Stummfilm-Forum von

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Thema: Roboter und Kunstmenschen im Stummfilm


Bei Amazon gibt es zwei Aelita Varianten. Russisch und französisch. Hat jemand den Film und kann mir zu einer Ausgabe raten? Ich habe wie gesagt einen Teil auf archive org gesehen und bin etwas genervt von dem Ton und den knalligen Bildeffekten. Ansonsten bin ich sehr begeistert....



Zum Thema gehört auch DIE INSEL DER VERSCHOLLENEN (1921) von Urban Gad. In diesem Forum wurde bereits in einer eigenen Rubrik Näheres dazu erfragt - bisher ohne Ergebnis. Nach der Romanvorlage von H. G. Wells und den bei filmportal.de zu lesenden Kritiken geht es um die Schaffung eines künstlichen Menschen aus Tieren.



Gerade gefunden: Die große Wette bzw. Der Elektromensch (1916) Buch und Regie: Harry Piel, leider verschollen.



Erhalten aber ist LA LÉGENDE DE POLICHINELLE (1907) von Albert Capellani. Da wird eine ganze Puppenschar lebendig, auch Pulcinella (Max Linder) und seine Angebetete ... Die zweite Hälfte des Films findet sich bei YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=4hQh-AIq6zg.



Baron von Kempelen läßt es im JOUEUR D'ÉCHECS nur so vor täuschend menschlichen Automaten wimmeln (Frankreich 1927, R: Raymond Bernard). Gegen Ende wird an einem Ort ein vermeintlicher Automat exekutiert, während anderswo ein säbelschwingendes Heer von echten Automaten ... Aber seht selbst! DVD: Image Entertainment, "Milestone Collection"; auch bei YouTube.
- Der Film wird auch in einer anderen Rubrik dieses Forums noch eine Rolle spielen, vermutlich in Folge 136 ...



Besonders gut gefällt mir der künstliche Tod, der aus technischen Bauteilen zusammengesetzt ist, in der Sterbeszene von Kempelen am Schluss. Feiner Film!



Hier ein Versuch, das bisher Gefundene auf die Reihe zu bringen.

Künstliche Menschen und Roboter im Stummfilm.
Erhaltene Filme und Filmfragmente.

1. PYGMALION ET GALATHÉE („Pygmalion & Galathea“).
Frankreich 1898.
Spielfilm.
R: Georges Méliès, B: Méliès mit Rückgriff auf die Pygmalion-Sage (Ovid, Metamorphosen X).
K(ünstlicher) M(ensch): Galathea, eine lebendig gewordene Statue, die sich der Umarmung dadurch entzieht, daß sie zerbröckelt.

2. ILLUSIONS FUNAMBULESQUES („Ausgefallene Illusionen“).
Frankreich 1903.
Spielfilm.
R&B: Georges Méliès.
KM: Zauberer Méliès setzt eine Schaufensterpuppe zusammen. Als er sie von einer Seite der Bühne auf die andere trägt, wird sie lebendig.
DVD: Georges Méliès: First Wizard of Cinema (1896–1913). 5 DVDs. Flicker Alley, 2008.

3. LA LÉGENDE DE POLICHINELLE („Die Legende von Pulcinella“).
Frankreich 1907 (21. Juni).
Spielfilm.
R: Albert Capellani.
KM: Lebendige Puppen, darunter Pulcinella & seine Angebetete.
DVD-R (2. Hälfte): The Comedy of Max Linder. Grapevine Video.

4. FRANKENSTEIN.
USA 1910 (18. März).
Spielfilm.
R: J. Searle Dawley, B: Dawley frei nach Mary Shelleys Roman „Frankenstein, oder: Der moderne Prometheus“ (1818).
KM: Monströser Mensch aus der Retorte.
DVD: Beilage zur Monographie von Frederick C. Wiebel, Jr.: Edison’s Frankenstein. The 100th Anniversary Edition. Duncan, Oklahoma (BearManor Media) 2010.

5. THE WONDERFUL WIZARD OF OZ („Der wunderbare Zauberer von Oz“).
USA 1910 (24. März).
Spielfilm.
R: Otis Turner, B: Turner nach L. Frank Baums gleichnamigem Roman (1900).
KM: Ein lebendiger Vogelscheuch, ein ebensolcher blecherner Holzfäller („Tin Woodman“).
DVD (dt. UT): Der Zauberer von Oz. 70th Anniversary Collector’s Edition. 4 DVDs. Warner Bros., 2009.

6. PINOCCHIO.
Italien 1911 (Aug.).
Spielfilm.
R: Giulio Antamoro, B: nach Carlo Collodis Roman „Die Abenteuer des Pinocchio“ (1883).
KM: Pinocchio, eine lebendig gewordene Holzmarionette.

7. LA MAISON DU MYSTÈRE. Scène à trucs („Das geheimnisvolle Haus. Trick-Szene“).
Frankreich 1912 (23. April).
Spielfilm.
KM: Automatische Polizisten.

8. THE PATCHWORK GIRL OF OZ („Das Patchwork-Mädchen von Oz“).
USA 1914 (28. Sept.).
Spielfilm.
R: J. Farrell Macdonald, B: Macdonald nach L. Frank Baums gleichnamigem Roman (1913).
KM: Eine durch Lebenspulver und einen Verstandescocktail menschgewordene Patchwork-Puppe, dazu Vogelscheuch & Blechmann wie bei Nr. 5. (Wer eine Schwäche für Anarcho-Fantasy-Slapstick hat, wird diesen Film lieben!)
DVD: Wie bei Nr. 5.

9. HIS MAJESTY, THE SCARECROW OF OZ („Seine Majestät, der Vogelscheuch von Oz“).
USA 1914 (14. Okt).
Spielfilm.
R: L. Frank Baum, B: Baum nach Motiven seines Romans „Der wunderbare Zauberer von Oz“ (1900) und unter Vorwegname von Motiven seines Romans „Der Vogelscheuch von Oz“ (1915).
KM: Wie bei Nr. 5. Der Vogelscheuch wird hier von einer Indianerfee (?) lebendig gemacht. (Freunden wilder Fledermausfrauen sei dieser Film empfohlen. Vergeßt Musidora!)
DVD: Wie bei Nr. 5.

10. DER GOLEM. Phantastisches Spiel in vier Akten.
Deutschland 1915 (15. Jan.).
Spielfilm.
R: Heinrich Galeen, B: Paul Wegener & Galeen.
KM: Starker Mann aus Lehm.
Erhalten sind nur zwei kurze Fragmente.
DVD: Film im Herzen Europas. Deutsch-tschechische Filmbeziehungen im 20. Jahrhundert. Absolut Medien, 2007.

11. HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN.
Deutschland 1916 (25. Febr.).
Spielfilm mit drei Episoden in einer Rahmenhandlung.
R: Richard Oswald, B: Fritz Friedmann-Frederich & Oswald nach der gleichnamigen Oper von Jacques Offenbach und Jules Barbier (1881).
KM: Olympia, eine automatische Puppe, in die sich E. T. A. Hoffmann, getäuscht von einer magischen Brille, verliebt (1. Episode).

12. HOMUNCULUS.
Deutschland 1916 (22. Juni) – 1917 (Jan.).
Spielfilmserie in sechs Teilen.
R: Otto Rippert, B: Robert Reinert.
KM: Richard Ortmann, ein Mensch aus der Retorte, unfähig zur Liebe; schließlich ein zweiter künstlicher Mann, der den ersten töten soll.
Nicht komplett erhalten.

13. DIE PUPPE. Vier lustige Akte aus einer Spielzeugschachtel frei nach Wilner (!).
Deutschland 1919 (5. Dez.).
Spielfilm.
R: Ernst Lubitsch, B: Hanns Kräly & Lubitsch nach Alfred Maria Willners deutschem Libretto für Edmond Audrans Opéra comique „La Poupée“.
KM: Mechanisch sich bewegende Puppen in Menschengröße.
DVD: Lubitsch in Berlin. Fairy-Tales, Melodramas, & Sex Comedies. Six Films by Ernst Lubitsch, 1918–1921. 6 DVDs. Eureka 2010.

14. THE MASTER MYSTERY („Der Meisterfall“).
USA 1920 (März).
Spielfilmserie in 15 Folgen.
R: Harry Grossman & Burton L. King, B: Charles Logue & Arthur B. Reeve.
KM: Roboter.
Nicht komplett erhalten.
DVD: Houdini: The Movie Star. 3 DVDs. Kino on Video, 2008.

15. DER GOLEM – WIE ER IN DIE WELT KAM. Bilder nach Begebenheiten aus einer alten Chronik.
Deutschland 1920 (Okt.).
Spielfilm.
R: Paul Wegener & Carl Boese, B: Wegener.
KM: Wie bei Nr. 10.
DVD: Transit Film, 2004.

16. L’UOMO MECCANICO („Der mechanische Mensch“).
Italien 1921 (Nov.).
Spielfilm.
R&B: Cretinetti (André Deed).
KM: Ein Roboter; schließlich ein zweiter, der den ersten zerstören soll.
Nicht komplett erhalten.
DVD (engl. ZT): The Mechanical Man. Alpha Video, 2005.

17. DIE INSEL DER VERSCHOLLENEN.
Deutschland 1921 (21. Nov.).
Spielfilm.
R: Urban Gad, B: Bobby E. Lüthke & Hans Behrendt nach H. G. Wells’ Roman „Die Insel des Dr. Moreau“ (1896) oder Maurice Renards Roman „Der Doktor Lerne, Untergott“ (1908).
Spielfilm.
KM: Tiermensch als Resultat von Transplantationen.

18. HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN.
Österreich 1923 (6. April).
Spielfilm.
R: Max Neufeld, B: Josef B. Malina nach der gleichnamigen Oper von Jacques Offenbach und Jules Barbier (1881).
KM: Wie bei Nr. 11.

19. GOLEM ZAUBERT. Ein Filmscherz.
Deutschland 1923.
Zeichentrickfilm.
R&B: Paul Simmel.
KM: Wie bei Nr. 10 & 15.
Kurzer Ausschnitt in: Birgitta Ashoff: DIE FRAU HINTER DEN SCHATTEN: LOTTE REINIGER (1980).
DVD mit Ashoffs Dokumentation: Lotte Reiniger – Gesamtausgabe. 8 DVDs. Absolut Medien, 2008.



20. CARTOON FACTORY („Zeichnungsfabrik“).
USA 1924 (21. Febr.).
Kombinierter Zeichentrick- & Spielfilm.
R&B: Max & Dave Fleischer.
KM: Ein aus maschinell produzierten Fertigteilen zusammengesetzter Soldat, der lebendig wird – Zeichner Max Fleischers Alter Ego in der gezeichneten Welt.
DVD: Max Fleischer’s Famous Out of the Inkwell. Bonus Edition. 2 DVDs. Inkwell Images, 2003.

21. METROPOLIS.
Deutschland 1927 (10. Jan.).
Spielfilm.
R: Fritz Lang, B: Thea von Harbou nach ihrem gleichnamigen Roman (1926).
KM: Weiblicher Roboter.
DVD: Fritz Lang’s Metropolis. Reconstructed & Restored Limited Edition. Eureka, 2010.

22. LE JOUEUR D’ÉCHECS („Der Schachspieler“).
Frankreich 1927 (20. Juli).
Spielfilm.
R: Raymond Bernard, B: Bernard & Jean-José Frappa nach dem gleichnamigen Roman & Bühnenstück von Henry Dupuy-Mazuel.
KM: Baron von Kempelens Automaten.
DVD (engl. ZT): The Chess Player. Image Entertainment (Milestone Collection) 2003.



23. LA PETITE MARCHANDE D’ALLUMETTES („Die kleine Streichholzverkäuferin“, „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“).
Frankreich 1928 (8. Juni).
Spielfilm.
R: Jean Renoir, B: Renoir frei nach dem gleichnamigen Märchen von Hans Christian Andersen.
KM: Im Traum kommt die Streichholzverkäuferin ins Spielzeugland, wo die Puppen und Spielzeugtiere lebendig werden. Ein Springteufel-Soldat entführt das Mädchen, ein Holz-Offizier versucht es zu retten …
DVD: La Fille d’eau – Sur un air de Charleston – La petite Marchande d’allumettes. 3 films de Jean Renoir avec Catherine Hessling. Studio Canal, 2006.

Und der folgende Film hat zwar fixierten Ton, aber beschränkt sich dabei auf Musik und die Stimme des Autors aus dem Off; er gehört schon deshalb hierher, weil sich mit ihm der Kreis schließt (vgl. Nr. 1):

24. LE SANG D’UN POÈTE („Das Blut eines Dichters“).
Frankreich 1932 (Jan.).
Spielfilm.
R&B: Jean Cocteau.
KM: Eine weibliche Gipsstatue im Atelier eines Künstlers wird lebendig und bringt den jungen Mann zu Tode.
DVD (engl. UT): Jean Cocteau Collection. The Blood of a Poet – Testament of Orpheus. Optimum, 2007.



Künstliche Menschen gibt es in AËLITA nicht. Die herrschende Klasse auf dem Mars beschränkt sich darauf, Sklaven in Tiefkühlkammern vorrätig zu halten.



Zur Frage, inwiefern AËLITA ein Vorbild für METROPOLIS gewesen sein kann: Lora Schlothauer berichtet, daß die Entstehung von Protazanows Film in der deutschen Fachpresse interessiert verfolgt wurde. In Berlin aufgeführt worden sei AËLITA dann aber erst im Juni 1926 - und die Kritik sei völlig negativ gewesen. Siehe L. Schlothauer: "Rezeption des russischen Stummfilms in den deutschen Medien am Beispiel von 'Film-Kurier' 1920-1930", in: Kakanien revisited, 27. 4. 2009, im Internet: http://www.kakanien.ac.at/beitr/jfsl08/LSchlothauer1.pdf.



Ergänzung der obenstehenden Liste:

25 (gehört zwischen die Nummern 7 & 8). LE SAVANT MICROBUS ET SON AUTOMATE („Der Wissenschaftler Microbus und sein Automat“).
Frankreich 1914 (fertiggestellt im Juli; nicht in den Verleih gekommen).
Spielfilm.
R&B: Robert Lortac.

Inhalt: „Microbus hat einen Automaten erfunden, der nicht funktioniert, und will seine Tochter erst dann seinem Mitarbeiter zur Frau geben, wenn der Automat endlich doch einmal funktioniert. Der Mitarbeiter versteckt sich im Inneren der Maschine und nimmt sich in dieser Verkleidung etliche Freiheiten heraus, um seinem Chef den Automaten zu verleiden“ (so Valérie Vignaux auf S. 289 des von ihr herausgegebenen Sammelbandes „Marius O’Galop / Robert Lortac. Deux pionniers du cinéma d’animation français“ [Band 59 der Filmzeitschrift „1895“], Paris 2010).
Der aus Pappe gebaute Roboter hätte ohne weiteres in STAR WARS verwendet werden können. Sechs Standphotos finden sich im genannten Buch auf S. 248.



Weitere Ergänzung:

26 (kommt nach HOMUNCULUS): A CLEVER DUMMY.
USA 1917 (28. Juni).
Spielfilm.
R: Herman Raymaker mit Ferris Hartman & Robert Kerr, B: Mack Sennett.
KM: Ein automatischer Doppelgänger von Ben Turpin.
Internet: Internet Archive.



Laut Michael Esser sind Richard Oswalds Filme nicht zuletzt Studien über Mensch & Puppe. Zu HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN schreibt er:
"Die Schauspielerin Alice Scheel-Hechy mußte sich keine große Mühe geben, um die von ihr dargestellte Gliederpuppe Olympia mit eckigen Gesten und ruckendem Gang dem Ideal eines menschenähnlichen Automaten anzunähern. Allein schon die mechanische Reproduktion ihrer mit 16 Bildern in der Sekunde fotografierten Bewegungen reicht dafür aus; der Kinoapparat tilgt jede Leibhaftigkeit aus ihrer Figur."
Und zu LADY HAMILTON:
"Nur die Figuren in den Oswald-Filmen, die sich aus ihrer Verpuppung befreien, die immer neue Rollen zu spielen bereit sind und sich ihre Wandlungsfähigkeit erhalten, nur diese Figuren können auf ein gutes Ende rechnen. Schlimm geht es aus für Conrad Veidts Lord Nelson, der auf seine Identität als aufrechter Held und Offizier ihrer Majestät pocht, der sich nicht seiner Liebe zu Lady Hamilton hingeben will. Im Vollbesitz seiner Keuschheit, nach etlichen Seeschlachten und dem Verlust seines rechten Armes, seines linken Auges ist er schließlich zum Sinnbild einer defekten Puppe mit zersprungener Triebfeder geworden."
M. Esser: Der Löwenbändiger. In: Helga Belach, Wolfgang Jacobsen (Red.): Richard Oswald - Regisseur und Produzent. München 1990, S. 53 - 64, hier S. 54 u. 61.



Da fehlt doch noch jemand!? – Aber ja, auch der Tramp gehört in diese Liste, mit einem der schönsten (verzweifelt-schönsten) Filme aller Zeiten:

27 (kommt nach dem SCHACHSPIELER): THE CIRCUS.
USA 1928 (6. Januar).
Spielfilm.
R&B: Charles Chaplin.
KM: Mechanisch bewegte Figuren am Äußeren eines als Arche Noah gestalteten Vexierkabinetts. Der Tramp und ein Taschendieb, beide von der Polizei verfolgt, fügen sich neben dem angelnden Ham in das Attrappenensemble ein.
DVD (dt. UT): The Chaplin Collection. MK2, 2004.

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