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Thema: Kafka ging ins Kino


Von 24 Filmen ist bezeugt oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erschließen, daß Kafka sie gesehen hat. Acht davon sind anscheinend erhalten. Die folgende Liste wurde erstellt anhand des Buches von Hanns Zischler: Kafka geht ins Kino. Reinbek bei Hamburg 1998. Einige Angaben wurden ergänzt, andere aktualisiert.

1908
1. Der durstige Gendarm (EN BORDÉE). P: Pathé (no. 2547). – Kafka: Brief an Elsa Taussig, Prag, 28. Dezember (in: Brod/Kafka: Eine Freundschaft. Bd. 2: Briefwechsel).
2. Der galante Gardist (LE GALANT GARDE FRANÇAIS). P: Pathé (no. 2543). – Kafka: Ebenda.

1911
3. Die weiße Sklavin, II. Bild (DEN HVIDE SLAVEHANDELS SIDSTE OFFER). R: August Blom, B: Peter Christensen, P: Nordisk. – Kafka: Brief an Max Brod, aus Grottau, 25. Februar; erstes Kapitel des Buches „Richard & Samuel“ (in: Brod/Kafka: Eine Freundschaft. Bd. 1: Reiseaufzeichnungen).
4. EXCURSION SUR LES CÔTES DE LA NOUVELLE-ZÉLANDE. R: Franklyn W. Barrett. P: Pathé (no. 4427). – Kafka: Siehe Max Brod: „Kinematograph in Paris“ (Reiseaufzeichnung zum 10. September).
5. PÊCHE À LA MORUE À LA LIGNE DE FOND EN ISLANDE (Kabeljau-Angelfischerei in Island). P: Pathé (no. 4459). – Kafka: Siehe Max Brod, ebenda.
6. Der großmütige Arzt (LA TOURNÉE DU DOCTEUR). R: Georges Denola, B: Henri Dupuis, P: Pathé (no. 4561). – Kafka: Siehe Max Brod, ebenda.
7. HENRI IV ET LE BǙCHERON (Henri IV. und der Holzfäller). P: Pathé (no. 4541). – Kafka: Siehe Max Brod, ebenda.
8. ELECTRICITÉ STATIQUE. P: Pathé (no. 4480). – Kafka: Siehe Max Brod, ebenda.
9. NICK WINTER ET LE VOL DE LA JOCONDE (Nick Winter & der Diebstahl der Mona Lisa). R: Paul Garbagni, Gérard Bourgeois, P: Pathé (no. 4704). – Kafka: Siehe Max Brod, ebenda.
10. JOURNAL PATHÉ, u.a. mit Kaiser Wilhelm. – Kafka: Siehe Max Brod, ebenda.

1912
11. SELTSAME INSEKTEN. – Kafka: Siehe Zischler, S. 86.
12. DIE INSEL CEYLON. – Kafka: Siehe Zischler, ebenda.
13. DANZIG. – Kafka: Tagebuch, 25. September.
14. THEODOR KÖRNER. R&B: Franz Porten, Gerhard Dammann, P: Deutsche Mutoskop. – Kafka: Ebenda.

1913
15. DER ANDERE. R: Max Mack, B: Paul Lindau nach seinem gleichnamigen Bühnenstück, P: Vitascope. – Kafka: Brief an Felice Bauer, 14. März.
16. JOURNAL GAUMONT, u.a. über die 300-Jahr-Feier der Romanows in Jaroslawl. – Kafka: Tagebuch, 1. Juli.
17. Sklaven des Goldes (LE COLLIER VIVANT – SCÈNES DE LA VIE DE L’OUEST AMÉRICAIN). R: Jean Durand, P: Gaumont. – Kafka: Ebenda.
18. NUR EINEN BEAMTEN ZUM SCHWIEGERSOHN. P: Lux. – Kafka: Tagebuch, 2. Juli.
19. Die Katastrophe im Dock (KATASTROFEN I DOKKEN). R: Vilhelm Glückstadt. P: Filmfabriken Danmark. – Kafka: Tagebuch, 20. November.
20. Es gibt keine Kinder mehr (L’ANGE DE LA MAISON). R&B: Léonce Perret. P: Gaumont. – Kafka: Ebenda.
21. ENDLICH ALLEIN, ODER: ISIDORS HOCHZEITSREISE. R: Max Mack, B: Anton & Donat Herrnfeld, P: Vitascope. – Kafka: Ebenda.

1919
22. Táta Dlouhán (DADDY-LONG-LEGS). R: Marshall Neilan, B: Agnes Christine Johnston nach dem gleichnamigen Roman von Jean Webster, P: Mary Pickford Company. – Kafka: Siehe Max Brod: Streitbares Leben, Kapitel „Leben mit Franz Kafka“ (Zischler S. 51).

1920
23. THE KID. R&B: Charles Chaplin. P: Chaplin & First National. – Kafka: Brief an Frl. Werner, aus Berlin, Januar 1924 (Zischler S. 155).

1921
24. SHIWAT ZION (Rückkehr nach Zion). R: Jakob Ben-Dov, P: Zionist Commission, Jerusalem, & Zentralstelle des Jüdischen Nationalfonds. – Kafka: Tagebuch, Prag, 23. Oktober.

DVD-Ausgaben gibt es von Nr. 22 und 23. Erhalten sind außerdem Nr. 3, 9, 14, 15, 17 und 24. Zu Nr. 19 bietet das Dänische Filminstitut acht Standphotos:
http://www.dfi.dk/faktaomfilm/nationalfilmografien/nffilm.aspx?id=32918.

Nr. 11 dürfte eine erstklassige Quelle für Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ sein, ist bisher anscheinend aber noch nicht näher identifiziert worden, geschweige denn wiederentdeckt ...



Weiß man auch, welche davon er besonders mochte?

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Max Brod über Kafka und DADDY-LONG-LEGS: „Er schleppte seine Schwestern zu diesem Film, später mich, immer mit großer Begeisterung, und war stundenlang nicht dazu zu bringen, von etwas anderem zu reden als gerade nur von diesem herrlichen Film.“ -
Außer den oben aufgeführten lassen sich manch weitere Notate Kafkas auf einzelne Filme beziehen. So dürfte, wie Zischler vermutet, folgender Tagebucheintrag vom 27. November 1913 auf einen Kinobesuch zurückgehen: „Bild: Taufe der Schiffsjungen beim Passieren des Äquators. Das Herumlungern der Matrosen. Das nach allen Richtungen und Höhen abgekletterte Schiff bietet ihnen überall Sitzgelegenheiten. Die großen Matrosen, die an den Schiffsleitern hängen und sich mit mächtiger runder Schulter Fuß vor Fuß an den Schiffsleib drücken und auf das Schauspiel hinuntersehn.“ Identifiziert scheint ein entsprechender Film aber noch nicht zu sein.
Im Winter 1919/20 erhält Kafka von Minze Eisner, einer jungen Urlaubsbekanntschaft, professionell angefertigte Fotos und schreibt ihr dazu: „Sie haben das erstaunliche Material einer Schauspielerin oder Tänzerin und die (im hohen Sinn) göttliche Frechheit des Angeschaut-werden-Könnens und des Dem-Blicke-Standhaltens.“ Er bringt dann die einzelnen Aufnahmen mit Bühnenstücken in Verbindung, zuletzt aber mit einer Filmschauspielerin: „… vorausgesetzt, daß es nicht die Fern Andra ist.“ (Zwei Fotos von M. E. finden sich bei Klaus Wagenbach: Franz Kafka – Bilder aus seinem Leben. 2. Neuausgabe. Berlin 1994, S. 214.)



Korrektur zur ersten Nachricht: Erhalten ist nicht Nr. 17 (LE COLLIER VIVANT), sondern Nr. 16 (Wochenschau-Bericht zum Romanov-Jubiläum). -
Zischler rekonstruiert, inwiefern DER ANDERE in Kafkas Augen ein elender Film war, ein Selbst-Mißbrauch des Hauptdarstellers Albert Bassermann. Diese Frage untersucht ausführlich auch Peter-André Alt in seinem Buch "Kafka und der Film. Über kinematographisches Erzählen". Im Übrigen beschäftigt sich Alt mit formalen Entsprechungen zwischen Kinofilm und Kafkas Texten; so auch Anne Brabandt: "Franz Kafka und der Stummfilm. Eine intermediale Studie". Beide Bücher erschienen 2009 in München.



Kafka war also ein Mary Pickford-Fan... ^^ Danke Mischa, sehr interessant!

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Die Frage ist allerdings, ob Mary Pickford auch Kafka-Fan war.

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"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"


Arndt:
Die Frage ist allerdings, ob Mary Pickford auch Kafka-Fan war.


Bestimmt!

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Das wäre doch ein toller Stoff für spekulative Geschichtsschreibung: Kafka schickt Pickford ein Manuskript, z.B. "In der Strafkolonie". Das wird (natürlich stark bearbeitet) angenommen. Kafka wird nach Hollywood geholt, sieht den Film nach seinem Skript (natürlich mit Happy End usw.) und ist begeistert. Er erkennt, dass er bisher Alles falsch gemacht hat und schreibt sofort ein paar Knallerdrehbücher, alles Komödien. Natürlich verliebt sich Mary in ihn und beide leben glücklich in Pickka (oder Kafford?) bis an ihr seliges Ende.

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Happy-end hin oder her - es ist wohl der erste, im Waisenhaus spielende Teil von DADDY-LONG-LEGS, der Kafka besonders entgegenkam. Zum einen wegen des darin waltenden spitzbübischen (spitzbübinnenhaften) Humors; Kafkas Jungengesicht ließe sich bruchlos in die Schar von Judys pfiffigen Kameraden einmontieren. Zum anderen ähnelt Judys Situation in mancherlei Hinsicht etwa der des Protagonisten in Kafkas "Prozeß". Jemand wird von einer undurchschaubaren, vermeintlich rational bestimmten Obrigkeit unterdrückt und schwankt zwischen rebellischem Impetus und dem Bestreben, sich die von "oben" her geltenden Regeln anzueignen und sich in ihnen zu rechtfertigen - siehe etwa Judys komisch danebengehende Versuche, mit gewählt-vernünftigen Ausdrücken Vorwürfe der Erzieherin abzuwehren. Schließlich Judys wunderbare Emanzipation, ihr Aufblühen aus der unterdrückten Kindheit und daß sie diese schriftstellerisch-aufklärerisch publik macht - eine Bewegung, die dem Prager wohl einerseits vertraut gewesen sein, andererseits durch ihre amerikanische Gewandung neu-reizvoll auf ihn gewirkt haben dürfte.



In Vorfreude auf „Edition Filmmuseum Nr. 95“ schießen die Spekulationen ins Kraut.
Was von all dem franziskafkanisch Gesehenen haben die Archive wohl hergegeben? Was vor allem aus den Jahren 1907 und 1922? Wie sind die tschechischen Versionen beschaffen? Und welchen Fern-Andra-Film haben die Herausgeber ausgewählt?



In der „Edition Filmmuseum“ erscheinen nächste Woche auf DVD die erhaltenen Filme, die sich Kafka laut seinen schriftlichen Bemerkungen angesehen haben dürfte. Es sind sieben der acht oben genannten (der allseits bekannte Chaplin-Film THE KID wurde ausgelassen) – und dazu etliche andere, die nicht auf jener Liste stehen. Die Spannung wächst ...

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