Stummfilm-Forum von

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Thema: Der durch den Zuschauer geht


Als am Anfang von Bergmans SIEBENTEM SIEGEL der Tod auftritt, sein schwarzes Gewand ausbreitet und auf Antonius Block zugeht, wird der Filmzuschauer durch die Kamera an die Stelle des Ritters gesetzt: Der Tod kommt auf uns zu und umhüllt uns, die Leinwand wird schwarz, wir sitzen im Dunkeln. Dann wird es wieder ein wenig hell, wir sehen den Tod von hinten, und seitlich von ihm hockt nach wie vor der Ritter auf den Strandkieseln, lebendig - er fordert den Tod zum Schachspiel auf.
Der Tod ist gleichsam durch den Zuschauer hindurchgegangen und hat ihn dabei umgedreht.
Dieses Motiv kommt schon 1937 in DER DIBUK von Michał Waszyński vor. Auch hier ist es eine übernatürliche Figur, die auf jene Weise durch den Zuschauer geht: der Bote (in der DVD-Ausgabe der "Bel Canto Society", New York: 23:35-45).
Wer hat das erfunden? Waszyński kam von Murnau her ... da muß es doch wohl ein stummes Vorbild geben!?



Gute Frage... auch Bergman war ja ein großer Murnau- und Stummfilmfan. Gibt es vielleicht im FAUST etwas Ähnliches?

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http://gimlihospital.wordpress.com/


Einar_The_Lonely:
Gibt es vielleicht im FAUST etwas Ähnliches?

Ich habe mir den Film auf der MoC-DVD vor ein paar Wochen angeschaut: In "Faust" ist nichts dergleichen zu vermerken.

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Mein Filmblog: http://gabelingeber.wordpress.com/


Vielleicht ist die besagte optische Volte einfach die dämonische Steigerung einer schon zu stummen Zeiten geübten Art, per Kamera den Kopf des Betrachters umzudrehen. Siehe in TRILBY von Maurice Tourneur (der sich ja nicht umsonst "Dreher" nannte) die Szene, in der die beiden Freunde Billies aus Paris in London eintreffen. Das wiedervereinte Trio geht auf uns Zuschauer los, knapp an uns vorbei (!), Schnitt - und wir sehen die Männer von hinten, wie sie sich plaudernd entfernen. Auf der von "Reelclassicdvd" herausgegebenen Scheibe: 45:56 - 46:25.



Bergman könnte diesen Dreh auch aus einem nicht-stummen Klassiker übernommen haben. In Cocteaus LA BELLE ET LA BÊTE schwebt Belle auf die besagte Weise durch den Zuschauer hindurch: bei ihrer Ankunft auf dem geheimnisvollen Schloß, im dunklen Gang mit den wehenden weißen Fenstervorhängen. Im Drehbuch (übersetzt von Sigrid Vagt) heißt es: „Belle wird ... vorwärtsbewegt, bis sie in Großaufnahme von vorn zu sehen ist. Sie versperrt die Kamera. In Großaufnahme Belle von hinten, die die Kamera wieder freigibt.“

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