Stummfilm-Forum von

Seiten: 1 2 Zurück zur Übersicht
Autor
Thema: Bericht Asta Nielsen Retrospektive und Symposion


Der Forum-eigene Korrespondent erstattet Bericht von der im Frankfurter Filmmuseum immer noch laufenden Veranstaltung ASTA NIELSEN, IHRE FILME; IHR KINO 1910 - 1933.
Die Retrospektive begann am Donnerstag, 26.4. im Schauspiel Frankfurt mit DER FREMDE VOGEL und ZAPATAS BANDE, wurde am Freitag, Samstag und Sonntag im Filmmuseum mit etlichen Filmen fortgesetzt und findet heute abend ihr Ende mit der Aufführung von HAMLET, wiederum im Schauspiel. Sogar das dänische Königshaus ist vertreten.
Unser Korrespondent, in dessen Leben leider ständig andere Dinge dem Stummfilm seinen Platz streitig machen, konnte die Retrospektive nur vom Freitag nachmittag bis Samstag abend besuchen. Dabei sah er immerhin folgende Filme:
ENGELEIN (1913)
VORDERTREPPE UND HINTERTREPPE (1914/15)
DIE FILMPRIMADONNA (19139 (Fragment)
TOTENTANZ (1912)
DIE BALLETTTÄNZERIN (1911)
WEISSE ROSEN (1916)
DER ABSTURZ (1922)
DAS LIEBES-ABC (1916)
So leid es ihm um die verpassten Filme tat, so sehr verlangte sein Körper aber auch trotz der bequemen Bestuhlung im Filmmuseum nach Bewegung.
Zur Veranstaltung: Hier waren die Akademiker unter sich. Man kannte sich, redete sich mit Vornamen an, lobte jeweils die Veröffentlichungen der anderen. Zwischen Deutschem Filminstitut, Bundesarchiv, Frankfurter Filmmuseum und Uni Frankfurt ging es so familiär zu, dass unser Korrespondent sich oft wie ein Fremdkörper vorkam. Bei den vielen interessanten und niveauvollen Vorträgen („Fashion and Modernity. Asta Nielsen and Coco Chanel“, „Die größten Schlager der Groteske“, „Die Tränen der Asta Nielsen“) wurde denn auch wenig Einführendes zu den Filmen gesagt. Stattdessen wurden einzelne Aspekte der Filme recht abgehoben und gekleidet in oft unnötigen Fachjargon, eben akademisch, untersucht. Unser Korrespondent vermisste etwas die Freude am Betrachtungsgegenstand, vor allem aber das Bemühen, diese großartigen Filme in irgend einer Form aus dem hermetisch abgeschlossenen Kreis der Fakultäten und Institute wieder in die Öffentlichkeit zu bringen. Immerhin hat er ein paar Dinge gelernt:
1. Urban Gad wird Urban GELL ausgesprochen.
2. AFGRUNDEN wird AUGRUNDEN ausgesprochen.
3. Das dänische Filminstitut bezahlt seine DVD-Reihe aus einem Teil der Erlöse vom Verkauf der UMTS-Lizenzen in Dänemark. Herr Christensen, ein sehr sympathischer und kompetent wirkender Herr, muss pro DVD 1500 Stück verkaufen, bis er schwarze Zahlen schreibt. Von der Asta Nielsen DVD hat er bisher 800 verkauft. Das ist der Hauptgrund, warum das dänische Filminstitut nicht mehr Titel veröffentlicht.
4. Der Möglichkeit einer Veröffentlichung per Download stehen laut Herrn Christensen die Rechteinhaber entgegen. Selbst für die Asta Nielsen DVD hat Nordisk nicht die Genehmigung erteilt. Herr Christensen hat die DVD dennoch veröffentlicht, wofür ihm heißer Dank gebührt!
Zu den Filmen: Wie sicherlich viele Leser und Mitglieder dieses Forums hat unser Korrespondent bis jetzt in erster Linie Filme der 20er Jahre gesehen. Es war ihm ein wunderschönes Erlebnis, so tief in die Filmwelt der 10er Jahre eintauchen zu dürfen. Vor allem seine Bewunderung für Asta Nielsen hat sich noch einmal enorm gesteigert. Vielleicht findet er ja die Zeit, in den nächsten Wochen einzelne Kritiiken zu den Filmen zu schreiben. Besonders hervorheben möchte er heute ENGELEIN (1913) und DER ABSTURZ (1922). Von ENGELEIN hatte er schon viel gehört und alles hat gestimmt. Eine großartige Komödie mit einer Asta Nielsen in Topform. Die Ehefrau des Korrespondenten, die sich hatte mitschleppen lassen, gab ihrer Begeisterung Ausdruck, was nicht so häufig vorkommt (bei Stummfilmen). Dem ABSTURZ hat niemand geringeres als Bela Balazs in DER SICHTBARE MENSCH (1924) einen längeren Abschnitt gewidmet, der vor Superlativen nur so strotzt. Der hierin zum Ausdruck gebrachten Hochachtung vor dem schauspielerischen Mut der Asta Nielsen, im sechsten Akt des Films eine sichtbar gealterte Frau zu spielen, kann der Korrespondent sich nur mit einem Kloß im Hals anschließen. Nie hat er auf der Leinwand etwas Eindrucksvolleres gesehen als die Schminkszene, bei der Asta Nielsen direkt in die Kamera blickt.
Die Filme wurden großartig musikalisch begleitet von Günther Buchwald, Maud Nelissen, Elvira Plenar und Eunice Martins. Ihr Spiel zeigte ebensoviel Virtuosität wie Verständnis und Sympathie für die Filme.
Hier nun die gute Nachricht: die Filme der Retrospektive und noch etliche andere werden den gesamten Monat Mai hindurch weiter im Filmmuseum Frankfurt gezeigt. Das Programm findet ihr unter

http://www.deutschesfilmmuseum.de/pre/ft2.php?id=body&img=3img2&main=nielsen_filmreihe&ass=ass_asta

Der Korrespondent möchte nicht schließen, ohne sich bei allen Beteiligten für diese großartige Veranstaltung zu bedanken und den Wunsch zu äußern, dass noch vielen anderen Künstlern derartige Retrospektiven gewidmet werden mögen. Wenn er ganz unverschämt sein darf, wünscht sich der Korrespondent nichts sehnlicher, als dass eine DVD Edition aller noch greifbaren Asta Nielsen Filme aufgelegt werden möge.

______________________________________________
"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"


vielen Dank für diese ausführliche stumme Reportage, Herr Reporter!

Dem Symposium hätte ich gern beigewohnt. Aber nein, Frankfurt muß ja so weit weg sein, ts ts..

Hoffentlich krieg ichs mal ein Wochenende im Mai auf die Reihe da herunterzufahren. Es laufen ja, wie Du schon sagtest, so viele schöne rare Asta Nielsen Filme, die danach vermutlich wieder in den Archiven eingemottet werden..

Urbad GAD wird GELL ausgesprochen?! Wo gibt's denn sowas?!

sehr interessant auch, daß das Dänische Filminstitut 1500 Scheiben eines Films verkaufen muß, um aus den roten Zahlen zu kommen. Wie schön, ich habe meinen Obulus bereits dazu beigetragen
Ist der Herr Christensen wohl ein Nachkomme eines gewissen Benjamin gleichen Nachnamens??

Waren die Veranstaltungen auf denen Du warst, gut besucht?

---------------------------
"Nicht so hastig, junger Freund! Niemand enteilt seinem Schicksal."


Die Veranstaltungen waren gut besucht, sogar die Filme um 10 Uhr morgens füllten das Kino. Dazu muss man allerdings sagen:
- dass das Kino im Filmmuseum recht klein ist (ich schätze ca. 120 Plätze).
- dass ein großer Teil des Publikums aus Veranstaltern, Referenten, Fakultätsmitgliedern von der Uni Frankfurt und aus Studenten derselben bestand. Wie gesagt, ich fühlte mich ein wenig als Eindringling in einem exklusiven, sehr selbstgenügsamen um nicht zu sagen selbstzufriedenen Club, der seinen ebenso exklusiven Zugang zu den gezeigten Schätzen der Filmkunst normalerweise eifersüchtig bewacht und mit "Nichtmitgliedern" wie mir nur eher ungern teilt.

______________________________________________
"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"


Asta Nielsen




------------------------------------------------------------------------------------------------------
Andrew der Luchs | Postkarten-Archiv | Sammelkarten | Stummfilmstars | Filmszenen
------------------------------------------------------------------------------------------------------
„Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch.“

George Bernard Shaw (1856-1950)


Arndt:
Wie gesagt, ich fühlte mich ein wenig als Eindringling in einem exklusiven, sehr selbstgenügsamen um nicht zu sagen selbstzufriedenen Club, der seinen ebenso exklusiven Zugang zu den gezeigten Schätzen der Filmkunst normalerweise eifersüchtig bewacht und mit "Nichtmitgliedern" wie mir nur eher ungern teilt.


Ich kenn das Gefühl - als einmal "Spione" ohne Musikbegleitung lief, erfuhr ich: "Das haben wir doch bereits an der Universität angekündigt."
Die Möglichkeit, daß ein Nichtstudent,bzw. Akademiker sich auch solche Filme ansieht, schien doch sehr zu verwundern. Ich denke, daß eben dieses "Sichexklusivfühlen" und "Untersichseinwollen" auch wesentlich eine Weiterverbreitung und die kommerzielle Auswertung dieses Genres verhindert.
Aber: tolle Reportage!

Jorgus



Stummfilmfan:
v

Urbad GAD wird GELL ausgesprochen?! Wo gibt's denn sowas?!


Ich bin gerade auf dem Asta Nielsen Trip und habe im Netz ein Video gefunden, mit einem Interview mit Asta Nielsen, indem sie selbst den Namen Urban Gad in dänisch sagt:

http://www.dr.dk/bonanza20_assets/Entrance.aspx/cat/6/Video/54867/title_ast/asc/1/Asta_Nielsen

Schon faszinerend zu sehen, dass der vielleicht wichtigste und (zumindest in Europa) größte weibliche Star des Stummfilms, auch im Alter nichts von Ihrer Faszination eingebüßt hat!



"Heute ist die gute, alte Zeit von morgen." Karl Valentin



AndiK:
Ich bin gerade auf dem Asta Nielsen Trip und habe im Netz ein Video gefunden, mit einem Interview mit Asta Nielsen, indem sie selbst den Namen Urban Gad in dänisch sagt:
http://www.dr.dk/bonanza20_assets/Entrance.aspx/cat/6/Video/54867/title_ast/asc/1/Asta_Nielsen

Das wäre hochinteressant, aber irgendwas mache ich falsch, denn ich erhalte nur die Mitteilung:
Fejl i hentning af liste. Genhent siden og prøv igen.
(offensichtlich habe ich auch noch die falsche Codierung eingestellt)

Die Adresse ist aber korrekt, denn die Suche nach "Asta Nielsen" bei diesem Anbieter produziert dieselbe URL. Hinweise?



Hallo Hofmeister,

Du machst überhaupt nichts falsch.
Gestern ließ sich das Video auf der Seite noch abspielen, heute ist es leider weg. Wenn Du weiter unten auf der Seite Player anklickst, erscheint in dem Fenster "%Bonanza afspiller placeholder%".
Das Video ist demnach perdü.

MfG
Andrew





Dann hab ich eine gut Nachricht! Heute ist es wieder da
Da ich das Video leider nur sehr leise höre, hab ich es nicht genau verstanden. Aber kann es sein, dass man Gad "chell" oder so ähnlich ausspricht?


Zuletzt bearbeitet: 27.03.10 11:48 von Karsten


Aber kann es sein, dass man Gad "chell" oder so ähnlich ausspricht?


Ja, im Dänischen gibt es das sogenannte "weiche D," das ungeübte Ohren für ein "L" halten. Eine amerikanische Freundin von mir ist mit einem Dänen verheiratet, und sie sagt, dieses Laut sei das schwierigste zu beherrschen und richtig auszusprechen.


Zuletzt bearbeitet: 28.03.10 05:12 von Roger_Skarsten


Und kann es sein, dass das "G" dann auch nicht so hart ausgesprochen wird? Wie gesagt, es hat sich für mich wie "ch" oder "h" angehört.



Arndt:
Dem ABSTURZ hat niemand geringeres als Bela Balazs in DER SICHTBARE MENSCH (1924) einen längeren Abschnitt gewidmet, der vor Superlativen nur so strotzt. Der hierin zum Ausdruck gebrachten Hochachtung vor dem schauspielerischen Mut der Asta Nielsen, im sechsten Akt des Films eine sichtbar gealterte Frau zu spielen, kann der Korrespondent sich nur mit einem Kloß im Hals anschließen. Nie hat er auf der Leinwand etwas Eindrucksvolleres gesehen als die Schminkszene, bei der Asta Nielsen direkt in die Kamera blickt.


Good news, everybody! Unsere Freunde vom Dänischen Filminstitut haben Alles, was von DER ABSTURZ noch übrig ist, ins Netz gestellt. Immerhin fast 90 Minuten. Hier findet ihr's.

http://www.dfi.dk/faktaomfilm/nationalfilmografien/nffilm.aspx?id=20161

Die großartige Schminkszene bildet kurz vor dem Ende den traurigen Höhepunkt.



______________________________________________
"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"


Sensationeller Fund, Arndt! Vielen, vielen Dank für diesen link!

"Heute ist die gute, alte Zeit von morgen." Karl Valentin



Hallo,

ich habe gestern erfolglos versucht, das von Arndt beschriebene Material unter dem DFI-Link zu finden. Außer zwei kurzen Filmclips, einigen Stills und einem Filmposter mit nachfolgender Besetzungsliste konnte ich jedoch nichts entdecken.
Liegt das an mir oder wurde die Seite zwischenzeitlich verändert? Ich bitte um Aufklärung.

MfG
Andrew



Andrew:
Hallo,

ich habe gestern erfolglos versucht, das von Arndt beschriebene Material unter dem DFI-Link zu finden. Außer zwei kurzen Filmclips, einigen Stills und einem Filmposter mit nachfolgender Besetzungsliste konnte ich jedoch nichts entdecken.
Liegt das an mir oder wurde die Seite zwischenzeitlich verändert? Ich bitte um Aufklärung.

MfG
Andrew


Merkwürdig. Ich hab's gerade noch einmal ausprobiert. Wenn ich unter "Filmklip/Afspil Video" auf den Pfeil klicke, beginnt der Film in einer Länge von 84 Minuten.

______________________________________________
"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"
Seiten: 1 2 Zurück zur Übersicht