Stummfilm-Forum von

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Thema: Stummfilm-Exoten


Nach dem wir bereits viele interessante Themen und eine Menge Infos in diesem Forum gelesen haben, die meistens Filme aus Deutschland, den USA, Frankreich, UdSSR oder Italien behandelten, wäre es doch mal interessant, wenn wir hier auch Informationen aus anderen Ländern sammeln könnten. Daher möchte ich den Anfang machen und meine bisherigen Infos zu venezolanischen Stummfilmen präsentieren:

VENEZUELA

Die erste Vorführung venezolanischer Stummfilme fand am 28. Januar 1897 in Maracaibo statt:
"Un célebre especialista sacando muelas en el Gran Hotel Europa" (Ein gefeierter Spezialist zieht Zähne im Hotel Europa)
"Muchachos bañándose en la laguna de Maracaibo" (Badende Leute in der Bucht von Maracaibo). Regie beider Kurzfilme führte Manuel Trujillo Durán.
Der erste wirkliche Spielfilm entstand im Jahr 1916 unter der Regie von Enrique Zimmermann:
"La Dama de las Cayenas" (aka "Pasión y Muerte de Margarita Gutiérrez")(etwa: Die Cayenne-Pfeffer-Dame/Leidenschaft und Tod der Margarita Gutiérrez). Bei diesem Film handelt es sich um eine Parodie auf "Die Kameliendame". 1919 entstand unter der Regie von Lucas Manzano "Don Leandro, el inefable"* (Don Leandro der Unbeschreibbare/Unbeschreibliche).
Es dauerte aber bis 1924, um den ersten abendfüllenden Spielfilm zu drehen: "La Trepadora" (ist, glaube ich, eine Pflanze), für dessen Produktion die frisch gegründete Produktionsfirma Triunfo Film, gegründet von Edgar J. Anzola und Jacobo Capriles, verantwortlich war. Ein Jahr später produzierten sie "Amor, tú eres la vida" (Liebling/Liebe, Du bist das Leben).
1927 gründete das Ministerium für öffentliche Arbeit das Nationale Kinematographische Laboratorium. Venezuela war damals eine Diktatur und die Filmindustrie in diesen staatlichen Händen. Unter dieser Behörde drehte Amábilis Cordero einige wichtige Werke:
"Los milagros de la Divina Pastora" (1928)*
(Die Wunder der Göttlichen Hirtin)
"La Cruz de un Ángel" (1929)*
(Das Kreuz eines Engels)
"La Tragedia del piloto Landaeta" (1931)
(Die Tragödie des Piloten Landaeta)
"Amor y fe a la Divina Pastora" (1931)
(Liebe und Glaube an die Göttliche Hirtin)
Im Jahre 1931 wurde außerdem der Film "La tragedia de la escuela Wohnsiedler" (Die Tragödie der Wohnsiedler-Schule) produziert.

Es gibt zu diesem Thema leider bisher nur eine einzige DVD. Das brasilianische Label Funarte hat unter dem Titel "Don Leandro, el inefable" eine DVD mit den drei von mir mit einem Stern markierten Filme veröffentlicht. Über den Regional Code weiß ich nichts. Wer mir Infos oder Bezugsmöglichkeiten dieser DVD oder der anderen Filme liefern kann, möge mir bitte schreiben.

Die Übersetzungen sind von mir, damit ohne Gewähr und stellen keinen offiziellen deutschen Verleihtitel dar. Ich bezweifle, dass jemals auch nur irgendeiner dieser Filme mit Deutschland in irgendeiner Form in Kontakt gekommen ist.



Kleine Korrektur:
Das Wort "cayena" bezeichnet nicht das Gewürz Cayenne-Pfeffer, sondern eine Blume. Damit wird der Filmtitel "La dama de las cayenas" auch vom Name her der parodierten "Kameliendame" ähnlicher. Sorry!



PERU

Die erste öffentliche Vorführung erfolgte am 2. Januar 1897 im Süßwarengeschäft Jardín Estrasburgo, Lima, unter Anwesenheit einiger Minister und des Staatspräsidenten.
Seit 1899 entstanden diverse Kurzfilme mit Aufnahmen peruanischer Landschaften, u.a. durch die Produktionsfirmen Pathé und Cinema Teatro, deren Autoren und Regisseure jedoch unbekannt sind.
Der erste Spielfilm "Negocio al agua" (Geschäft im Wasser) entstand 1913. Geschrieben wurde er von Federico Blume y Corbacho und die Hauptrollen spielten Carmela Villarán Rey und Luis Revett y Montero. Zwei große Erfolge wurden die beiden Filme "Luis Pardo" (1927) und "La Perricholi" (1928). Letzterer behandelt die bekannte Beziehung einer Mestizin mit einem Herren vom spanischen Hof. Die zwei letzten Stummfilme entstanden 1933:
"Cómo serán nuestros hijos" (Wie unsere Kinder sein werden) und
"Yo perdí mi corazón en Lima" (Ich verlor mein Herz in Lima), Regie: Alberto Santana.
Insgesamt ist die peruanische Stummfilmproduktion viel geringer und unbedeutender als in den anderen Ländern Südamerikas.

Der letztgenannte Film ist auf DVD von Funarte, Brasilien, verlegt worden.

Übersetzungen wie immer ohne Gewähr.



Die chilenische Kinoära begann im Jahre 1902 mit der Vorführung des kurzen Dokumentarfilms „Ejercicios de bomberos en Valparaíso“ (Übungen der Feuerwehr in Valparaíso). In der Folgezeit blieb es bei der Produktion kurzer Dokus, die das alltägliche Leben in Chile schilderten und in Theatern und Tanzsälen aufgeführt wurden. Da die Regierung nicht viel von der Förderung einer eigenen Filmindustrie hielt, blieb es Einzelpersonen überlassen, die Filmkunst in Chile voranzutreiben. Dabei sind zwei Namen wichtig: Salvador Giambastiani und Pedro Sienna.
Der gebürtige Italiener Giambastiani war 1915 nach Chile ausgewandert und gründete dort ein Filmstudio. Hier entstanden die ersten wichtigen Spielfilme in Chile:
„Santiago antiguo“ (Altes Santiago),
„La baraja de la muerte“ (Das Kartenspiel des Todes),
„Fiestas de los estudiantes“ (Feste der Studenten),
„Recuerdos del mineral de El Teniente“ (Erinnerungen an die Mineralien von El Teniente. Vermutlich ist „El Teniente“ hier ein Eigenname, vielleicht einer Mine. In der wörtlichen Übersetzung wäre es „Der Leutnant“).
Giambastiani gründete mit den Unternehmern Luis Larraín Lecaros und Guillermo Bidwell die Chile Film Co., die unter anderem „El hombre de acero“ (Der Mann aus Stahl) mit Pedro Sienna und Rafael Frontaura in den Hauptrollen produzierte.
Pedro Sienna war als Schauspieler, Produzent und Regisseur tätig. 1924 spielte er die Hauptrolle in „Agua de vertiente“ (Quellwasser) mit einer nackten Frau (Skandal!). Zwei Jahre später folgte „La última trasnochada“ (Die letzte Übernachtung), wieder an der Seite von Rafael Frontaura. Später drehte er für Andes Films den wohl wichtigsten chilenischen Stummfilm „El húsar de la muerte“ (Der Husar des Todes) über das Leben von Manuel Rodríguez.

Übersetzungen wie immer ohne Gewähr.



KOLUMBIEN

Die Entwicklung der Filmindustrie verlief in Kolumbien noch viel langsamer als in anderen Ländern Lateinamerikas. Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einigen Wandervorführungen durch die Edison Company, doch dauerte es bis zum November 1910, dass durch die Brüder Vicente und Francisco Di Domenico erstmals zwei Projektoren, ein Generator und einige Filmrollen dauerhaft aus Italien nach Kolumbien geschafft wurden. Die beiden Brüder begannen mit Vorführungen auf dem Bazar Veracruz in Bogotá. Der Erfolg war so groß, dass sie bereits 1912 in das Theater Salón Olympia mit einer Kapazität von 3000 Zuschauern umziehen konnten.
Den ersten Versuch einer eigenständigen Industrie gab es 1913 mit der Gründung der Sociedad Industrial Cinematográfica Latino Americana (SICLA). Zu dieser Zeit filmte Francisco Di Domenico bereits kleinere Nachrichten, aber das Publikum verlangte nach Fiktion.
Die Verfilmung von Jorge Isaacs' „Maria“ unter der Regie des Spaniers Máximo Calvo, gedreht zwischen 1912 und 1922 (!) wurde der erste große Klassiker des kolumbianischen Films und ein Erfolg im In- und Ausland. Auch die Gebrüder Di Domenico blieben nicht faul und bauten auf dem Grundstück des Salón Olympia mit Hilfe der SICLA ein Studio auf, wo sie „Aura o las violetas“ (Lufthauch oder die Veilchen) drehten, einen Film auf dem Roman von José Maria Vargas Vila basierend.
Konkurrenz erwuchs den beiden Italienern durch den vom Theater kommenden Arturo Acevedo und seinen Söhnen Álvaro und Gonzalo, die mit „La tragedia del silencio“ (Die Tragödie des Schweigens) vom Vorführen in die Produktion überwechselten. Im Jahr 1920 gründeten sie gar die Casa Cinematográfica Colombia.
Langsam tat sich also etwas. Die SICLA konnte mittlerweile in eigenen Studios mit neuester Technik arbeiten und so „Como los muertos“ (Wie die Toten) herstellen. Die Kosten waren in jener Zeit allerdings unnötig hoch, da die weiblichen Rollen mit ausländischen Darstellerinnen besetzt werden mussten. Der konservative Zeitgeist verbot es jungen Mädchen auf der Leinwand zu erscheinen, wollte man nicht gesellschaftlich und familiär ruiniert sein.
Auch in anderen Städten Kolumbiens wuchs das Interesse am Film. In Medellín drehten die Acevedos dank der Unterstützung des Millionärs Gonzalo Mejía und seiner Produktionsfirma „Bajo el cielo antioqueño“ (Unter dem Himmel von Antiochia) und in Cali entstand durch eine Gruppe von Geschäftsleuten die Colombia Film Company, welche als nur gewinnfixiertes Unternehmen zweitklassige Streifen produzierte.
Der wild wuchernde Kapitalismus führte zur Schließung vieler Studios und der Abwicklung des Di-Domenico-Unternehmens durch die 1927 gegründete Cine Colombia. Das Verschwinden der Studios in Bogotá und das Scheitern der Geschäftsleute in Cali führte zu einem Zusammenbruch der Filmindustrie. Es wurde dunkel in Kolumbien. So dauerte es bis ins Jahr 1941, dass der erste narrative Tonfilm entstehen konnte.

Übersetzungen wie immer ohne Gewähr.



Vielen Dank, so ein Blick über den Tellerrand ist doch immer interessant!



BOLIVIEN

Auch in Bolivien gab es 1897 die ersten Filmvorführungen. Sie fanden im Teatro Municipal in der Hauptstadt La Paz statt. Erst 1904 entstanden die ersten im Land gedrehten Szenen, die natürlich Personen des öffentlichen Interesses zum Thema hatten. So trug der erste bolivianische Film bezeichnenderweise den Titel „ Retrato de Personajes Históricos y de Actualidad“ (Porträt historischer und aktueller Persönlichkeiten).
Mit Luis Castillo und J. Goytisolo tauchten 1912 die ersten bolivianischen Cineasten auf, welche aber noch kurze lokale Szenen filmten, wie etwa Feste, Märsche oder ähnliche „Ereignisse“. Der erste große Regisseur war, welch Überraschung, ein Italiener. Pedro Sambarino war 1923 nach Bolivien gekommen, nachdem er bereits einige Jahre in Argentinien gearbeitet hatte. Produziert von Bolivia Films drehte er den Dokumentarfilm „Por mi patria“ (Für mein Vaterland) und 1925 den ersten abendfüllenden Spielfilm „Corazón aymara“ (Aymara-Herz; Die Aymara sind ein indigenes Volk Boliviens, das zwischen 30-40 % der Bevölkerung stellt. Ihre Sprache ist neben Spanisch und anderen indigenen Sprachen Amtssprache.).
Im gleichen Jahr entstand „La profecía del lago“ (Die Prophezeiung des Sees) unter der Regie von José María Velasco Maidana. Dieser Film wurde durch die Zensur verboten, da er die Liebe zwischen einem Indio und einer Weißen zeigte. Velasco Maidana gründete später die Urania Films und drehte neben einigen Kurzfilmen den Monumentalfilm „Wara Wara“ über die Zeit der spanischen Eroberung. Dieser Film war gespickt mit vielen bekannten Namen und ein großer Kassenerfolg.
Obwohl Mario Camacho 1933 den technisch noch dürftigen ersten Tonfilm Boliviens in die Kinos brachte, „ Hacia la gloria“ (etwa: Zum Ruhm; Titel vieldeutig), dauerte die Stummfilmepoche noch in den 30er Jahren an. Es fehlten einfach die technischen Möglichkeiten zur Produktion von Tonfilmen. Das häufigste Thema bolivianischer Stummfilme in den 30ern war der Krieg, bedingt durch den Konflikt mit Paraguay (1935-38). Erst in den 40er Jahren setzte sich auch in Bolivien der Tonfilm durch.

Übersetzungen wie immer ohne Gewähr.



GRIECHENLAND

Im Frühjahr 1897 begann zumindest für die Athener das kinematographische Zeitalter mit einer Vorführung von Lumiere-Filmen. Die ersten griechischen Filmszenen entstanden 1906 durch die Brüder Jannis und Miltos Manakia in der Region Mazedonien. Im gleichen Jahr verewigte der Franzose Leons einige Sportszenen der inoffiziellen Olympischen Zwischenspiele in Athen.
Zwei Jahre später öffnete das erste Athener Lichtspieltheater seine Pforten. Dies war der Beginn einer langsamen aber stetigen Gründungswelle von Kinosälen.
Der griechische Film nahm ebenfalls langsam Formen an. 1910 und 1911 entstanden unter Spyros Dimitrakopoulos eine Reihe von kurzen Komödien, in denen der Regisseur auch oft die Hauptrolle inne hatte. Produziert durch Asty Film wurde 1914 dann der erste abendfüllende Spielfilm „Golfo“, eine dramatische Liebesgeschichte, gedreht.
Bedingt durch den Ersten Weltkrieg und der anschließenden Auseinandersetzung zwischen Griechen und Türken, die schließlich in der Vertreibung der Griechen aus Kleinasien gipfelte, kam die Spielfilmproduktion fast völlig zum Erliegen. Es wurden ausschließlich Nachrichten von den Schlachtfeldern gezeigt. Regisseure wie Georgios Prokopiou oder Dimitris Gaziadis drehten einfache Filme, die Bilder des Krieges oder der Vertreibung zeigten.
Anfang der 20er Jahre entstanden anspruchslose Komödien, deren kommerziell erfolgreichste „Villar im Damenbadehaus in Faliro“ (1920) war. Der Komiker Villar (eigentlich Nikolaos Sfakianakis) von der Insel Kreta führte hier Regie, schrieb das Drehbuch und spielte die Hauptrolle.
Ab 1927 begann der griechische Film anspruchsvoller zu werden. Doug-Films produzierte in den Jahren 1928-31 eine Reihe historischer und literarischer Filme, deren nennenswerteste „Daphnis und Chloe“ (1931, Regie: O. Laskos) und „Liebe und Wellen“ (1928, Regie: D. Gaziadis) waren. Im Film „Daphnis und Chloe“ war die erste nackte Frau des europäischen Films zu sehen. 1932 endete mit D. Tsakiris' „Der Liebhaber der Schäferin“, dem ersten griechischen Tonfilm, Hellas' Stummfilmära.



BRASILIEN

Die brasilianische Filmära begann am 8. Juli 1896 mit einer Vorführung in Rio de Janeiro. Zwei Jahre später wurden durch den Italiener Alfonso Segreto von Bord des Überseeliners „Brésil“ bei der Einfahrt in die Bucht von Guanabara die ersten Aufnahmen Brasiliens gefilmt. Bis 1903 waren er und sein Bruder Paschoal mit ihren kurzen Dokumentarfilmen die größten Produzenten und Vorführer des Landes.
In den Jahren zwischen 1908 und 1910 explodierte die Filmproduktion, die mit 209 Filmen im Jahr 1910 ihren Höhepunkt erreichte. Diese Jahre werden daher als „bella época del cine brasilero“ bezeichnet. Aber ab 1911 wurde der Markt mit nordamerikanischen Werken überschwemmt, sodass die einheimische Filmproduktion erstickt wurde. Gedreht wurden in der goldenen Zeit u. a. viele Komödien und Krimis. Von letztgenannten seien „O crime da mala“ und „Os estranguladores“ (Die Würger) erwähnt.
Mit dem Rückgang der einheimischen Filmindustrie zerfiel die Produktion in regionale Kreise, die nicht miteinander in Verbindung standen, aber wenigstens so die brasilianische Kinematographie aufrechterhielten. Herausragend unter diesen Kreisen war die Produktion in Cataguazes, Pelotas, Barbacena und São Paulo.
Thematisch drehten sich die Filme der 10er Jahre um Literaturverfilmungen und patriotische Dramen. Vorreiter der literarischen romantischen Welle war der eingewanderte Italiener Vittorio Capellaro. Im Unterhaltungsfilm ging der Stern von Luis de Barros, ein Vielfilmer mit fast zwanzig Werken zwischen 1915 und 1930, in jenen Tagen auf.
Im nachfolgenden Jahrzehnt verschob sich das kinematographische Epizentrum nach Campinas und Recife. Besonders in Recife wurden viele Kurzfilme mit kleinem Budget, aber viel jugendlichem Enthusiasmus gedreht. Im Bereich der Dokumentarfilme waren die Regionen Curitiba (mit Arthur Rogge und João Batista Groff) und Manaus (mit Silvino Santos) wichtig. Mit dem Beginn der Tonfilmzeit kam das Ende der regionalen Kreise.
In der zweiten Hälfte der 20er Jahre begannen die beiden größten Stummfilmregisseure Brasiliens ihre Arbeit. Humberto Mauro, der Phebo Filme mitgründete, drehte vier abendfüllende Spielfilme in Cataguazes:
„Na primavera da vida“ (Der Frühling des Lebens)
„Tesouro perdido“ (Verlorener Schatz)
„Brasa dormida“ (Schlafende Kohlen)
„Sangue mineiro“ (Minenblut)
Der andere war Mario Peixoto, der mit „Limite“ (Grenze) den für viele Kritiker besten Film der brasilianischen Geschichte drehte.
Am dem Ende der Stummfilmzeit entstand ebenfalls „Barro humano“ durch Paolo Benedetti.

Übersetzungen, hier insbesondere die portugiesischen Filmtitel, wie immer ohne Gewähr.



Neben den bereits genannten venezolanischen und peruanischen Filmen hat Funarte natürlich auch noch einige der brasilianischen Filme meines vorherigen Beitrags auf DVD veröffentlicht:
- Brasa dormida
- Sangue mineiro
- Tesouro perdido
- Limite
RC unbekannt!



URUGUAY
Im Jahr 1896 war Montevideo, die Hauptstadt Uruguays, nichts anderes als ein Dorf mit einem sehr aktiven Hafen am Rio de la Plata. Da Südamerika über die Atlantikhäfen Ziel vieler Einwanderer war, die sich wehmütig an die Alte Welt erinnerten, gab es viel Interesse an den Neuerungen Europas. Am 5. April 1896 berichtete die Zeitung „El Siglo“ zum ersten Mal über den Kinematograph der Brüder Lumière. Nur drei Monate später, genauer gesagt am 18. Juli, gab es die erste öffentliche Vorführung im Tanzsaal „Salón Rouge“. Für einen Eintritt von 40 Centésimos konnte man der Vorstellung beiwohnen, die immerhin nur wenige Tage nach der ersten Vorführung in Lateinamerika überhaupt (Rio d. J., vgl. Brasilien) stattfand. Danach folgten in einigen Theatern Montevideos weitere Vorstellungen, welche im übrigen lediglich die Pariser Lumière-Filme zeigten.
Im Jahr 1898 kehrte der in Uruguay lebende spanische Geschäftsmann Félix Oliver von einer Europareise zurück, wo er das Glück gehabt hatte, höchstpersönlich die Gebrüder Lumière zu treffen und ihnen eine Kamera, einen Projektor und Negative abkaufen zu können. So ausgerüstet drehte er mit einer einzigen Einstellung den ersten kurzen uruguayischen Film „Una carrera de ciclismo en el velódromo de Arroyo Seco“ (Ein Radrennen im Velodrom Arroyo Seco). Doch Oliver wollte sich technisch weiterbilden und ließ sich Anfang des neuen Jahrhunderts in Frankreich von George Mèliès einige handwerkliche Kniffe beibringen, die er bei seiner Rückkehr nach Montevideo gleich im Kurzfilm „Oliver, Juncal 108“ (merkwürdiger Titel, das Wort „juncal“ bezeichnet eigentlich ein Binsengebüsch) verarbeitete. Weitere Filme entstanden in den folgenden Jahren: „Viaje en ferrocarril a Peñarol“ (Zugfahrt nach Peñarol), „Desfile militar en la Parva Domus“ (Militärmarsch in der Parva Domus) und „Zoológico de Villa Dolores“ (Der Zoo der Villa Dolores).
Mit dem von dem argentinischen Unternehmen Lepage geschickten Franzosen Corbicier, der aktuelle Aufnahmen für dessen Nachrichtenblätter suchen sollte, kam 1904 der zweite Filmpionier Uruguays ins Land. In dem zu jener Zeit von einem Bürgerkrieg geschüttelten Staat drehte Corbicier heute nur noch fragmentarisch erhaltene Kurzfilme über den Krieg und den Frieden von 1904, „La paz de 1904“. Weitere Filme: „Corrida de toros en la Unión“ (Stierkampf in der Unión, vermutlich eine Arena) und einen heute verschollenen Dokumentarfilm über den Dichter Juan Zorrilla de San Martín.
1910 erschien mit Lorenzo Adroher ein weiterer Pionier auf der Bildfläche. Er gründete zusammen mit seinem Bruder Juan das Kino „Biógrafo Lumière“ mit Vorführsaal und eigenem Entwicklungslabor. Lorenzo hatte 1909 in Lyon dafür sieben Kameras und einen Projektor von der Firma Lumière gekauft, die er nutzte, um zwischen 1910 und 1914 Filme wie „Desfile de la marinería española por las calles 18 de Julio y Sarandí“ (Marsch der spanischen Seeleute in den Straßen 18. Juli und Sarandí), „Carreras en Maroñas“ (Rennen in Maroñas) und „Procesión de Corpus Christi“ (Osterprozession) zu drehen, leider alle verschollen. Diese im „Lumière“ gezeigten Dokumentarfilme waren nicht sehr ambitioniert, hatten aber den Vorteil, dass sie am gleichen Tag gefilmt, entwickelt und vorgeführt wurden.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs traf Uruguays Filmindustrie hart. Es gab keine Negative mehr und die Kosten explodierten, was u. a. zum Bankrott der Gebrüder Adroher führte. Nach dem Krieg war die nationale Filmindustrie am Boden. Wer als Techniker oder Schauspieler halbwegs gut war, überquerte den La Plata um sein Glück im kulturell boomenden Buenos Aires zu suchen. Die Kinosäle Montevideos wurden durch argentinische Produktionen gefüllt.
Filme entstanden in den ersten Nachkriegsjahren nur aus Wohltätigkeit. So finanzierte die philanthropische Gesellschaft Bonne Garde 1919 den halbwegs abendfüllenden Streifen „Pervanche“ von León Ibáñez (und nochmals 1928 den amateurhaft gespielten „Del pingo al volante“ von Roberto Kouri).
Es dauerte bis 1923, dass mit „Almas de la costa“ (Seelen der Küste) von Juan Antonio Borges, produziert von Charrúa Films, der erste abendfüllende Spielfilm Uruguays gedreht und vorgeführt wurde. Versuche gab es bereits vorher. Vier Jahre zuvor scheiterte der Film „Puños y nobleza“ (Fäuste und Edelmut) mit dem nationalen Boxchampion Angelito Rodríguez in der Hauptrolle. Er wurde nie veröffentlicht. Doch zurück zu Borges' Meisterwerk „Almas de la costa“, einer milieugetreuen Liebesgeschichte zwischen einem Fischer und einer Frau, die ein Riesenerfolg in Uruguay wurde und zwei Jahre lang in den Kinos lief. Von diesem Film existieren noch 43 Minuten des Originals. Leider ging Charrúa Films 1927 mit dem Flop des zweiten Spielfilms „Aventuras de una niña parisién en Montevideo“ (Abenteuer eines Pariser Mädchens in Montevideo), gedreht vom Franzosen Georges Neuville, schon wieder pleite.
Der größte Kassenerfolg aller Zeiten des uruguayischen Films war der 1929 von Carlos Alonso gedrehte Spielfilm „El pequeño héroe del Arroyo de Oro“ (Der kleine Held des Arroyo de Oro) mit Ariel Severino, Vicente Rivero und Alberto Candeau in den Hauptrollen. Der auf Tatsachen basierende Film handelt von der Heldentat des neunjährigen Dionisio Díaz, der unter Einsatz seines Lebens seine einjährige Schwester vor den Angriffen des verrückten Großvaters rettet. Dieser Vorfall, der im gleichen Jahr stattfand, hat die Gemüter der Uruguayer so bewegt, dass sie für einen Kassenerfolg sorgten und 1954 dem kleinen Dionisio in seinem Heimatdestrikt ein Denkmal aufstellten. Aufgrund des Erfolgs brachte Alonso fünfzehn Jahre später eine vertonte Version heraus. Die Tonfassung ist verschollen, aber von der stummen Version fand man in den 70er Jahren ein Negativ und das Stück einer Kopie in sehr schlechtem Zustand. Restauriert wird der Film nun in der Cinemateca Uruguaya aufbewahrt.
Bis zum Durchbruch des Tonfilms 1936 folgten nur noch Dokumentarfilme, wie z. B. über die Fußball-WM 1930 im eigenen Land oder „Cielo, agua y lobos“ (Himmel, Wasser und Wölfe), dem ersten abendfüllenden Dokumentarfilm von Justino Zavala Muniz.

Übersetzungen wie immer ohne Gewähr.



TÜRKEI

Die erste öffentliche Filmvorführung mit dem Kinematograph wurde 1897 von Sigmund Weinberg, einem in Istanbul lebenden Rumänen, in dessen Café-Bar in Pera durchgeführt. Von 1908 an öffneten dann immer mehr Filmtheater in diversen Städten, meist im Besitz von Ausländern oder Minderheiten.
Das türkische Filmschaffen begann am 14. November 1914, kurz nach Eintritt des Osmanischen Reiches in den Ersten Weltkrieg. Dementsprechend stand das Thema des durch den Armeeoffizier Fuat Uzkınay gedrehten Dokumentarfilms in Verbindung mit dem Krieg: „ Ayos Stefanos'taki Rus Abidesinin Yıkılışı“ (Die Zerstörung des Russischen Denkmals in St. Stephan).
Der osmanische Kriegsminister Enver Pascha ordnete 1915 die Gründung eines Armee-Film-Centers mit Weinberg als Direktor und Uzkınay als Assistenten an. Hauptsächlich wurden Kriegsaufnahmen für Dokumentationen oder Wochenschauen sowie Bilder des Besuchs verbündeter Regenten gedreht. Dennoch begann Weinberg 1916 mit dem ersten Spielfilm, nachdem zuvor die Adaption eines populären Theaterstücks am Tod eines Hauptdarstellers gescheitert war. „Himmet Ağanın İzdivacı“ (Die Heirat von Meister Himmet) litt allerdings unter ähnlichen Problemen, als während der Dreharbeiten die meisten Schauspieler zum Kampf um die Dardanellen rekrutiert wurden. Erst nach dem Krieg konnte Uzkınay, nachdem er Weinberg an der Spitze des Film-Centers ersetzt hatte, den Film beenden.
Noch während des Kriegs drehte der zwanzigjährige Journalist Sedat Simavi, Ende der 40er Jahre Gründer der noch heute existierenden Zeitung „Hürriyet“, die auch fertiggestellten Filme „Pençe“ (Die Klaue) und „Casus“ (Der Spion).
Unter den schwierigen Bedingungen der Nachkriegszeit und des Unabhängigkeitskriegs unter Führung Mustafa Kemals, gen. Atatürk, gegen die Griechen, entstanden nur wenige Spielfilme. Zum einen 1919 „Mürebbiye“ (Die Gouvernante) und „Binnaz“, beide gedreht durch Ahmet Fehim, und zum anderen Filme mit dem durch den Komiker Şadi Fikret Karagözoğlu geschaffenen komischen Charakter Herr Bican. 1921 entstanden drei Filme mit Herrn Bican: „Bican Efendi Vekilharç“ (Herr Bican, Sekretär), „Bican Efendi Mektep Hocası“ (Herr Bican, Lehrer) und „Bican Efendi'nin Rüyası“ (Herr Bicans Traum).
Eine neue Ära begann 1922, kurz vor dem Ende des Unabhängigkeitskriegs, mit der Gründung der ersten Filmgesellschaft „Kemal Film“ durch die Brüder Kemal und Şakir Seden. Der passende Regisseur dazu war Muhsin Ertuğrul, der bereits im Ausland Erfahrung als Schauspieler und Regisseur gesammelt hatte. Er bestritt die türkische Filmproduktion bis in die 30er Jahre praktisch im Alleingang. In diesem Jahr entstanden erstmal „Istanbul'da Bir Facia-i Aşk“ (Eine Liebestragödie in Istanbul) und „Boğaziçi Esrarı / Nur Baba“ (Das Geheimnis des Bosporus / Vater Licht). Letzterer, basierend auf einem Roman von Yakup Kadri Karaosmanoğlu, machte die Sekte „Bektaşi“ auf sich aufmerksam, die aus unerfindlichen Gründen annahm, der Film würde sich gegen ihre religiösen Lehren richten. Während der Dreharbeiten überfielen sie die Crew, sodass die Polizei die Schauspieler schützen musste. Der Hauptdarsteller floh und weigerte sich, den Film fortzusetzen. Aber nach vielen Schwierigkeiten wurde der Film schließlich vollendet.
Mit der Gründung der Türkischen Republik 1923 wurde auch den Frauen die Freiheit der Arbeit gestattet. Mit Bedia Muvahhit und Neyyire Neyir standen die ersten Schauspielerinnen vor der Kamera. Ertuğrul drehte in diesem Jahr „Ateşten Gömlek“ (Das Feuerhemd), „Leblebici Horhor“ und „Kız Kulesinde Bir Facia“ (Eine Tragödie in Kız Kule). Im folgenden Jahr produzierte er nur „Sözde Kızlar“ und ging danach für einige Jahre in die Sowjetunion.
Erst 1928 nahm Ertuğrul seine Arbeit in der Türkei wieder auf. Für die neu gegründete „Ipek Film“ drehte er „Ankara Postası“ (Der Kurier von Ankara) und „Kaçakçılar“ (Die Schmuggler). Es war dann auch Ertuğrul, der 1931 die Stummfilmzeit in der Türkei beendete und nicht nur den ersten Tonfilm, sondern auch die erste türkische Koproduktion drehte. „Istanbul Sokaklarında“ (Die Straßen von Istanbul) entstand mit türkischen, ägyptischen und griechischen Darstellern und wurde in Paris synchronisiert.



ISLAND

Der skandinavische Stummfilm ist ja allgemein geschätzt, vom isländischen Film spricht man dabei eher weniger. Tatsächlich befand sich Island vor den 60er Jahren im cineastischen Dornröschenschlaf. Das Filmschaffen begann 1906, als Alfred Lind einen dreiminütigen Dokumentarfilm drehte. Im gleichen Jahr öffnete das erste Kino in Reykjavík die Pforten.
In jenen Tagen war die Filmproduktion von ausländischen Firmen, in erster Linie skandinavischen, dominiert, welche die atemberaubende Landschaft als Filmkulisse nutzten. Die Isländer selber drehten zahlreiche Dokumentarfilme, wie z. B. "Ísland í lifandi myndum" (engl. Titel: Moving pictures) aus dem Jahre 1925.
Der erste und einzige isländische Spielfilm in der Stummfilmzeit erschien 1923, der Kurzfilm "Ævintýri Jóns og Gvendar" (Die Abenteuer von Jon und Gvendur).
Um die langsame Entwicklung der isländischen Filmindustrie zu verdeutlichen, sei hier zum Abschluss der Fakt genannt, dass es für den ersten Tonfilm (der gleichzeitig auch erster Farbfilm war) bis 1948 dauerte.



IRAN

Aus aktuellem Anlass ein kleiner Blick auf die iranische Stummfilmgeschichte. Diese begann im Jahr 1900 als der Schah von Persien, Mozaffar al-Din, bei seinem ersten Europabesuch eine Vorstellung mit dem Kinematographen sah. Begeistert, wie seine Tagebucheinträge versichern, veranlasste er seinen Hoffotographen Mirza Ebrahim Khan Akkas Bashi die zur Aufnahme und Vorführung notwendigen Geräte zu beschaffen, um sich am Hofe zu unterhalten. Noch in Belgien nahm Akkas Bashi die ersten Bilder auf.
Da Filmvorführungen nur bei Feiern der adeligen Oberschicht und der Herrscherfamilie zu finden waren, dauerte es bis 1904 zur ersten öffentlichen Vorführung im Antiquitätengeschäft von Mirza Ebrahim Khan Sahaf Bashi. Dieser eröffnete ein Jahr später in Teheran das erste Kino, in welchem man wie in der Moschee auf Teppichboden saß, da Stühle fehlten. Leider schloß das Kino schon nach einem Monat, weil Sahaf Bashi wegen politischer Opposition verhaftet, seine Ausrüstung beschlagnahmt und er ins Exil geschickt wurde.
In den folgenden Jahren öffneten zahlreiche Kinos, insbesondere durch russische und armenische Immigranten. Anfang der 30er Jahre gab es in Teheran 15 und im restlichen Land weitere 11 Säle.
Bis Ende der 20er Jahre beschränkte sich die iranische Filmproduktion nur auf die Arbeiten der Hoffotographen Akkas Bashi und Russi Khan, sowie die Wochenschauaufnahmen von Khan-baba Khan Mo'tazedi. Mo'tazedi, der seine Fertigkeiten während des Studiums in Paris erlernt hatte, war der Erste, der vor 1920 Filmvorführungen nur für Frauen durchführte und persische Zwischentitel in ausländische Filme einfügte. Er stand 1929 auch beim ersten iranischen Spielfilm - Regie führte der Gründer der Teheraner Filmschule Ovanes Ohanian - hinter der Kamera.
Ohanians Film „Abi va Rabi“, Länge: 1400m, orientierte sich an den Späßen des dänischen Komikerduos Pat und Patachon und war ein großer kommerzieller Erfolg im Iran. Leider wurde die einzige Kopie bei einem Kinobrand zwei Jahre später zerstört. Sein zweiter Film „Haji Agha Aktor-e-Cinema“ (Haji Agha, der Filmschauspieler) aus dem Jahr 1933 konnte nicht an diesen Erfolg anknüpfen. In dieser Komödie geht es um einen Traditionalisten, dem Filme sehr suspekt sind, aber der am Ende doch den Wert der Filmkunst erkennt.
Bereits 1931 begann der ehemalige Guerillakämpfer Ebrahim Moradi mit den Dreharbeiten zu „Entegham-e-Baradar“ (Eines Bruders Rache) am Kaspischen Meer. Leider ging ihm nach der Fertigstellung von 1700m das Geld aus, sodass er seinen Film nie beenden konnte. Dafür gelang es ihm 1934 einen anderen Film, das Melodram „Bolhavas“ (Der lüsterne Mann), fertigzustellen. Dieser Stummfilm erntete gute Kritiken, blieb aber der letzte iranische Film bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.




MEXIKO

Die mexikanische Stummfilmgeschichte ist, allein schon aufgrund der geographischen Nähe zu Hollywood, etwas lebhafter als in den anderen lateinamerikanischen Staaten. Bevor jedoch das Publikum die ersten Bilder zu sehen bekam, war der Segen des Präsidenten notwendig. Die Abgesandten der Brüder Lumière führten daher erstmal Präsident Porfirio Díaz, seiner Familie und seinem Kabinett am 6. August 1896 im Schloss Chapultepec die ersten Aufnahmen vor.
Der Präsident war zufrieden und schon am 14. August konnte im Keller der Drogerie „Plateros“ in Mexiko-Stadt die erste öffentliche Vorführung mit dem Kinematographen stattfinden.
Natürlich war es wieder Präsident Díaz, der im Mittelpunkt der ersten in Mexiko aufgenommenen Bilder 1896 stand: „El presidente de la república paseando a caballo en el bosque de Chapultepec“ (Der Präsident der Republik reitend im Wald von Chapultepec). Im gleichen Jahr filmten die Lumière-Mitarbeiter insgesamt 35 Kurzfilme in Mexiko-Stadt, Guadalajara und Veracruz. Da nach dem Weggang der Lumière-Mitarbeiter 1897 kein neues Filmmaterial entstand, fingen die Leute an, sich zu langweilen. Einige Mexikaner, wie z. B. Salvador Toscano oder die Brüder Stahl, begannen den Alltag in der Stadt und auf dem Land zu filmen. Krönung war der erste lange Dokumentarfilm von Enrique Rosas 1906, der eine Reise von Porfirio Díaz nach Yucatán filmte: „Fiestas presidenciales en Mérida“ (Präsidiale Feierlichkeiten in Mérida).
Spielfilme wurden in kurzer Länge als Rekonstruktion historischer Ereignisse bereits von den Lumière-Mitarbeitern in Mexiko gedreht. Den ersten etwas längeren Spielfilm drehte Felipe de Jesús Haro 1907: „El grito de Dolores o la independencia de México“ (Der Schrei von Dolores oder die Unabhängigkeit von Mexiko), ein Film über den Unabhängigkeitshelden Miguel Hidalgo.
Weitere Spielfilme jener Jahre waren 1906 die Komödie „El san lunes del valedor o el san lunes del velador“ (Der heilige Montag des Beschützers oder der heilige Montag des Hüters) von Manuel Noriega, „Aventuras de Tip Top en Chapultepec“ (Abenteuer von Tip Top in Chapultepec) von Haro 1907, „El rosario de Amozoc“ (Der Rosenkranz von Amozoc) von Enrique Rosas 1909 und der Komödie „El aniversario del fallecimiento de la suegra de Enhart“ (Das Jubiläum des Todes der Schwiegermutter von Enhart) von den Gebrüdern Alva 1912.
Einen großen Entwicklungssprung machte der mexikanische Film während der großen Revolution von 1910 bis 1917, als es unter den legendären Emiliano Zapata und Pancho Villa zu Aufständen und Kämpfen kam, in deren Folge Präsident Díaz aus seinem Amt gefegt, 1917 die noch heute gültige Verfassung verankert und rund 3 Millionen Mexikaner umgebracht wurden. Die Kämpfe der anfänglichen Revolution und der folgenden Auseinandersetzungen um das Präsidentenamt wurden auf jeder Seite von Kameraleuten begleitet, die diese der Nachwelt erhielten. Allerdings wurden in diesem Zeitraum keine weiteren Spielfilme produziert.
Die große Zeit des mexikanischen Stummfilms begann 1917 bedingt durch den Ersten Weltkrieg. Aus den am Krieg beteiligten Nationen kamen wesentlich weniger Filme, sodass diese Lücke durch mexikanische Produktionen gefüllt wurde. Ähnliche Entwicklungen sind übrigens auch beim Tonfilm während des Zweiten Weltkriegs zu beobachten. Die meisten Filme wurden um 1917 immer noch aus Europa importiert.
Carlos Martínez de Arredondo und Manuel Cirerol Sansores drehten den ersten abendfüllenden Spielfilm mit „1810 ó ¡los libertadores de México!“ (1810 oder die Befreier von Mexiko) 1916, der aber aus mir unbekannten Gründen von vielen Autoren nicht anerkannt wird, sodass J. Jamets (wahrscheinlich Pseudonym von Manuel de la Bandera) „La luz, tríptico de la vida moderna“ (Das Licht, Triptychon des modernen Lebens) von 1917 als erster offizieller abendfüllender Spielfilm der mexikanischen Geschichte gilt. Dieser Streifen war eigentlich ein Plagiat des italienischen Films „Il fuoco“ (Das Feuer, 1915), brachte aber die erste mexikanische Diva, Emma Padilla, hervor.
Weitere berühmte Filme dieser in Mexiko als „goldenen Epoche“ bezeichneten Jahre waren „En defensa propia“ (In Selbstverteidigung, 1917), „La soñadora“ (Die Träumerin, 1917) und „La tigresa“ (Die Jaguarin, 1917), alle produziert durch die von Enrique Rosas und der Schauspielerin Mimí Derba gegründeten Compañía Azteca Films. Diese Firma war das erste rein mexikanische Produktionsunternehmen. Gerüchte besagen, dass Derba auch bei den Dreharbeiten zu „La tigresa“ die erste Regisseurin Mexikos war.
Zwei thematisch interessante Filme mit meiner Meinung nach klassischen lateinamerikanischen Themen entstanden ebenfalls 1917. Einerseits „Tepeyac“ von Fernando Sáyago, ein Film der das Erscheinen der Jungfrau von Guadelupe mit dem Untergang eines Schiffs im 20. Jahrhundert in Verbindung setzt, und andererseits „Tabaré“ von Luis Lezama, der die Liebesgeschichte eines Indios mit einer Weißen schildert. Diese beiden Themen wurden auch in zahlreichen anderen Ländern Lateinamerikas bis in die Tonfilmära hinein verfilmt. Das Motiv der heiligen Jungfrau findet sich ebenfalls im Fairbanks-Film „The Gaucho“ wieder.
1918 entstand durch die Hand von Luis G. Peredo die erste Version von „Santa“ (Heilige), eine Romanverfilmung um eine Prostituierte, deren Remake 1931 den ersten mexikanischen Tonfilm darstellte.
Ein Jahr später entstand der erste Serienfilm „El automóvil gris“ (Das graue Automobil) durch Enrique Rosas. Die sog. „Serials“ aus den USA erfreuten sich in Mexiko damals großer Beliebtheit. Der Film ist insofern sehr interessant, da er wahre Ereignisse um einen General aus der Gefolgschaft des Zapata-Gegners Carranza in den Mittelpunkt stellte und sämtliche Charaktere für das Publikum klar identifizierbar zeichnete. Höhepunkt war die Erschießung einiger Bandenmitglieder, für die Rosas Spielszenen mit echten Aufnahmen mischte.
Nach 1920 kam es zur Verdrängung mexikanischer Filme durch die großen Hollywood-Streifen. Erwähnenswert sind nur noch die 1927 entstandenen Filme „El léon de la Sierra Morena“ (Der Löwe der Sierra Morena), „El puño de hierro“ (Die Eisenfaust) und „El tren fantasma“ (Der Geisterzug). Diese drei und der vorher erwähnte Film „Tepeyac“ sind bei Funarte als DVD/Video verlegt worden.
Als Folge des Sterbens der mexikanischen Stummfilmindustrie sind zahlreiche Regisseure, wie z. B. Fernando de Fuentes, oder Stars, wie z. B. Dolores del Rio oder Lupe Velez, nach Hollywood gezogen.


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