Stummfilm-Forum von

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Thema: Moderne Stummfilme


Ich würde Tati-Filme auf keinen Fall als Stummfilme ansehen, da sie einen Geräusch-Soundtrack haben. Sonst wäre auch WALL-E ein Stummfilm. Stummfilme sind Filme, die sich mit auswechselbarer Tonspur genießen lassen, nicht nur Filme ohne Dialog.

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"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"


In der Tat, gerade in MONSIEUR HULOT basieren viele Gags auf dem Ton und der stilisierten Kauderwelschsprache ...

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http://gimlihospital.wordpress.com/


Arndt:
Stummfilme sind Filme, die sich mit auswechselbarer Tonspur genießen lassen, nicht nur Filme ohne Dialog.

Das wäre dann ein weiterer Stummfilm, aber eben kein "moderner Stummfilm". Über einen solchen Film müsste ich befinden: "Benutzt Stummfilm-Ästhetik, bietet aber wenig Eigenes."



Hofmeister:
Arndt:
Stummfilme sind Filme, die sich mit auswechselbarer Tonspur genießen lassen, nicht nur Filme ohne Dialog.

Das wäre dann ein weiterer Stummfilm, aber eben kein "moderner Stummfilm". Über einen solchen Film müsste ich befinden: "Benutzt Stummfilm-Ästhetik, bietet aber wenig Eigenes."


Entschuldige, den Post verstehe ich nicht.

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"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"


Wir fassen das Schlagwort "Moderne Stummfilme" unterschiedlich auf. Deine Vorgabe (auswechselbare Tonspur) definiert "Moderne Stummfilme" als Stummfilme, die nach der Einführung des Tones entstanden. Aus meiner Sicht wären das dann halt Stummfilme, egal von wann. Für mich sind "Moderne Stummfilme" dialogfreie Filme; um ein Murnauzitat leicht abzuwandeln: "der ideale Film braucht keine Dialoge".

Als Thomas dieses Thema anstieß, gab er Russell Rouses THE THIEF als Beispiel -- nach Deiner Vorgabe wäre das kein "Moderner Stummfilm", weils wie bei VACANCES eine Tonspur gibt. Demnach würde dieser thread sich selbst negieren.

Der thread "Tonfilm-Hommagen an den Stummfilm" andererseits dreht sich um Sprechfilme, die das Thema Stummfilm berühren, wie INSERTS, SHADOW OF THE VAMPIRE oder SINGIN' IN THE RAIN.



Du hast natürlich Recht, ich hätte das schon bei THE THIEF anmerken sollen. Aber ich finde, der Begriff "moderner Stummfilm" passt auf dialoglose Tonfilme nicht. Davon gibt es ja eine ganze Menge. THEMROC ist ein schönes Beispiel.

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Arndt:
THEMROC ist ein schönes Beispiel.


Genau der wäre ebenfalls für mich ein moderner Stummfilm. "Modern" heißt ja auch neue Wege zu beschreiten.


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Vom Rio Grande bis Kap Hoorn - Der Stummfilm in Lateinamerika


Das ist eben Ansichtssache. Für mich schließen sich Stummfilm und feste Tonspur, die notwendigerweise zum Film dazu gehört, aus. Mit fester Tonspur ist es ein Tonfilm, dann eben ohne Dialog.
Stummfilme muss man für mich mit unterschiedlicher Musik unterlegen können.
Aber, wie gesagt, das ist Ansichtssache.

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Leider erachten sehr viele Nutzer die Tonspur generell als auswechselbar. Nicht nur die Dialoge, sondern auch die Musik fiel bei tausenden Filmen der Synchronisation zum Opfer -- einschließlich CITIZEN KANE, CASABLANCA, LA GRANDE ILLUSION.

Wurden sie durch die erwiesene und praktizierte Austauschbarkeit der kompletten Tonspur zu "Modernen Stummfilmen"? Gerade diejenigen, die diese Filme weitervermittelten, waren der Ansicht, dass die ursprüngliche klangliche Seite nicht notwendigerweise dazugehörte.




Was ist mit Stummfilmen, die bereits zur Zeit ihrer Erstveröffentlichung einen festen Score besaßen? Ich denke hier z.B. an Borzages "Seventh Heaven", der schon damals mit einem Movietone-Score herauskam, und zwar einem sehr speziellen, auf dem sich ein musikalisches Thema ziemlich häufig wiederholt. Mich nervt dieser Score zwar, aber er ist sicherlich ein integraler Bestandteil des 1928er 'Produkts' "Seventh Heaven". Wie 'legitim' ist es eurer Ansicht nach, diesen Score zu ersetzen?



Der Unterschied ist eben, dass man SEVENTH HEAVEN problemlos anders musikalisch untermalen kann. Der Movietone Soundtrack ist nicht notwendig zum Verständnis oder Genuss des Films. Der Zuschauer vermisst bei anderer Begleitung nichts, u.U. ist der Film ohne "Diane"-Gedudel sogar besser.

Manchmal lassen sich aber auch Tonfilme durch einen Totalaustausch der Tonspur verbessern. Beispiele dafür sind die Fernsehserie THE PERSUADERS (DIE ZWEI), deren deutlich gag-angereicherte deutsche Tonspur die Serie hierzulande zum Kult machte, oder Woody Allens WHAT'S UP, TIGER LILY?

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Wurden sie durch die erwiesene und praktizierte Austauschbarkeit der kompletten Tonspur zu "Modernen Stummfilmen"? Gerade diejenigen, die diese Filme weitervermittelten, waren der Ansicht, dass die ursprüngliche klangliche Seite nicht notwendigerweise dazugehörte.


Der entscheidende Unterscheidungspunkt ist doch, ob die Tonspur ein wesentliches Gestaltungselement des Films ist. Wenn ich Casablanca zigmal umsynchronisiere, ändert das nichts daran, daß ich gesprochene Dialoge und Geräusche brauche, um mit diesem Film eine Geschichte zu erzählen.

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Arndt:
[SEVENTH HEAVEN] Der Zuschauer vermisst bei anderer Begleitung nichts, u.U. ist der Film ohne "Diane"-Gedudel sogar besser.

Danke, das macht Deine Position für mich schlüssig. Meiner Ansicht nach steht es Unbeteiligten nicht zu, Werke nachträglich zu "verbessern". Die Bild-Ton-Kombination bei SEVENTH HEAVEN ist, wie sie ist, auch wenn man sie als quälend empfinden mag. Dann muss ich halt versuchen, diese Kombination, diese Reibung zu interpretieren. (Das zwanghafte Element in SEVENTH HEAVEN, die psychotische Ebene der Beziehung gibt doch ohnehin mehr her als ein rein affirmatives Mitgehen.)

Das Argument, dass der Ersatz einer vorhandenen Tonspur "problemlos möglich" sei, nur weil er nicht sofort als Manipulation auffällt, verfängt für mich nicht. Wer DIE WEISSE HÖLLE VOM PIZ PALÜ zum ersten Mal sieht, wird auch eventuelle "Verbesserungen" des Schnittes nicht als Eingriff wahrnehmen; ausgerechnet beim Movietone-Soundtrack soll das dann keine Rolle spielen, sofern es Deinem Geschmack entspricht?

Manchmal lassen sich aber auch Tonfilme durch einen Totalaustausch der Tonspur verbessern. Beispiele dafür sind die Fernsehserie THE PERSUADERS (DIE ZWEI), deren deutlich gag-angereicherte deutsche Tonspur die Serie hierzulande zum Kult machte, oder Woody Allens WHAT'S UP, TIGER LILY?

Das stellt die rechte Perspektive her. In dem Höllenkreis, den Dante für die Synchronisatoren reservierte, hat Rainer Brandt für mich einen ganz persönlichen "Ehrenplatz". Der Unterschied zwischen THE PERSUADERS und DIE ZWEI ist der zwischen Augenzwinkern und "Schenkelklopfen, wenn der Tusch kommt". Wenn Du Dich über "Tschüssikowski" amüsieren kannst, dann nur zu. Weshalb man dafür anderer Leute Arbeit zur Unkenntlichkeit entstellen muss, ist mir ein Rätsel. In meinen Augen war THE PERSUADERS eine angenehm unernste Krimiserie, und DIE ZWEI waren sterbenslangweilig - meine persönlichen Einschätzungen, die mich nicht dazu bewegen werden, eine von beiden zu "verbessern".

WHAT'S UP TIGER LILY? imitiert, was Pete Smith in den 40ern vormachte, wenn er Stummfilmdramen manipulierte und zerscherzte. [Ergänzt: Heutzutage ist solche Arbeit die Domäne von MST3k (1) (2)] Waren es für Dich "Verbesserungen", als in den 70ern HongKong-Filme in Deutschland einer Dialektsynchronisation unterzogen wurden und so beispielsweise "Der Dampfhammer von Send-Ling" entstand?


Zuletzt bearbeitet: 23.12.09 13:20 von Hofmeister


Moment mal...Ich hatte gedacht, ich sei der Dogmatiker in diesem Thread.

Ehrlich gesagt ist das ein Minenfeld, das ich nicht ohne Not betreten möchte. Für gewöhnlich meine ich auch, dass man in sich abgeschlossene Werke in Ruhe lassen sollte. Es fallen mir spontan aber so viele Ausnahmen zu diesem Dogma ein, dass ich hier für eine Entscheidung von Fall zu Fall plädieren würde.

Und ob ein hastig drangeklebter Movietone-Soundtrack integraler Bestandteil eines Stummfilms ist, darüber ließe sich trefflich streiten. Wieviele Kinos waren denn 1927 überhaupt in der Lage, den Film in der Movietone Version zu zeigen?



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Hofmeister:
Wenn Du Dich über "Tschüssikowski" amüsieren kannst, dann nur zu. Weshalb man dafür anderer Leute Arbeit zur Unkenntlichkeit entstellen muss, ist mir ein Rätsel.


Doch noch zwei Anmerkungen:

- "Tschüssikowski" finde ich wirklich recht amüsant. Ich bin halt einfach gestrickt.

- Der Grund für die Entstellung anderer Leute Arbeit bis zur Unkenntlichkeit ist meistens pekuniärer Art, d.h. Profitgier. Bei DIE ZWEI hat's ja auch funktioniert.

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