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Thema: Eisenstein: "Das Alte und das Neue"


Wie nett von 3sat, uns zum Jahresabschluss noch einen bedeutenden Stummfilm zu kredenzen: Sergej Eisensteins Film "Die Generallinie - Ein Grundstück im Dorf" (GENERALNAJA LINIJA, SU 1926/1929) auch bekannt unter dem Titel "Das Alte und das Neue" (STAROJE I NOWOJE).

Via zdf/arte verfügt man über Naum Klejmans Rekonstruktion, für die obendrein eine mutige und aufschlussreiche neue Musik von Taras Bujewski eingespielt wurde (1997); diese Version lief im März 2007 bereits auf arte. Die Ausgangssituation dafür, den Stummfilmfreunden eine beispielhafte Ausstrahlung zu widmen, wäre also ideal gewesen, zumal der Sendeplatz am Vormittag des vorletzten Tages im Jahr wohl kaum umkämpft war.

Bei 3sat scheint man aber die Titel allzu wörtlich genommen zu habe. "Das Alte" - das ist hier das Standardformat von 4:3, das ist bäh und altmodisch. Nehmen wir also "das Neue", nämlich 16:9, denn das ist schööön und aktuell. Damit 4:3 in 16:9 aufgeht, braucht man nur oben und unten das Bild abzuschneiden, so wie man das früher links und rechts mit den Breitwandformaten machte. Das richtet bekanntermaßen keinerlei Schaden an. Zum Beleg ein paar vergleichende Screenshots der beiden Ausstrahlungen.

Auf den trockenen Zwischentitel "Der Bauernfrühling" folgt dieses Bild (4:3):

3sat präsentiert uns hier dies (16:9):

Wer wird denn mäkeln wollen, bloß weil die beiden keine Füße mehr haben und die junge Bäuerin entstirnt wurde?


Zuletzt bearbeitet: 30.12.08 16:24 von Hofmeister


Da könnte man ja ebensogut darüber schimpfen, dass die Wolke, die eigentlich einsam am Himmel stand...
...in 16:9 plötzlich wirkt, als wäre sie ein Ausschnitt aus einer ganzen Wolkenformation:



Ein Heuschreckenweibchen, das Eduard Tisse so liebevoll portraitierte...

...ist nun aufs schmerzlichste eingeklemmt:

(abgezwackt die Legeröhre und auch hier die Stirn)


Zuletzt bearbeitet: 30.12.08 16:03 von Hofmeister


Eben noch mussten sich die Bauern mit der Sense plagen, jetzt beobachten sie den neuen Balkenmäher:

Aber dass der Vater (links) überhaupt etwas sieht, ist in 16:9 nicht mehr so klar:

War eh überflüssig, dass sein Bub (rechts) auch noch einen Mund hatte, da kann er bloss freche Antworten geben. Sieht so gleich viel besser aus!


Zuletzt bearbeitet: 30.12.08 16:25 von Hofmeister


Aber auch zdf/3sat kommt nicht gänzlich ohne "Das Alte" aus, drum hat man in diesem Fall die Untertitel in der miefigen ZDF-Schrift gesetzt, bei der man nie weiss: Ist das jetzt "Aktenzeichen XY... ungelöst" oder ein Angebot der VW-Kreditbank:

Besonders elegant: Untertitel weiträumig schwarz hinterlegen, damit kein störender Bildinhalt sichtbar bleibt.
Bei arte bevorzugt man die Farbe gelb; das kann zwar auch nerven, aber zumindest wird das Bild weniger verdeckt.


Stellt diese Vorgehensweise jetzt die künftige "Generallinie" bei zdf/3sat für Filme in 'academy ratio' dar? Können wir uns auf mehr abgetrennte Köpfe, Füße, Hände, Straßen&Himmel et cetera, auf mehr abgeschnittene Bildinhalte freuen, nur damit kein Fleckchen des Schirms ungenutzt bleibt?

Die 2x5 screenshots sind hier verkleinert, in meinem flickrstream aber in Originalgröße hinterlegt.
http://www.flickr.com/photos/31478324@N04/sets/72157611837420285/


Zuletzt bearbeitet: 30.12.08 16:26 von Hofmeister


Hallo Hofmeister,

vielen Dank für diese Gegenüberstellung.

Zu der Vorgehensweise von 3sat fällt mir so einiges ein, aber ich behalte es lieber für mich

Grüße, Conrad




Ich kann nur hoffen, dass das ein Versehen war oder ein technisches Gebrechen. Das kann man doch wohl nicht ernst meinen..?



Ich war auch schon verwundert.Ich dachte der Kameramann hätte Mist gebaut.Jetzt weiß ich den Grund für die abgeschnittenen Füße,etc.

"Revenge is sweet, but sometimes a girl is sweeter."



SilentMicky:
Ich kann nur hoffen, dass das ein Versehen war oder ein technisches Gebrechen. Das kann man doch wohl nicht ernst meinen..?

Meines Erachtens war das der volle Ernst. Der Film wurde offiziell in 16:9 angekündigt: http://pressetreff.3sat.de/pd/Sendung.asp?ID=%27C2C6469E45234283%27. Auch die Programmzeitschriften druckten das entsprechende Symbol. Es handelt sich also um Absicht.

Stellt sich nur noch die Frage: Bosheit oder Unverstand? In jedem Fall ein klarer Trend. In den vergangenen Jahren erduldeten wir's zumeist bei Dokumentationen; ganz offensichtlich in 4:3 gedrehtes Material (Interviews etc.) wurde da nicht mit Balken links und rechts versehen (pillarboxed), sondern oben und unten gekappt (cropped), damit's Gelder aus dem "EU-Förderplan 16:9" gab.

Besonders dusseliges Beispiel: Vorgestern lief im BR "Hollywood Gangster", eine der Dokumentationen von Eckhart Schmidt in der Form, auf die er das Patent hat, und die er mittlerweile wohl im Schlaf erstellt (man wünscht es ihm zumindest). Also eine geballte Beliebigkeit aus öden Anekdötchen von Filmemachern ("that's the kind of man he was" / "what a great movie") und banalem Geplapper von Fachleuten ("the gangster dies" / "it's a masterpiece"); zwischendurch fährt die Kamera wild und unmotiviert auf Fotos oder Plakaten herum, damit ja kein unbewegtes Bild übrigbleibt.

In "Hollywood Gangster" nun wurden die üblichen zwei Dutzend Gangsterfilme zitiert, und alles was Standardformat hatte, erlitt die erwähnte Bildverstümmelung. Es scheint, man kann Filme preisen (gern auch ohne Begründung oder jeglichen Erkenntniszuwachs), aber man braucht sie nicht zu respektieren.

Eine bezeichnende Ausnahme gab's aber. Nach etlichen gecroppten oder gezoomten Auszügen (mindestens einmal wurde sogar dreist horizontal gestreckt) war die Schlussszene aus Wellmans THE PUBLIC ENEMY (1931) plötzlich pillarboxed -- denn sonst hätte man gar nicht mehr erkannt, was da geschieht (Tom Powers [James Cagney] stürzt tot ins Bild). Diese Sorge um den Bildinhalt scheint den Beteiligten bei den ganzen vorherigen Ausschnitten nicht in den Sinn gekommen zu sein. Fui Deibel. (Wenn man dieser Dokumentation glaubt, gab es übrigens keine stummen Gangsterfilme)




Da fällt mir in diesem Zusammenhang die Wiederaufführung von Stanley Kubricks "Dr. Seltsam..." ein. Überall ist der Film (in Kino!) nur noch in 16:9 zu sehen, ebenso auf der neuesten DVD-Umsetztung! Jedoch ist der Film ursprünglich in Vollbild gedreht und wechselt innerhalb des Films das Format ganz bewusst "in Richtung" Breitbild, aber nie zu 16:9. Kubrick wollte mit dieser Bildformat-Unterschieden, die ja nun in allen zugänglichen Fassungen verloren gegangen ist, das klaustrophobische der engen Räume betonen ... traurig wie dieses Konzept nun vereitelt wurde ...

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"Du musst Caligari werden - -!"


Hab mich auch schon über das eigenartige Bildformat gewundert. Also, meine kommentare behalte ich da auch besser für mich. Ich hab aber gesehen, dass man den Film auch bei absolut.medien bekommt. Kann man die Veröffentlichung empfehlen oder gibts da noch was Besseres? Nach der DVD mit Kurzfilmen von Buster Keaton bin ich bei denen auch etwas vorsichtig geworden.



Karsten:
Hab mich auch schon über das eigenartige Bildformat gewundert. Also, meine kommentare behalte ich da auch besser für mich.

Schade, ohne vielstimmiges Schimpfkonzert hört man uns nicht!

Ich hab aber gesehen, dass man den Film auch bei absolut.medien bekommt. Kann man die Veröffentlichung empfehlen oder gibts da noch was Besseres?

Die Generallinie von Absolut Medien ist identisch mit der arte-Ausstrahlung, sprich: die Klejman-Rekonstruktion im korrekten Format einschließlich der besonders gelungenen Musik von Taras Bujewski. Als Zuwag gibt's eine Dokumentation über Eisenstein vom eingespielten Team Bulgakowa/Hochmuth!



Ich habe festgestellt, daß mein Wissen, bzgl. der 16:9 - Thematik doch sehr lückenhaft war.

Diese Lücke konnte ich Dank der Wikipedia schließen

http://de.wikipedia.org/wiki/16:9

Grüße, Conrad




Hallo,

ein Herr Forst vom ZDF
(Achim Forst
HR Spielfilm/Dokukanal
Filmredaktion 3sat
55100 Mainz
Deutschland

Telefon: +49(0)6131-70-5443
Fax: +49(0)6131-70-9496
E-Mail: Forst.A@zdf.de Web: www.3sat.de/film)

hat mir auf meine Beschwerde wegen der Bildverstümmelung folgendes per Mail am 02.04. geantwortet:
Also: Danke für Ihre Mail vom 1.1.09, in der Sie Ihr berechtigte Verärgerung über die 16:9-Ausstrahlung des Stummfilms "Die Generallinie" zum Ausdruck bringen. Danke auch, weil Sie wie mehrere andere Zuschauer damit zum Ausdruck bringen, dass Sie unsere Ausstrahlungen von Stummfilmklassikern nicht nur wahrnehmen, sondern auch - hier bezüglich des Formats - kritisch verfolgen. Es wird sie vielleicht verwundern, aber darüber freuen wir uns, weil Sie damit die jahrzehntelangen Bemühungen des ZDF und von 3sat um formatgerechte Filmabtastungen und -Ausstrahlungen unterstützen und bestätigen.
>
> Vielleicht können sie sich nun - mit diesen Hintergrundinformationen - vorstellen, dass wir als Redaktion uns über die falsche Ausstrahlung eines Films, der in korrekter Sendefassung vorlag (Format 4:3), mindestens genauso ärgern wie Sie als Zuschauer. Trotzdem meinen wir , dass wir angesichts unserer viele Jahre geübten Praxis und Grundeinstellung zu diesem Thema (möglichst formatgerechte Ausstrahlung) den zynisch-harschen Ton Ihrer Kritik nicht verdient haben.
>
> Nun zur Sache selbst: Das Ausstrahlungsformat des Films (4:3) ist in der von mir verantworteten Presseveröffentlichung wie auch in der sogenannten MAZ-Karte (das ist sozusagen der Personalausweis des Films) des ARTE-Sendebandes korrekt eingetragen worden. (In ARTE war der Film als ZDF/ARTE-Einbringung erstmals gezeigt worden.) Die von mir geprüfte Untertitel-VHS-Kassette hatte auch das richtige Format. Erst danach ist es bei der Überspielung der Untertitel im ZDF-Studio Düsseldorf durch den Fehler eines technischen Mitarbeiters zu der falschen Überspielung und späteren Ausstrahlung gekommen. Wir haben uns anlässlich dieses Falls weitergehende Gedanken gemacht, wie man auch einen solchen, bisher nicht vorgekommenen Fehler rechtzeitig erkennen kann.
.

Ich finde es gut, daß, wenn auch nach sehr langer Zeit, jemand geantwortet hat. Man kann die Angelegenheit jetzt einfach weiter beobachten.

Ein Adressat für kritische Nachfragen ist jedenfalls hiermit greifbar. Deswegen trage ich auch die Daten des Herrn Forst hier ein.

Mit freundlichen Grüßen

Andrew



Ich habe die Vermutung, dass so manch Verantwortlicher in Sachen Stummfilm, sowohl TV als auch DVD-Label oder Kinematheken, dieses Forum zumindest liest. Wer sich im deutschsprachigen Raum mit dem Thema befasst, kommt doch eigentlich gar nicht an diesem Forum vorbei. Es ist schließlich das einzige, welches sich ausschließlich mit dem Stummfilm beschäftigt. Dabei sollten auch unsere hier geäußerten Meinungen die Verantwortlichen interessieren. Wir sind die Basis! Wir kaufen die DVDs, lesen die Bücher, sehen die Fernsehausstrahlungen.
Ich würde mir wünschen, dass sich Verantwortliche der Sender und DVD-Verlage auch aktiv in die Diskussion einbringen würden.

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Vom Rio Grande bis Kap Hoorn - Der Stummfilm in Lateinamerika
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