Stummfilm-Forum von

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Thema: Moderne Stummfilme


Vor Franka Potentes Stummfilm von 2006 gab es noch weitere stumme Filme in Zeiten des Tonfilms. Ein sehr guter und spannender Vertreter dieser Werke ist "The Thief" (USA 1952)von Russell Rouse. Der Spionagekrimi mit Ray Milland in der Hauptrolle kommt ohne ein einziges Wort aus. Empfehlenswerter Streifen!

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Vom Rio Grande bis Kap Hoorn - Der Stummfilm in Lateinamerika


"The Call Of Cthulhu" wurde 2005 auch als Stummfilm verfilmt. Ist auch als DVD erschienen. Habe ich mir aber nie angesehen, weil H.P. Lovecraft nicht mein Fall ist.



Nun lief ja gestern Abend Potentes Stummfilm auf der ARD.
Ich war naturgemäß interessiert und blieb hängen, da der Film auch direkt hinter "Druckfrisch" kam....

"Der die Tollkirsche ausgräbt" bei der imdb

Naja, der Film hat ja tolle Einfälle und ästhetische Momente - aber kann mir irgendjemand sagen, was diese Geschichte soll?

Ich hab' s nicht so recht kapiert...

Punk-Mumie?!
Hintern-Versohl-Phantasien???





Mach dir nichts draus. Ich habe den Film auch nicht verstanden, als ich ihn auf Arte gesehen habe.
Die Handlung ist vollkommen unlogisch. Am besten, du vergißt den Film wieder.



Ein moderner Independent-Stummfilm wurde gestern im Bildungszentrum der IG Metall in Sprockhövel gezeigt: "Zur Chronik derer von Gerlach" (D 1999-2001) von Erich Wieners. Einen Bericht über die Vorstellung gibt es hier. Weitere Infos über den Film selber fand ich im Programm des Low-Budget-Filmfestivals Independent Days aus dem Jahr 2004.

Independent Days:

Zur Chronik derer von Gerlach
(Deutschland 1999-2001)
Ein Stummfilm in vier Akten von Erich Wieners
63 min., S-VHS/MiniDV

Crew
Produktion, Drehbuch, Schnitt: Erich Wieners, Kamera: Gerd Würtz, Ausstattung/Bühnenbild: Ernst v Gerlach, Birgit Hammerschmidt, Wolf D. Schulz, Brigitte Claudy, Nachbearbeitung: Henning Brod.
Darsteller

Günter Pohl, Werner u. Birgit Hammerschmidt, Julia Selle.
Inhalt

Die obskuren Erlebnisse des Handwerkers Friedrich im Hause der hochherrschaftlichen "von Gerlach". Ein Abenteuer zwischen Zeit und Raum.

Besonderheiten der Produktion

Die Filmemacher haben sich bei diesem Projekt eingeschränkt auf die technischen Mittel des Stummfilms, d.h. überwiegend in Bildern eine Geschichte zu erzählen mit möglichst wenigen Zwischentiteln, ohne Geräusche und Toneffekte. Und ohne Sprache. Nur mit Musikuntermalung. Aber auch in Abgrenzung zum Videoclip mit seinen schnellen Schnitten. Traditionen verpflichtet. Und dennoch nicht nur Kopie der Vergangenheit, sondern die Idee, Neues im Rahmen der alten Möglichkeiten zu schaffen. Gedreht mit einer alten Bolex Doppel-Super 8 Filmkamera auf teilweise überlagertem Orwochrom-Schwarz/Weiß-Material. Proben, Dreharbeiten und Schnitt sowie die Nachbearbeitung auf Mini-DV zogen sich über 2 Jahre hin.

Über den Regisseur

Erich Wieners, geboren 1956 am Rande des Ruhrgebietes, wo er heute noch lebt und arbeitet. Filme als Autodidakt seit 1973 (meist 8mm), später auch Videoproduktionen wie z.B. Live-Konzert- und Ballettmitschnitte sowie eine Dokumentation über ein misslungenes Großereignis, die "Naturtage 1985". Im Moment dreht er den letzten Teil seines Projektes "Espenlaub", an dem er mit Unterbrechungen seit 1979 arbeitet.


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Vom Rio Grande bis Kap Hoorn - Der Stummfilm in Lateinamerika


hushpeswa:
Am besten, du vergißt den Film wieder.


Zum Vergessen ist dieser moderne Stummfilm aber zu schön und liebevoll gemacht. Mir hat er jedenfalls gefallen.

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"Es gibt vielerlei Lärme. Aber es gibt nur eine Stille." (Kurt Tucholsky)

Zuletzt bearbeitet: 06.11.09 19:55 von Kasimir


Kasimir:
hushpeswa:
Am besten, du vergißt den Film wieder.


Zum Vergessen ist dieser moderne Stummfilm aber zu schön und liebevoll gemacht. Mir hat er jedenfalls gefallen.


Ich finde, DER DIE TOLLKIRSCHE AUSGRÄBT steht zum echten Stummfilm in einem ähnlichen Verhältnis wie der NEW BEETLE zum echten Käfer .

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"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"


Hallo,

kennt jemand von Euch den argentinischen Stummfilm "La Antena" von 2007?
Mischa hatte mal kurz auf eine Rezension verwiesen, die sich sehr positiv äußert.

MfG
Andrew



Andrew:
Hallo,

kennt jemand von Euch den argentinischen Stummfilm "La Antena" von 2007?
Mischa hatte mal kurz auf eine Rezension verwiesen, die sich sehr positiv äußert.

MfG
Andrew


Ich find ihn nicht so toll. Benutzt Stummfilm-Ästhetik, bietet aber wenig Eigenes.

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"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"


Wir hatten doch schon mal einen ähnlichen Fred mit vielen Beispielen:

http://f3.webmart.de/f.cfm?id=2777581&r=threadview&t=3197164&pg=1

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http://gimlihospital.wordpress.com/


Ein Artikel über Guy Maddins "Brand Upon the Brain!".

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Arndt
Ich finde, DER DIE TOLLKIRSCHE AUSGRÄBT steht zum echten Stummfilm in einem ähnlichen Verhältnis wie der NEW BEETLE zum echten Käfer .


Nun ja, man kann das Rad der Zeit eben nicht zurückdrehen...

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"Es gibt vielerlei Lärme. Aber es gibt nur eine Stille." (Kurt Tucholsky)

Zuletzt bearbeitet: 16.12.09 11:24 von Kasimir


LA ANTENA birst zwar geradezu vor Zitier- und Parodierlust, ist aber doch ein eigenartiger & eigenständiger Film. Übrigens ein Tonfilm. Daß er über weite Strecken stumm daherkommt, ist nicht nur eine formale Eigenheit, sondern gehört als symbolisches Hauptelement zur Filmerzählung: Ein totalitärer, sich vor allem des Fernsehens bedienender Herrscher preßt ein Großstadtvolk aus, dem buchstäblich die Stimme geraubt ist. Die stimmlosen Menschen verständigen sich trotzdem auf dreierlei Weise, wie es scheint, durch das gesprochene Wort: meist, indem sie es sich von den Lippen lesen, gelegentlich, indem sie es dort ertasten, und immer wieder einmal, indem sie sich an die eingeblendeten Textblöcke halten, in denen sich die Rede wunderbarerweise mehr oder weniger materialisiert. Allein schon dieses Spiel mit dem gesprochen-geschriebenen Wort kann einem den Film zur Schau werden lassen.
Regisseur Esteban Sapir hat sich für Motive und Handlungsmomente wohl hauptsächlich bei METROPOLIS bedient. Wie dieses Vorbild, so ist LA ANTENA ein pauschal sozialkritisches Technomärchen und funktioniert als Bilderbogen besser denn als Erzählung. Aber Sapir gewinnt gegen Lang nach Punkten. Während letzterer die Phantasie des Zuschauers durch Dramatik und Handlungsfülle fesselt, macht der Argentinier ihr Beine: Kaum ein formales oder gegenständliches Bildmotiv ohne Doppelsinn, ohne Verwandlungspotential, ohne ironische Funken. Und der teutonische Karl-May-Ernst samt Jungmannheld verblaßt in der Erinnerung. Die Welt wird von einem "getrennt lebenden" Fernsehmechaniker mit schiefsitzender Brille gerettet.



Mischa:
Aber Sapir gewinnt gegen Lang nach Punkten. Während letzterer die Phantasie des Zuschauers durch Dramatik und Handlungsfülle fesselt, macht der Argentinier ihr Beine: Kaum ein formales oder gegenständliches Bildmotiv ohne Doppelsinn, ohne Verwandlungspotential, ohne ironische Funken. Und der teutonische Karl-May-Ernst samt Jungmannheld verblaßt in der Erinnerung. Die Welt wird von einem "getrennt lebenden" Fernsehmechaniker mit schiefsitzender Brille gerettet.


Pah, METROPOLIS wird noch geguckt werden und Filmemacher beeinflussen, wenn LA ANTENA nur noch eine Fußnote in Filmlexika sein wird.

Außerdem: ironisch und doppelsinnig sein kann heute jeder Depp, nun wirds Zeit für die Post-Postmoderne, und da waren Lang und Harbou schon weiter...

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http://gimlihospital.wordpress.com/


Ein anderer Neo-Stummfilm, LES VACANCES DE M. HULOT, erschien im November 09 in Sophie Tatischeffs beispielhafter Tati-Reihe bei http://www.naive.fr, siehe auch http://www.amazon.fr/gp/product/B002R7SD5S/.

Das Aufregende daran ist, dass diese Ausgabe allem Anschein nach nicht nur die aktuelle Restaurierung der üblichen, von Tati -zigmal nachträglich veränderten 1978er "Endfassung" enthält, die wir alle kennen (mit der viel zu neuen Musik von 1963 und dem Postkartenschluß nebst Briefmarke in Farbe), sondern (als "Bonus") wahrscheinlich auch die ursprüngliche 1953er mit anderem Ton, in anderem Rhythmus und mit einigen Gags*, die Tati über die Jahre entfernte und für spätere Filme umnutzte.

Ich dachte, diese Version würde niemals in Umlauf gebracht! Hat einer der Unsrigen sich diese Doppel-DVD zu Gemüte geführt? Allein musikalisch war die Aufführung der annähernden 'Urfassung' eine Offenbarung: Ich gestehe gerne, dass ich bei Tati immer unter der für meine Begriffe dämlichen, opportunistischen Musik leide, und ganz besonders unter der, mit der VACANCES kursiert. Mit einem Mal war der Bruch geschlossen und ich konnte den Film mit dem 1953er Ton endlich genießen, anstatt erfolglos zu versuchen, die 1963er Musik mental auszublenden.

*(Beispiel für einen rausgeschnittenen Gag: Pfarrer geht am Tennisplatz in die Hocke, um sich den Schuh zuzubinden; seine Gesten werden durch kleine Toneffekte als Travestie der "Wandlung" umgedeutet.)


Zuletzt bearbeitet: 21.12.09 14:56 von Hofmeister
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