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Thema: Reclams Filmlexikon über Lang's Nibelungen


Diese Ansicht über Die Nibelungen hab ich in Reclams Filmlexikon gefunden:

"Da Lang sich jeder Psychologisierung seiner Protagonisten enthielt, sie 'eindimensional' zeichnete und dadurch zu konturlosen, archaischen Versatzstücken machte, ist die rassistische Tendenz des Films besonders augenfällig. Ihre Betonung manifestiert sich im 'unruhigen, fremdartigen Untermenschentum' der Welt König Etzels und seiner Männer, das mit der 'elitären Statik und Ruhe' der Burgunderfürsten und ihrer Vasallen konfrontiert wird."

Was haltet ihr von dieser Kritik?

Meiner Meinung nach ist Etzel die positivste Figur in dem Film und alles andere als ein 'Untermensch'.
Ich weiß zwar nicht wie man das vor 90 Jahren gesehen hat, aber ich finde, außer seinem 'sonnigen Gemüt' und der Tatsache, dass er 'der Stärkste' ist, hat Siegfried nicht viel zu bieten. Und was er und Gunther mit Brunhild anstellen, deutet ja auch nicht grad darauf hin, dass sie sehr viel von Frauenrechten halten. (Allerdings tun sie das im Nibelungenlied auch schon nicht.)


Zuletzt bearbeitet: 09.10.12 11:51 von Hutter


Also, ich halte diesen Lexikoneintrag für ziemlichen Unfug. Natürlich werden die Personen nicht im modernen Sinne 'durchcharakterisiert', aber das entspricht nur dem Sagencharakter der Vorlage. Und der Film dekonstruiert doch eigentlich sehr eindringlich die Statik und das Ornamentale des Burgunderhofes als eine Scheingesellschaft, hinter der sich eben mörderische Abgründe verbergen und die dem Untergang geweiht ist.

In der Tat ist Etzel sicherlich eine der sympathischeren Gestalten; ebenso kann ich zum Beispiel in der 'Nibelungentreue' am Ende des Films nichts Positives erkennen.



Ohne Zweifel sind die Hunnen als eine Art mythische, chthonische "Unterrasse" dargestellt, den Urmenschen und den Gnomen und Zwergen im ersten Teil verwandt. Die Nibelungen sind auch optisch ein scharfer Kontrast dagegen, sie stehen zweifellos auf einer höheren Stufe der Zivilisation, moralisch sind sie aber offenbar nicht allzuviel fortgeschrittener. Manche Szenen sind optisch stark von Fidus und ähnlichen Künstlern beeinflußt, da kann freilich auch die "ariosophische" Bilderwelt miteingeflossen sein.

Etzel kann ich weder sympathisch noch "positiv" finden. Aber die Figuren des Nibelungenliedes sind so stark typisiert, daß sie sich solchen Kategorien entziehen. Hagen und Kriemhild sind die zentralen Figuren, sie faszinieren, aber kann man sie auch wirklich mögen?

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Für mich ist Hagen die faszinierendste Gestalt, auch wenn sie nicht gerade die sympathischste ist. Vielleicht spielt da aber auch ein wenig meine 'Gothic'-Vergangenheit mit rein.



Einar_The_Lonely:
Etzel kann ich weder sympathisch noch "positiv" finden.


Etzel ist der Charakter im zweiten Teil, der am ehesten menschliche Regungen zeigt. Dieser Aspekt des Charakters wird m.E. von Lang immer wieder deutlich hervorgehoben, um die in Konventionen und perversen Denkweisen erstarrten Burgunder dagegen zu kontrastieren.
Beispiele: - Rüdiger bringt Kriemhild zu Etzel. Etzel ist überwältigt. Kriemhild ist völlig gefühllos.
- Etzels unbändige Freude über die Geburt seines Sohnes wird ausgiebig dargestellt.
- Hagen erschlägt Etzels Kind ohne mit der Wimper zu zucken. Anstatt sofort auf sein Recht, nämlich Rache, zu pochen, wie es die Burgunder vermutlich getan hätten, trauert Etzel um sein totes Kind.
- Besonders deutlich wird der Kontrast, als Etzel sich von der ihm unheimlich gewordenen Kriemhild abwendet.
Durch die Bank kann ich als Zuschauer Etzels Fühlen und Handeln nachvollziehen, während mir die Beweggründe der Burgunder fremd bleiben. Etzel, der exotisch aussehende Hunne, ist m.E. als 'edler Wilder' modelliert, der der höfischen Kultur der Burgunder den Spiegel vorhalten soll. Und Rudi Klein-Rogge macht das (wie immer) sehr gut.

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"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"


Gut, aber ich guck mir das Ganze ja nicht wegen Etzel an, sondern wegen Kriemhild und Hagen, die mich stark bewegen und beschäftigen, während er eher Beiwerk in dem Drama ist.

Ja, er hat trotz aller Wildheit einen Karl-May-artigen Ehrenkodex. Neben König Gunther, der Siegfried verraten und Brunhild betrogen hat, steht er auf jeden Fall haushoch besser da.

Warum Kriemhild im zweiten Teil zur Eiskönigin gefroren ist, ist ja klar. Gefühllos ist sie keineswegs; sie ist voll mit Trauer und Bitterkeit, und bei der Begegnung mit Etzel voll mit unterdrücktem Ekel und Stolz, die nun dem Racheplan untergeordnet sind. Und später glüht sie innerlich vor unerbittlichem, aber kontrolliertem Haß, was noch verstärkt wird durch ihre statuarische Unbeweglichkeit.

Etzel ist expressiver und unmittelbarer im Ausdruck seiner Gefühle (wie Siegfried, der unter "Wilden" aufgewachsen ist), aber die Burgunder sind ja im Grunde nicht weniger leidenschaftlich, womöglich mit einer noch größeren Intensität als er.

Ich weiß nicht, warum sind ihre Denkweisen "pervers"? Der Gedanke kam mir nie. Sind es überhaupt "Denkweisen"? Sie müssen eben tun, was Nibelungen tun müssen.

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Hutter:
Für mich ist Hagen die faszinierendste Gestalt, auch wenn sie nicht gerade die sympathischste ist. Vielleicht spielt da aber auch ein wenig meine 'Gothic'-Vergangenheit mit rein.


Ich hab auch ne Gothic-Vergangenheit... Da kann mir der sonnige He-Man Siegfried gestohlen bleiben.

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"Pervers" ist es ja auch, wegen einer gefallsüchtigen Frau zehn Jahre eine Stadt zu belagern, die eigene Tochter für besseres Fahrtwetter zu opfern oder nach 20jähriger Absenz einen Massenmord an den nicht zu Potte gekommenen Hausgästen seiner Frau zu veranstalten... will sagen, daß sich mythische Figuren in anderen Kategorien bewegen.

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Zuletzt bearbeitet: 16.10.12 21:08 von Einar_The_Lonely


Stimmt. Pervers ist es auch, wegen einer aus der Beute geklauten Sklavin den Kriegsdienst zu verweigern. Dass mythologische Figuren nicht der nette Herr von nebenan sind, ist mir schon klar.
Was ich sagen will ist, dass Lang Etzels Figur bewusst subversiv benutzt um zu zeigen, dass das Handeln der Burgunder eben nicht bewundernswert ist, à la Treue bis in den Tod, sondern unmenschlich und pervers. Er entmythologisiert die uns eigentlich fremdeste Gestalt, um kontrastiv zu zeigen, das uns das Verhalten der Burgunder viel mehr befremden müsste.
Auf einer Ebene müssen Hagen, Gunther und Co natürlich so handeln, sonst gäbe es das Nibelungenlied nicht. Auf der anderen Ebene ist ihr Verhalten pervers, weil es Grundregeln menschlichen Anstands missachtet. Die Braut wird betrogen, der Blutsbruder und Schwager wird heimtückisch ermordet, der Schwester wird Recht und Besitz vorenthalten, das Kind des Gastgebers wird grundlos erschlagen, die gesamte Familie und das Gefolge werden geopfert, um einen Mörder nicht ausliefern zu müssen.
Also nett ist anders...

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Aber zurück zum Lexikonartikel. Im Gefolge von Kracauerwurde über die Jahre ja gern in den deutschen Film der 20er Jahre hineinpsychologisiert und -politisiert. siehe hierzu u.a.
Ulrich Gregor, Enno Patalas, Geschichte des Films, München 1973, S. 67

Übereinstimmend haben verschiedene Autoren die Affinität von Die Nibelungen und Metropolis zum Nazismus festgestellt. Im Zusammenhang gesehen, enthalten die beiden Filme einen Katalog aller wesentlichen Bestandteile der NS-Ideologie: Die Nibelungen den Kult des Nordischen, die Diffamierung des Undeutschen, die Unterordnung unter den Willen des „Führers“, die Vergötzung des „Heldentodes“; Metropolis die Verschleierung der sozialen Gegensätze, die Erlösung des Proletariats durch den überlegenen, dem Klassenkampf entrückten Führerwillen. […] Die von Autoren wie Kracauer und Eisner beobachtete Parallelität zwischen Sequenzen aus Nibelungen und den Manifestationen der Nazipartei bezeugt, daß Langs Regiekonzeption objektiv nicht so frei von faschistischer Ideologie war wie seine subjektiven Überzeugungen es sein mochten. Dieser Zwiespalt wurde offenbar, als zur selben Zeit da Lang in die Emigration ging, seine Filme von den Nazis für sich reklamiert wurden.
Freilich greift die Unterscheidung zwischen einem „faschistischen“ Lang vor und einem „antifaschistischen“ Lang nach 1930 zu kurz. was in seinen späteren Filmen zur Überwindung der manifest faschistisch en Züge führt, ist in seinen frühen bereits angelegt. Andererseits verläßt Lang auch später nicht den Bannkreis einer kleinbürgerlich-präfaschistischen Mentalität - ja, es sind sogar dieselben Züge in seinem Werk, mit denen er zugleich dem Faschismus entgeht und seiner Aura verhaftet bleibt. Es ist die Faszination durch das Chaos, zu dem er aber keine andere Alternative sah als die Diktatur. Ordnung erscheint in allen seinen Filmen nur als Ausrichtung auf ein Machtzentrum, nie als lebendiges Wechselspiel.


Zu dieser Passage ließe sich viel sagen. Sie soll aber eigentlich nur illustrieren zu welchen Äußerungen deutsche Filmkritiker sich in den ideologisch aufgeheizten Tagen der 70er versteigen konnten. Lang eine "kleinbürgerlich-präfaschistische Mentalität" zu unterstellen war 1973 natürlich erforderlich, wenn man nicht vom SDS unter Beschuss genommen werden wollte, aber das ist heute - zum Glück! - kaum noch nachvollziehbar.
Was schmerzt, vor allem bei einem Buch, für das der verdiente Enno Patalas mit verantwortlich zeichnet, ist dass der künstlerische Aspekt der Filme völlig dieser kruden marxistischen Nagelprobe untergeordnet wird. Schwenkt einer eine rote Fahne? Gut! Der schwenkt nicht mit? Faschist!


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"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"


Arndt:
Stimmt. Pervers ist es auch, wegen einer aus der Beute geklauten Sklavin den Kriegsdienst zu verweigern. Dass mythologische Figuren nicht der nette Herr von nebenan sind, ist mir schon klar.
Was ich sagen will ist, dass Lang Etzels Figur bewusst subversiv benutzt um zu zeigen, dass das Handeln der Burgunder eben nicht bewundernswert ist, à la Treue bis in den Tod, sondern unmenschlich und pervers. Er entmythologisiert die uns eigentlich fremdeste Gestalt, um kontrastiv zu zeigen, das uns das Verhalten der Burgunder viel mehr befremden müsste.


Also, wenn das die Absicht gewesen sein sollte, was mir nicht einleuchtet, dann geht diese Rechnung überhaupt auf... ich denke zu keiner Sekunde "O Gott, wie unmenschlich und pervers", sondern eher: wie geil! Kalte Schauer!

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Einar_The_Lonely:
ich denke zu keiner Sekunde "O Gott, wie unmenschlich und pervers", sondern eher: wie geil! Kalte Schauer!


Das ist, glaube ich, eher die Thea von Harbou-Schiene des Films.

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