (incl. Versand!) erhältlich. Allerdings sind hier keine dt. Zwischen- oder Untertitel aufgelistet. Als Extras sind vermerkt:
* Neil Brand on composing music for Piccadilly
* Prologue from the sound version of the film
* Director's biography
* Anna May Wong biography

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