Stummfilm-Forum von

Zurück zur Übersicht
Autor
Thema: ODNA - ALLEIN auf DVD von absolut Medien


Liebe Stummfilmfans,

Am 15.11.2007 erscheint bei absolut Medien innerhalb der arte Stummfilm Edition ODNA (Allein) vom russischen Regie-Duo Leonid Trauberg und Grigori Kosinzew auf DVD.
Hauptdarstellerin ist die damals 21-jährige Yelena Kuzmina, die bereits ein Jahr zuvor in Traubergs/Kosinzews Revolutionsdrama NOWI WAWILON (Das neue Babylon) spielte.
ODNA wurde 1930 als Stummfilm gedreht, kam aber erst am 10. Oktober 1931 heraus – bearbeitet mit Geräusch (z.B. Vogelgezwitscher, Straßenlärm, Schnarchen) und Sprache (z.B. Lautsprecher, Telefonieren). Ich schätze zu 80% ist ODNA dennoch ein Stummfilm. Die vorliegende Fassung wurde bereits 1966 vom Russischen Filmarchiv restauriert. Der sechste Akt (von sieben) ist verschollen. Texttafeln erklären die fehlende Filmhandlung. Neu ist die rekonstruierte Originalmusik von Dmitri Schostakowitsch. Ein Drittel des Notenmaterials war verloren. In 2000/03 wurde die Musik von Mark Fitz-Gerald rekonstruiert und 2004 von Musikern der Basel Sinfonietta eingespielt (darüber berichten die als Bonus beigefügte Doku „Dmitri Schostakowitsch – Revolutionär des Filmmusik“ und das Booklet),

STORY
ODNA erzählt von der jungen Lehrerin Kuzmina, die sich auf ihre erste Anstellung in Leningrad freut. Sie wird jedoch in einen äußersten Zipfel der damals noch jungen Sowjetunion geschickt, ins Altaigebirge nahe der Mongolei, um dort den Kindern Lesen und Schreiben beizubringen, und somit am Aufbau des Sozialismus beizutragen. Kuzmina will gegen diese Entscheidung Einspruch einlegen, erhofft sie sich doch eine schöne Zukunft an der Seite ihres Liebsten, denn man schmiedet Heiratspläne. Schließlich gibt sie nach. Im Altai erwartet sie eine fremde Welt. Die Menschen leben in Armut in Hütten und sind auf die Schafzucht angewiesen. Ein Schamane übt seltsame religiöse Rituale aus (das vestörende Bild der aufgespannten Haut eines Pferdes prägt sich einem ein). Kuzmina rauft ihren Mut zusammen und beginnt zu unterrichten. Schließlich muß sie Bekanntschaft machen mit dem korrupten Obersten Dorfsowjet und einem ausbeuterischen Kerl, die die Macht im Dorf für sich beanspruchen, die Kinder für sich arbeiten lassen und die Schafe verkaufen. Als Kuzmina sich mit ihnen anlegt, soll sie beiseite geschafft werden…

KURZKRITIK
Die persönliche Entwicklung der naiven jungen Lehrerin Kuzmina, die anfangs noch vom eigenen Glück träumt und am Ende zu einer Art Vorkämpferin der klassenlosen Gesellschaft wird, steht klar im Mittelpunkt der Handlung von ODNA (meistens ist sie in Großaufnahme zu sehen). Der Film kreist um ihren Charakter, ihre Vorlieben, ihre persönlichen Ansichten. Im Gegensatz zu anderen russischen Propagandafilmen betont ODNA nicht in erster Linie Sowjetideologien – obwohl auch diese unübersehbar sind, vor allem am Ende des Films.
Dimitri Schostakowitschs komponierte seine sinfonische Musik für ein großes Orchester. Sie ist mal suggestiv, mal ironisch, und untermalt somit den Stil von Trauberg/Kosinzew: Ungewöhnlich für einen russischen Propagandafilm erscheint z.B. die negative Darstellung des Dorfsowjets. Er ist faul und korrupt (was damalige Kritiker auf den Plan rief), seine polierten hohen Stiefel als Symbol der Macht werden ins Bild gerückt. Die Musik von Schostakowitsch betont die Parodie des selbstherrlichen Machtmenschen. In einer Szene lobt dieser ein Plakat, das für den Rauswurf von Ausbeutern aus dem Dorf appelliert; er selbst aber unterstützt deren Machenschaften.
Trauberg/Kosinzew stützten ihre Geschichte auf eine wahre Begebenheit: Eine Lehrerin stieg während eines Schneesturms aus dem Schlitten. Das Gespann fuhr ohne sie weiter. Halb erfroren wurde sie von Bauern gefunden und mit einem Flugzeug nach Leningrad ausgeflogen. Dieser Storyteil entspricht dem sechsten und siebten Akt von ODNA.
Der Film wurde im Altai an Originalschauplätzen mit Laiendarstellern gedreht. Das Leben in der kargen Winterlandschaft wirkt wie ein harter Kontrast im Vergleich zum pulsierenden Leben in der Großstadt Leningrad in den ersten beiden Akten.

BONUS-MATERIAL
Wer mag, kann im Menü die nicht restaurierte Originaleinspielung (1931) von Schostakowitschs Musik anwählen und ODNA ansehen. Sie ist qualitativ wirklich nicht besonders erhalten. Was sie wertvoll macht, ist, daß sie direkt als Vorlage für ihre Rekonstruktion nach Gehör diente, weil teilweise die originalen Noten fehlten!
Die bereits erwähnte Dokumentation „Dmitri Schostakowitsch – Revolutionär der Filmmusik“ (2006) von Brian Burman stellt den Komponisten vor und erklärt die aufwendige Rekonstruktion der Filmmusik von ODNA. Es werden außerdem Infos zum Werdegang von Trauberg und Kosinzew gegeben. Ein Biograph kommt zu Wort. ODNA wird filmhistorisch eingestuft. Desweiteren werden Ausschnitte aus anderen Trauberg/Kosinzew-Filmen gezeigt.
Die einzige Berechtigung, die der Kurzfilm „Das dumme Mäuschen“ (UdSSR 1939/40) auf dieser DVD zu haben scheint, ist, daß auch hierfür Schostakowitsch die Musik geschrieben hat. Es geht um ein Mausekind, das sich von keinem Tier außer gerade von einer Katze in den Schlaf wiegen läßt. Der Film ist in Farbe und hat leider keine deutschen Untertitel.
Das 20-seitige Booklet erzählt die Handlung von ODNA nach, erläutert (ähnlich wie die Doku) Schostakowitschs Musik und ihre Restaurierung. Dann folgt eine rezeptionsgeschichtliche Einordnung des Films. Das Booklet schließ mit Bio- u. Filmographien zu Kosinzew und Trauberg, sowie Infos zu Mark Fitz-Gerald (er hat die Musik restauriert) und Basel Sinfonietta.

DIE DVD
Restaurierte Fassung (1966) mit neu rekonstruierter Originalmusik von Dmitri Schostakowitsch (2000/03), eingespielt von „Basel Sinfonietta“ (2004)
DVD 9 / RC 0 / PAL
Russische ZT, mit optionalen Untertiteln in Deutsch, Englisch u. Niederländisch
Bild: 4:3 (schwarz/weiß)
Ton: DD 2.0 stereo
Spielzeit: 90 Min.
Bonus: Originaleinspielung der Schostakowitsch-Musik von 1931 (der Film läuft hierbei ohne Untertitel); Doku: „Dmitri Schostakowitsch – Revolutionär der Filmmusik“ (2006) von Brian Burman (22 Min.); Animationsfilm „Das dumme Mäuschen“ (UdSSR 1939/40, 14 Min.) mit der Musik von Schostakowitsch (in Farbe ohne Untertitel); Booklet (20 Seiten)

stumme Grüße
André Stratmann




---------------------------
"Nicht so hastig, junger Freund! Niemand enteilt seinem Schicksal."


Bis "Odna" erscheint, bleiben also noch ein paar Tage, um erst einmal "Das neue Babylon" richtig zu erfassen ...
Die DVD aus der "Arte Stummfilm-Edition" enthält ja die aufgrund von Zensur gekürzte und bearbeitete Fassung - die von wenigstens einem der Regisseure aber noch in den 1970er Jahren autorisiert worden sein soll ... Da möchte aber natürlich jeder Stummfilmfan doch auch die ursprüngliche Fassung kennen, für die Schostakowitsch seine Musik geschrieben hat ... Marek Pytel scheint diese ursprüngliche Fassung, soweit möglich, rekonstruiert zu haben ... Auf seiner Website gibt es einige Informationen dazu, auch ein Manifest der Schauspielertruppe, die "Das neue Babylon" spielte, in englischer Übersetzung: http://www.newbabylon.co.uk/
Hat jemand Pytels Rekonstruktion schon mal gesehen? 75 britische Pfund als Preis für die Edition sind immerhin kein Pappenstiel ...



Die originale, von Dimitri Schostakowitsch komponierte Filmmusik zu "Odna" ist nun auch separat auf CD erhältlich. Eine Kritik zu dieser Veröffentlichung gibt es hier:
Kritik zur Schostakowitsch-CD

----------------------
Vom Rio Grande bis Kap Hoorn - Der Stummfilm in Lateinamerika