Stummfilm-Forum von

Seiten: 1 2 3 Zurück zur Übersicht
Autor
Thema: Roboter und Kunstmenschen im Stummfilm


"Die an den Leib angelegten Arme heben sich wie automatisch in kleinen abgeschlossenen Abständen, als wollten sie irgend etwas umfassen, nach vorne. Mit seinem allmählichen Erwachen, dessen Höhepunkt ein sichtbar intensiver physischer Prozeß ist, scheint er allmählich zu wachsen, um plötzlich mit hölzerner Hilflosigkeit nach vornüber zu kippen. In diesem Augenblick fängt ihn C. grinsend auf und stellt ihn wie einen Hampelmann wieder auf seinen Platz zurück."



Rivalen (1923)
Regie und Hauptdarsteller: Harry Piel
Apex Film Company Limited (Berlin)
Drehort: Berlin (Studio) und Rüdersdorf bei Berlin (Heinitzsee/Heinitzbruch)

Wir haben den Film 2008 im Kulturhaus Rüdersdorf mit Live-Klavierbegleitung aufgeführt. Der Roboter hat keine eigene Intelligenz und wird als Werkzeug für eine Entführung genutzt. Die Idee für diesen Handlungsstrang soll einem damals sehr erfolgreichen Theaterstück entnommen sein, das zu der Zeit in Berlin lief. Den Titel des Theaterstückes weiß ich momentan nicht, kann ich aber evtl. recherchieren.

Kleine Anekdote zu den Dreharbeiten:
In der Szene, in welcher Harry Piel in einer Taucherglocke in den (Heinitz-)see versenkt werden sollte, gab es einen Unfall. Eigentlich sollte sein Stuntman Hermann Stetza in die Konstruktion steigen, doch Harry Piel wollte die Szene dann doch selber drehen.
Während Harry Piel langsam in den See hinabgelassen wurde, brach der Balken, die Glocke lief voll Wasser und man hatte keine Möglichkeit, ihn wieder hochzuziehen. Den vorhandenen Notausgang konnte Harry Piel nicht öffnen, da nur Hermann Stetza sich mit dem Mechanismus auskannte. Also sprang diese ins Wasser, um Harry Piel aus der misslichen Lage zu befreien.

Die Fortsetzung "Der letzte Kampf" ist nur als Fragment erhalten.



Die RIVALEN sind also Nr. 28, und es folgt:
29 (kommt vor METROPOLIS). DAS WACHSFIGURENKABINETT.
Deutschland 1924 (Oktober).
Spielfilm in drei Episoden mit einer Rahmenhandlung.
R: Paul Leni & Leo Birinski, B: Henrik Galeen.
KM: Unter den Wachsfiguren eines Panoptikums, denen ein armer Poet Geschichten auf den Leib schreiben soll, ist ein Automat: Iwan der Schreckliche kann einen Arm bewegen und damit eine Spieldose bedienen, die drei für sein Leben typische Interieurs zeigt.
DVD: Waxworks. Kino on Video, 2002.
- Die Fassung, die derzeit in Umlauf ist („Kino“-DVD), weist Lücken auf. Auch die Überleitung zur Iwan-Episode dürfte verkürzt sein. Das Drehbuch schreibt vor, daß die drei Miniaturräume der Spieldose samt Beschriftung ausführlich gezeigt werden – Räume, die dann in der Geschichte, die der Dichter erfindet, zu Handlungsorten werden. Diese Funktion des Automaten wird in der DVD-Fassung kaum kenntlich, die Spieldose erscheint nur kurz und summarisch im Bild, und damit verliert auch die unheimliche Beweglichkeit der Wachsfigur an Bedeutung.



Mischa:
24. LE SANG D’UN POÈTE („Das Blut eines Dichters“).
Frankreich 1932 (Jan.).
Spielfilm.
R&B: Jean Cocteau.
KM: Eine weibliche Gipsstatue im Atelier eines Künstlers wird lebendig und bringt den jungen Mann zu Tode.
DVD (engl. UT): Jean Cocteau Collection. The Blood of a Poet – Testament of Orpheus. Optimum, 2007.


Hallo Mischa,

da hast du aber nicht richtig zugeschaut. Im Blut des Poeten zeigt Cocteau sein Leben bis zu der Zeit, als er fast an einer Überdosis starb.
Es beginnt damit, daß die Bilder zu ihm "sprechen". Dann überträgt er diesen Effekt auf eine Statue. Sie erklärt ihm den Weg in die Anderswelt, wo er sein zukünftiges Leben sieht, indem er durch Schlüssellöcher in verschiedene Räume blickt, die sein zukünftiges Leben zeigen. Es werden u.A. die verschiedenen Abschnitte seiner sexuellen Entwicklung dargestellt(SM, homosexualität...). Der Film gipfelt in der "Schneeballschlacht", wo sein Untergang durch Kokain gezeigt wird. Jedoch rettet ihn ein Wesen aus der Anderswelt in letzter Sekunde.
https://www.youtube.com/watch?v=BAqxEq4ylb4

Im weiterführenden Film "Das Testament des Orfeus" versucht er diese Wesen aus der Anderswelt zu ergründen und stößt hier auf die sogenannte "Poetenmaschine", die auf Papier geschriebene Gefühle verstärkt und in die Welt sendet.Diese Anlage wird durch Zigeuner bewacht, die offenbar mit der Anderswelt zusammenarbeiten.
http://www.youtube.com/watch?v=RuLgh1HjPwY

Zwei grandiose Filme, die tief in Cocteaus Psyche blicken lassen und eine Menge Fragen aufwerfen.

Dessinateur



Zuletzt bearbeitet: 13.06.14 14:05 von Dessinateur


Richtig oder nicht richtig zuschauen? Wie soll das gehen?
In Karsten Wittes deutscher Fassung des Drehbuchs von DAS BLUT EINES DICHTERS heißt es: "Großaufnahme der Hand und des Gesichts der Statue. Die Statue öffnet die Augen, das heißt: Augen, die sich über dem Augapfel auf den Lidern abzeichnen. ... Die Statue regt sich. Ihr Mund ist lebendig."



Hallo Mischa,

war nicht böse gemeint.

Der Maler malte ein Bild, in dem plötzlich der Mund lebendig wurde. Er versuchte ihn wegzuwischen, worauf der Mund auf seine Hand transportiert wurde und sein Eigenleben fortführte.Der Maler lauschte den Erzählungen des Mundes, wollte ihn dann aber loswerden und drückte ihn auf den Mund der Statue, worauf die ganze Statue plötzlich lebendig wurde.

Der ganze Prozeß soll verdeutlichen, das Cocteau in Gemälden verborgene Informationen erkannte. "Die Bilder begannen zu sprechen". Die logische Weiterentwicklung war, daß auch Skulpturen verborgenen Informationen enthalten können und somit ebenfalls zum Betrachter sprechen, was Cocteau in Form der "lebendig gewordenen" Statue symbolisiert.

Diese Tatsache, daß er von Kunstgegenständen verborgene Nachrichten der jeweiligen Künstler erhielt, führte dazu, daß sich ihm eine andere Welt auftat, symbolisiert durch die Spiegelpassage.

Ich wollte nur sagen, daß die lebendig gewordene Statue nur in dem Sinne lebendig war, als daß er in ihr Informationen erkannte. Also nicht zu vergleichen mit Golems oder sonstigen roboterhaften, von Menschen geschaffenen Wesen.

Interessant, ist auch der Filmabschnitt, wo er durch die Schlüssellöcher der Zimmer blickt. Vor den Zimmern stehen die Schuhe der Gäste. Beim ersten Zimmer gibt es eine längere Kameraeinstellung, wo ein robustes Paar männlicher Schuhe bildfüllend für Sekunden zu sehen ist.
Cocteau will uns sagen, daß die Schuhe vor den Zimmern etwas über ihn selber aussagen, da er ja jeweils immer in den Zimmern dargestellt ist.
Männliche Schuhe : Männliche Sexualität
Ballettschuhe : Bisexuell
Männliche und weibliche Schuhe : "normale" Sexualität.

Allein über diesen Film könnte man Seitenweise schreiben.

Gruß Dessinateur




Der Dichter-Maler erkennt in der Statue keine Informationen - jedenfalls sehe ich im Film keinen solchen Vorgang. Die Statue ist zunächst gar nicht von Interesse, nicht als Kunstwerk und nicht als Informationsträger. Der junge Mann will einen von ihm gezeichneten Mund, der sich vor der Auslöschung in seine Hand geflüchtet hat und sich dort wie eine Wunde öffnet, loswerden und gibt ihn an die Statue weiter. Der Statue werden Mund, Wunde, Leben übertragen. Das soll dem Künstler ein Ausweg sein. Es wird der Beginn eines Leidensweges. Wie Cocteau im Kommentar zum Film schreibt: Die "Statue wird lebendig, rächt sich und verlockt ihn [den Dichter] zu grausamen Abenteuern" (dt. von Karsten Witte).



Der Mund "sprach" zu ihm bereits bevor er ihn vom Bild abwischte. Diese Funktion übertrug er auf die Statue und ab da sprach sie auch zu ihm. Die Informationen, die er erhielt, erklärten ihm den Durchgang durch den Spiegel in die Anderswelt.

Cocteau sprach gerne in Rätseln.

Warum sollte die Statue sich rächen ? Er gab ihr die Möglichkeit sich zu artikulieren. Sie zeigt ihm sein zukünftiges Leben bis zum Ende seiner Rosenkreuzer Phase.

Sie taucht ebenfalls als koksende Dame am Spieltisch auf.
Beachte ihren Gesichtsausdruck, nachdem sie sich die Nase gepudert hat.Zu ihren Füßen liegt ein Schuljunge mit blutender Nase (!).
Cocteau (der Poet) erscheint in dem Film gleichzeitig in verschiedenen Altersstufen.

In diesem clip bei 38:11 Min

https://www.youtube.com/watch?v=BAqxEq4ylb4

Dessinateur



Zuletzt bearbeitet: 17.06.14 09:49 von Dessinateur
Seiten: 1 2 3 Zurück zur Übersicht