Stummfilm-Forum von

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Thema: Stumme Buchecke


Karsten:
Was haltet ihr eigentlich von KLASSIKER DES DEUTSCHEN STUMMFILMS von Joe Hembus und Ilona Brennicke? Kein Mensch redet zwar mehr davon, aber wenn ich von einem Stummfilm hör, den ich noch nicht kenne, geht mein erster Griff doch immer zu dem Buch, weil da ziemlich viele aufgelistet sind.


Dieses Buch ist neben Günther Dahlke / Günter Karl (Hrsg.): Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933. Berlin 1993 natürlich das Nachschlagewerk zum deutschen Stummfilm schlechthin. Beide Bücher ergänzen sich gut, da Dahlke und Karl ihr Buch erstmals 1988 in der DDR veröffentlichten und so aufgrund einer sozialistischen Sichtweise Filme berücksichtigen und ausführlich behandeln, die bei Hembus und Brennicke keine Rolle spielen. Ich meine da insbesondere (aber nicht nur) die von Prometheus produzierten Filme. "Oma Krausens Fahrt ins Glück" ist ja hinlänglich bekannt, aber bei Dahlke und Karl finden sich auch Raritäten wie "Überflüssige Menschen" oder "Hunger in Waldenburg".

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Vom Rio Grande bis Kap Hoorn - Der Stummfilm in Lateinamerika


James Card: Seductive Cinema. The Art of Silent Film. Minneapolis 1999

Der langjährige Direktor der Filmabteilung des George-Eastman-Hauses in Rochester, USA, hat hier ein sehr erfrischendes Buch über den Stummfilm geschrieben. Es gibt keine erneute Nacherzählung der Stummfilmgeschichte mit besonderem Schwerpunkt auf den USA, sondern eine interessante Verquickung persönlicher Anekdoten, der Frühgeschichte des Eastman-Hauses und Cards eigene Sichtweise auf einige Aspekte des US-amerikanischen Stummfilms. Dabei zeigt er sich sehr offen gegenüber dem deutschen Stummfilm, wagt es, an Stroheims Thron zu kratzen und Griffith gar von seinem zu stürzen.
Gerade die vielen persönlichen Erlebnisse, die Card ab Ende der 40er Jahre mit Stummfilmgrößen verbindet, lassen das Buch kurzweilig erscheinen. Sein eigener Blick auf den frühen Film spiegelt sich so auch in der näheren Betrachtung der Arbeiten DeMilles, Vidors, Sternbergs und Bells wider. Die autobiografischen Züge des Buchs werden verstärkt durch die Schilderungen seiner eigenen Sammlertätigkeit und der Arbeit für das Eastman-Haus. Dabei bleibt James Card erfreulicherweise nicht oberflächlich und immer unterhaltsam.

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Vom Rio Grande bis Kap Hoorn - Der Stummfilm in Lateinamerika


Anthony Slide: Silent Players. Lexington 2002

Der umtriebige und produktive Autor legt hier ein biografisches Nachschlagewerk mit den Daten von hundert US-amerikanischen Stummfilmstars vor, das er schon im Vorwort einschränkt. Die Auswahl der beschriebenen Schauspielerinnen und Schauspieler ist nämlich extrem subjektiv. Slide ist es wichtiger, dass er bei jedem Eintrag persönliche Erinnerungen einfließen lassen kann, als dass er einen Anspruch auf Vollständigkeit der berühmtesten Namen erheben könnte. So fehlen Stars wie Clara Bow, Louise Brooks oder Tom Mix, während relativ unbekannte Personen wie Mignon Anderson, Kate Bruce oder Claire DuBrey berücksichtigt werden. Dies ist eine Stärke des Buchs, da man schwer zugängliche Biografien nachschlagen kann. Die persönlichen Anekdoten Slides geben zudem einen Einblick in den jeweiligen Charakter.


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David Stenn: Clara Bow. Runnin' Wild. New York 2000 (Neuauflage mit überarbeiteter Filmografie)

Bei manchen Biografien fragt man sich, warum sie noch nicht längst verfilmt worden sind. Clara Bows Leben ist so bewegend, dass großes Kino zu erwarten wäre.
Frau Bow wurde 1905 in ärmlichen Verhältnissen in Brooklyn geboren. Der zur Gewalttätigkeit neigende Vater ließ die kleine Familie - Frau Bow hatte keine Geschwister - schon früh häufig alleine. Die Mutter erkrankte an Schizophrenie, die sich im Alter steigerte. Trauriger Höhepunkt für Frau Bow war das traumatische Erlebnisse, nachts zu erwachen und über sich die eigene Mutter mit einem Küchenmesser zu erblicken. Frau Bow litt daraufhin ihr Leben lang an akuter Schlaflosigkeit. Zwei weitere Erlebnisse hinterließen ihre Spuren in der kindlichen Psyche. Zum einen fiel vor den Augen der kleinen Frau Bow ihr innigst geliebter Großvater tot um, zum anderen wurde sie Zeugin, wie ihr bester Freund und Spielkamerad vor ihren Augen verbrannte.
Die familiären Verhältnisse zwangen Frau Bow bereits in der siebten Klasse die Schule zu verlassen und arbeiten zu gehen. Nach der Einweisung der Mutter in eine psychatrische Klinik lebte sie mit dem Vater alleine, was sich nicht als besonders gut erwies. Im Alter von sechzehn Jahren wurde Frau Bow von ihm vergewaltigt.
Schon früh flüchtete sie sich, sich ihr Leben lang für das Verhalten ihrer Eltern die Schuld gebend, in die Welt des Films, wie viele andere Mädchen von einer Filmkarriere träumend. Ihr Traum begann sich 1921 zu erfüllen, als sie aufgrund ihres natürlichen Talents einen Talentwettbewerb gewann, der mit einer kleinen Filmrolle verbunden war. Was nun folgte, war ein kleines Märchen, der Aufstieg zur Sexikone der Zwanziger, zur Personifizierung des Jazz Age. Der absolute Durchbruch kam 1927 mit "It" und machte Frau Bow auf Jahre hinaus zur beliebtesten Schauspielerin Hollywoods. Privat lief es leider nicht so gut. Zahlreiche Affären, u. a. mit Victor Fleming und Gary Cooper, ließen sie zum Lieblingsobjekt der Boulevardpresse werden. Die ihr, oft auch fälschlicherweise, nachgesagte sexuelle Zügellosigkeit grenzten sie unter ihren Kolleginnen und Kollegen aus.
Der Übergang zum Tonfilm brachte ihrer Popularität keinen Abbruch. Trotzdem wurde das neue Medium zum Problem für sie. Aufgrund ihrer geringen Schulbildung machte ihr das Erlernen der umfangreichen Textpassagen zu schaffen. Der Anblick eines Mikrofons führte häufig während der Dreharbeiten zu hysterischen Panikattacken. Die zu Stummfilmzeiten von den Regisseuren geliebte Natürlichkeit war weg. Als 1931 mehrere Skandale und Prozesse Frau Bow zu schaffen machten, stand sie kurz vor einem Zusammenbruch und zog sich vom Film zurück. In den beiden Folgejahren drehte sie noch zwei erfolgreiche Comebackfilme, konnte sich aber nicht mehr an das Filmgeschäft gewöhnen.
An der Seite ihres 1932 geheirateten Ehemanns Rex Bell fand sie einige Jahre Ruhe und schenkte zwei Buben das Leben. Leider kam mit zunehmenden Alter ihre von der Mutter ererbte Schizophrenie zum Tragen, die durch ihre traumatische Kindheit verstärkt wurde. Jahrelang von ihrer Familie getrennt lebend, starb Frau Bow relativ jung 1965 nach einer Herzattacke.
Dieses ungewöhnliche und traurige Leben schildert David Stenn mit viel Sympathie für seine Hauptperson. Das Buch ist gründlich recherchiert und bietet viele Details aus Frau Bows Leben. Eine umfangreiche Filmografie rundet das Werk ab. Nur, und das ist mein einziger Kritikpunkt, ist Stenn mit den Fotos sparsam umgegangen. Das hätten ruhig mehr sein können.




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Ein kleiner Nachtrag zur Bow-Biografie, der genauso in die Rubrik "Stummfilm in der aktuellen Presse" gepasst hätte. Man sieht hier, dass Clara Bow, das It-Girl der Zwanziger, mit ihrer Paraderolle einen Begriff geprägt hat, der bis heute nachwirkt. Auch mir ist er in diversen aktuellen Zeitungsartikeln begegnet. Jede Generation hat ihr It-Girl.
Zum It-Girl


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Irene Stratenwerth / Hermann Simon (Hrsg.): Pioniere in Celluloid. Juden in der frühen Filmwelt. Berlin 2004

Wie der Titel des Buchs schon besagt, widmet es sich jüdischem Filmschaffen in der Anfangszeit der Kinematografie, genauer gesagt bis Anfang der Zwanziger Jahre. Erfreulicherweise beschränkt man sich hierbei nicht nur auf Darsteller und Regisseure, sondern berücksichtigt auch Produzenten, Kameraleute, Drehbuchschreiber, Filmjournalisten und sogar Filmkomponisten. Unterteilt in einzelne Aspekte, wie z. B. über das jüdische Drama im Film, gibt es in jedem Abschnitt einen längeren, diesen Aspekt beleuchtenden Artikel, an den einige kürze Biografien oder die Beschreibung eines Films anschließen. Lubitsch, Leni, Pick, Dupont, Freund, Haas u. v. a.- alle sind sie dabei. Inhaltlich ist das eine runde Sache, mir fällt da auf die Schnelle kein Vergessener ein. Die Namen machen schon deutlich, dass in Deutschland und Österreich groß gewordene Künstler im Mittelpunkt stehen. Nur Chaplin, obwohl selber gar kein Jude, findet aufgrund seiner Berühmtheit und seiner Verkörperung jüdischer Rollen Berücksichtigung. Mehr Bilder hätte ich mir allerdings gewünscht, schließlich ist das Buch der Begleitband zu einer in 2004 durchgeführten Ausstellung.


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Michael Farin verspricht, nun endlich das schon lange angekündigte Buch über Max Schreck herauszubringen. Dann soll im Belleville Verlag eine erweiterte Neuedition von Lotte Eisners "Dämonischer Leinwand" herauskommen. Last not least plant Farin eine 2. Auflage seines "Nosferatu"-Bandes, das diesmal auch kurze Biographien zu Stab und Besetzung enthalten wird.

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"Es gibt vielerlei Lärme. Aber es gibt nur eine Stille." (Kurt Tucholsky)


Marc Raymond Strauss: Alfred Hitchcock's Silent Films. Jefferson, North Carolina 2004

So sehr ich mich über die Existenz dieses Buches gefreut hatte, so enttäuscht war ich dann. Die Einteilung der Kapitel erfolgt neben Einleitung und Schluss in die zehn Stummfilme des Altmeisters, wobei der verschollene "The Mountain Eagle" nur eine Seite in Anspruch nimmt. Bei den übrigen neun Filmen ergeht sich der Autor in einer wahren Orgie von detailverliebten Schilderungen der Kameraeinstellungen und Schnittfolgen. Dabei zerstört er jeglichen Rest von Lesevergnügen, in dem er 16 Abkürzungen für Kameraeinstellungen benutzt, die von MLS für "Medium Long Distance Shot" bis zum äußerst objektiven NBS für "Never Before Seen Shot" reichen. Eine homogene Inhaltsangabe bleibt auf der Strecke. Außerdem gibt es wenig Details zu den Dreharbeiten, kaum Zitate von Filmkritiken und keine statistischen Informationen. Wenn man denn schon seinen Schwerpunkt auf Kameraeinstellungen legt, dann wären das Verständnis unterstützende Fotos wünschenswert gewesen. Aber leider gibt es immer nur ein Bild pro Film, das beliebig ausgewählt wurde.
Schade, hier wurde ein tolles Thema verschenkt.

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Vom Rio Grande bis Kap Hoorn - Der Stummfilm in Lateinamerika


Daniel Semler: Brigitte Helm

Habe ich gerade bei Amazon entdeckt. Ist 2008 im Belleville
Verlag erschienen. Habs mir gerade bestellt, da ich Frau Helm doch, besonders in "Abwege" und "Die Liebe der Jeanne Ney", sehr mag.

Grüssle!!!



Hallo,

mir ist aufgefallen, dass das Buch Pioniere des Films - vom Stummfilm bis Hollywood von Kevin Brownlow noch gar nicht genannt wurde. Dieses großformatige Buch wurde in den 60ern geschreiben, als dem filmbegeisterten Herrn Brownlow auffiel, dass die großen Pioniere des Films so langsam wegstarben und niemand da war, der ihre Erinnerungen weitertragen konnte. Also hat er kurzerhand die, die noch da waren, interviewt. Sehr sympathisch: Gleich am Anfang stellt er klar, dass das Buch aus einer hemmungslos persönlichen Sicht geschreiben sei, weshalb er am Ende Abel Gance und seinem "Napoleon" einen großen Abschnitt widmet, obwohl das nichts mit Hollywood und dem Rest des Buches zu tun hat. Aber er würde den Film halt so toll finden. Leider scheint das Buch mittlerweile OOP und nur noch viel viel Geld über den Amazon Marketplace zu bekommen zu sein. Brownlow hat auch zwei Doku-Serien für die BBC über Keaton und Chaplin gemacht, die man vor Kurzem noch über CD-Wow sehr günstig auf DVD bekommen konnte. und wenn ich mich nicht irre gab es Anfang der 80er im Vorabendprogramm der ARD mal eine Serie über das frühe Hollywood von ihm, die ich damals sehr geliebt, aber danach nie wieder gesehen habe.



Ich hab das Buch von Brownlow auch mit Begeisterung gelesen. Ich hab mir deshalb auch gleich die amerikanische Originalausgabe zugelegt.



Armin Loacker (Hg.): Wien, die Inflation und das Elend. Essays und Materialien zum Stummfilm DIE FREUDLOSE GASSE, Wien 2008.

Dieser Band, der eine DVD-Ausgabe der FREUDLOSEN GASSE begleitet, enthält lauter kluge und zum Verständnis des Films nützliche Aufsätze. Themen sind die Produktionsgeschichte (Armin Loacker), Willy Haas und sein Drehbuch im Verhältnis zum Regisseur (Jürgen Kasten), die Frauengestalten im Film (Ursula von Keitz), sozialgeschichtliche Hintergründe (Siegfried Mattl), die Ausstattung des Films (Gerhard Vana), seine Rezeptionsgeschichte (Uli Jung), Rekonstruktion (Jan-Christopher Horak) und Restaurierung (Stefanie Gratzer). Dazu kommt ein Interview mit dem Komponisten der neuen Begleitmusik, Burkhard Stangl. Die „Materialien“ bestehen vor allem aus Standfotos, Werbeerzeugnissen und dem Bescheid über die zweite deutsche Zensur des Films vom März 1926. Ein thematisch wohlabgewogenes Menü!
Der Leser muß sich mit zahlreichen Textfehlern abfinden (etwa mit Verschreibungen, grammatikalischen Fehlern und Namensverwechslungen), die aber durchweg harmloser Natur sind. Einige sachliche Unstimmigkeiten hingegen irritieren. Loacker meint, die Firma „Sofar“, die im März 1925 zur Produktion des Films gegründet wurde, könne nichts mit der französischen „Société des films artistiques“ zu tun haben, da diese erst 1927 ins Leben gerufen worden sei; im Buch sind jedoch französische Werbeplakate zu bewundern, die Name und Adresse der Société aufweisen und von denen eines auf 1925 datiert ist (S. 202f.). Oder gilt das Datum nur dem Plakatentwurf? Der Film soll in Frankreich zunächst verboten (S. 167), mit Verspätung dann aber doch gezeigt worden sein (S. 185). Solch verstreuten, verwirrenden Angaben fehlt ein Datengerüst.
Die 1997 erstellte Rekonstruktion des Films, die Horak in seinem Beitrag beschreibt, unterscheidet sich in Länge, Schnitt und Führung der Handlungsstränge erheblich von den bis dahin bekannten Fassungen, die durch Zensur, Kürzungen und andere Änderungen beeinträchtigt wurden. Entsprechend ist damit zu rechnen, daß kritische Einschätzungen des Films, die auf der einen oder anderen früheren Fassung basieren, dem von Pabst ursprünglich vorgelegten Film weniger gerecht werden, als das heute möglich ist. Ein ungeprüfter Generalverdacht etwa gegen die Äußerungen Lotte Eisners oder Siegfried Kracauers ist deshalb aber nicht angebracht (Horak, S. 189: „Beide waren sich … nur ungenügend bewußt, dass sie keine autorisierte Fassung des Films, sondern lediglich verstümmelte Kopien gesehen hatten“).
Lotte Eisners langjährige Arbeit in der französischen Cinemathek und ihre Bemerkungen zu fragwürdigen Kopien etwa von Filmen Stroheims oder Murnaus sprechen nicht gerade dafür, daß sie allzu vertrauensselig gewesen ist. Wie steht es im Fall der FREUDLOSEN GASSE?
Jung zitiert eine ironische Bemerkung Eisners, wonach der Film „die Quintessenz germanischer Anschauungen“ bedeutet. Das ist nicht sehr hilfreich, da weder erläutert wird, was Eisner damit meint (siehe vor allem das erste Kapitel der „dämonischen Leinwand“), noch, worin sie diese Anschauungen im Film gespiegelt findet: „in geheimnisschweren Straßen, Gängen und Treppen, die in Halbdunkel gehüllt bleiben“ („Die dämonische Leinwand“, Frankfurt a. M. 1975, S. 255). Des weiteren, so Jung, sehe Eisner den Film stilistisch an der Ästhetik der expressionistischen Übertreibung orientiert. Schließlich führen Horak und Jung an, Eisner habe schon in der FREUDLOSEN GASSE ein Montageprinzip am Werk gesehen, das Pabst 1927 in einem Interview zu der LIEBE DER JEANNE NEY skizzierte: Der Schnitt soll einen Bewegungsfluß, keinen Aufeinanderprall erzeugen, die Bewegung einer Einstellung soll in der folgenden aufgenommen werden. – Müßte irgendeine dieser Bemerkungen Eisners aufgrund der neuen Rekonstruktion revidiert werden? Welche, und warum?
Was Eisner dann im Einzelnen zum Film sagt („Die dämonische Leinwand“, S. 256-258), ist durchweg an genau beschriebene Beobachtungen geknüpft. Ich finde keine einzige darunter, die durch die 1997er Fassung des Films nicht mehr gestützt wäre. Kritik an den großen Alten ist ja erwünscht – aber mit etwas mehr Genauigkeit, bitte!
Anhand einer Pabstkritik Eislers sein nun aber auch der Nutzen dieses Bandes veranschaulicht. Die Aufnahmen von Else mit Mann und Kind, besonders jene auf dem Dachboden, gelten ihr als „ein recht kitschiges Klischee vom ‚Elend in der Hinterstube‘ („Die dämonische Leinwand“, S. 258). Ein Zitat aus dem Drehbuch zeigt nun: Der Kitsch dürfte gewollt sein. Drehbuchautor Haas beabsichtigte, den Zuschauer an „die heilige Familie auf der Flucht“ zu erinnern („Wien“, S. 155) – zur Not wohl auch gegen den guten Geschmack.
… Und ein Standbild mit einer Kulisse, die im Film nur unvollständig zu sehen ist (S. 142), öffnet die Augen dafür, daß auch dieser Film „Inferno“ heißen könnte.




Mischa:
Der Leser muß sich mit zahlreichen Textfehlern abfinden (etwa mit Verschreibungen, grammatikalischen Fehlern und Namensverwechslungen)

[...]

Anhand einer Pabstkritik Eislers


Ahem, ahem! I guess nobody's perfct...prrfect...pref...you know what I mean!

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"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"

Zuletzt bearbeitet: 07.02.09 17:03 von Arndt


Emil Orlik

Im Jahr 2004 zeigte das Jüdische Museum Prag eine Ausstellung von Werken des Malers, Zeichners und Druckgrafikers Emil Orlik (Prag 1870 – Berlin 1932). Der sorgfältig gestaltete und reich bebilderte Katalog ist für wenig Geld immer noch erhältlich, auch über die Website des Museums. Eine tschechische und eine englische Ausgabe stehen zur Auswahl. Das Buch sei den Stummfilmfreunden ans Herz gelegt. Zwar hat sich Orlik als Porträtist von Schauspielern (in natura und in ihren Rollen) hauptsächlich in der Theaterwelt umgetan – kaum eine Publikation etwa über Paul Wegener kommt ohne die eine oder andere von Orliks Studien nach dem berühmten „Charakterkopf“ aus. Aber erstens sind ja Gesicht, Gestik und Haltung vieler damaliger Bühnengrößen auch dem Filmfreund vertraut (stellvertretend seien neben Wegener nur Krauss, Jannings und Tilla Durieux genannt, denen wir häufig auf Orliks Blättern begegnen). Und zweitens hat Orlik durchaus auch Kinostars konterfeit, manchmal zu Studienzwecken auch mit der Fotokamera.
Orliks Oeuvre enthält Porträts in vielfältigen Ausprägungen, von der impressionistischen, oft fast fahrigen Skizze bis hin zu repräsentativen, ja monumental „gebauten“ Bildnissen. Im Prager Katalog finden sich Lil Dagover, opulent als schlangengleiche Schönheit gemalt, und Asta Nielsen, im spitzbübischen Profil gezeichnet, mit und ohne Ballonmütze. Eine Trouvaille ist auch das fröhlich-konzentrierte Brillengesicht Hans Poelzigs.
Zum 60. Geburtstag Orliks ließ Lil Dagover einen Zeitungsartikel drucken, in dem sie über ihr eigenes Porträt reflektierte. Es würde sich wohl lohnen, diesen Text einmal auszugraben; in Dagovers Autobiographie „Ich war die Dame“ ist er leider nicht abgedruckt („Mein Bild. Zu Emil Orliks 60. Geburtstage“, in: Neue Zeit [Charlottenburg] vom 21. Juli 1930).
In den 1920er Jahren hat Orlik zweimal 95 „Köpfe“ in Buchform veröffentlicht. Die Bände sind 1998 im Gebrüder-Mann-Verlag Berlin nachgedruckt worden. Für den Filmbegeisterten sind vor allem die „Neuen 95 Köpfe von Orlik“ (1926) von Interesse, in erster Linie wegen eines sehr fraulichen, dabei leicht ironisch dem Betrachter in die Augen blickenden Porträts von Asta Nielsen.
Weitere Werke mit Bezug zum Film finden sich in fast allen Katalogen und Büchern, die in den letzten Jahrzehnten über Orlik erschienen sind. Hier seien nur zwei besonders reichhaltige genannt:
Birgit Ahrens: „Denn die Bühne ist der Spiegel der Zeit“. Emil Orlik und das Theater, Kiel 2001. Enthält vier eindringlich-zarte Bildnisse von Elisabeth Bergner, ein hoheitsvolles Profilbild von Lillian Gish, weitere Porträts der Nielsen, zwei von Henny Porten, ein Rollenporträt von Ernst Deutsch in DAS ALTE GESETZ und vieles andere mehr.
Eugen Otto (Hg.): Emil Orlik. Leben und Werk 1870-1932, Prag u.a.O. 1997. Zwei Fotos sind hier bemerkenswert: eines von der Nielsen, wie sie abwartend in Orliks Atelier sitzt, und ein anderes, hinreißend-weltabgewandtes, von Marlene Dietrich und Resel Orla aus dem Jahr 1923 oder 1924. Auch findet sich hier das Plakat zu Paul Czinners LIEBE mit einem Porträt Elisabeth Bergners.
Emil Orlik ist auch in einem Film aufgetreten – als er selbst. Der auf Kultur- und Lehrfilme spezialisierte Hans Cürlis hatte 1922 Lovis Corinth beim Malen eines Landschaftsbildes aufgenommen, die Kamera teils auf Corinths angespannt-freudvolles Profil, teils auf die halbgelähmte pinselführende Hand gerichtet. Dieses unvergleichlich intensive Filmdokument bildete den Anfang einer Serie, „Schaffende Hände“, in der Cürlis Maler und Bildhauer bei der Arbeit zeigte. Auch Orlik hat er so gefilmt. 1989 stellte Josef Kirchmayer in einer Dokumentation einige Folgen der „Schaffenden Hände“ zusammen (Hessischer Rundfunk; VHS-Edition bei DuMont). Der Orlik-Film ist nicht darunter, es gibt ihn aber noch. Möge das Werk von Cürlis und, wer weiß, vielleicht auch das von Orlik bald einen Produzenten von Dokumentarfilm-DVDs anlocken!




Mischa:
Armin Loacker (Hg.): Wien, die Inflation und das Elend. Essays und Materialien zum Stummfilm DIE FREUDLOSE GASSE, Wien 2008.
Ein ungeprüfter Generalverdacht etwa gegen die Äußerungen Lotte Eisners oder Siegfried Kracauers ist deshalb aber nicht angebracht (Horak, S. 189: „Beide waren sich … nur ungenügend bewußt, dass sie keine autorisierte Fassung des Films, sondern lediglich verstümmelte Kopien gesehen hatten“).
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Jung zitiert eine ironische Bemerkung Eisners, wonach der Film „die Quintessenz germanischer Anschauungen“ bedeutet. Das ist nicht sehr hilfreich, da weder erläutert wird, was


Zumindest sind die Schriften von Eisner immer einer Diskussion würdig. Ihre kritsche Sicht auf Pabst rührt sicherlich auch daher, daß Eisner den Menschen Pabst nicht mochte ("Jeder Zoll ein Nazi"). In ihren Memoiren macht sie daraus auch keinen Hehl.
Wie bereits geschrieben sind ihre Kritikpunkte aber meist an Beispielen beschrieben, so daß - egal welche Schlüsse sie daraus zieht - ihre Ausführungen immmer ein Gewinn für den Leser sind.

Von Krakauer kann ich das nicht behaupten: sich eine sozial-politsche These zurechtlegen und diese dann über die ganze Filmgeschichte niederbrechen; dazu gehört schon einiges an Ignoranz. Jeglichen Filminhalt und -einstellung in die immergleiche Richtung zu interpretieren ist borniert und unergiebig. Mir ist nach wie vor schleierhaft, wie ein so unfilmisches Buch wie "Von Caligari zu Hitler", so bekannt werden konnte...

Jorgus



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