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Thema: IM KAMPF MIT DEM BERG (1921)


Gestern Abend war ich im Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt, um der Premiere der restaurierten Fassung von IM KAMPF MIT DEM BERGE (1921) beizuwohnen. Frank Strobel dirigierte die HR-Symphoniker zur Originalpartitur von Paul Hindemith. Einige Impressionen:
Vor dem "Hauptfilm" wurden drei der frühen ALICE Cartoons von Walt Disney projiziert (leider offensichtlich von DVD) und vom Orchester begleitet. Wer ALICE kennt, weiß wie einfach diese frühen Trickfilme gestrickt sind. Sie eignen sich m.E. daher überhaupt nicht für die Begleitung durch ein Orchester. Die Musik passte nicht nur nicht zu den Filmen, sie erschlug sie geradezu. Ein einsamer Pianist hätte ALICE weit besser gestanden.

Nach der Pause nun der frühe Fanck in neu restaurierter, viragierter Fassung und mit Hindemiths Musik. Zum Glück mit Hindemiths Musik. So schön Sepp Allgeiers Bergaufnahmen auch sind, ohne die großartige Untermalung wären mir die 75 Minuten doch sehr lang geworden. Der Film ist quasi handlungslos, eine Dokumentation einer - oder besser eine Anleitung zu einer Bergbesteigung mit den Mitteln der 1930er Jahre.

ACHTUNG - SPOILER!

Die zwei namenlosen Charaktere treffen sich zu Beginn des Films am Fuß des Berges. Er sagt zu ihr ungefähr: "Haben Sie Lust, morgen mit mir den Grat zu erklettern? Es ist sehr gefährlich. Wir treffen uns auf meiner Hütte. Sie brauchen 7 Stunden für den Aufstieg." Erstaunlicherweise hat diese unkonventionelle Pick-Up-Line Erfolg. Danach reden die beiden bis zum Ende des Films nicht mehr miteinander (zumindest nicht in den Titeln).
Wir erleben nun bis in kleine Details die Technik des Eiskletterns. Endlos wird mit dem Eispickel gestochert und gehackt. Zwischendurch freuen wir uns über wunderbare Aufnahmen der majestätischen Bergwelt, die durch dramatische Zwischentitel noch Fanck-typisch überhöht werden. Einmal dürfen wir sogar kurz dem Kameramann beim Drehen zusehen. Am Ende sind unsere namenlosen Klettermaxen wieder glücklich im Tal. Er sagt zu ihr: "War ganz nett, aber auch echt gefährlich." (oder so ähnlich) und das wars dann.
Es waren in erster Linie Paul Hindemith, Frank Strobel und die HR-Sinfoniker, die den Film zu einem Erlebnis werden ließen. Mit der genialen Begleitung verschmolzen die großartigen Bilder zu einer dramatischen Einheit. Der neu erstellte 2K-Master ist glasklar und dezent aber effektiv viragiert. Eine leichte Irritation hatte ich doch: den technischen Mitteln und Konventionen der Zeit entsprechend waren angebliche Nachtaufnahmen offensichtlich am Tage gedreht worden. Entweder fehlte die Virage ausgerechnet hier - ich hätte ein tiefes Blau erwartet - oder sie war so blass, dass sie kaum wahrzunehmen war.
Besonders interessant bei diesem frühen Film von Arnold Fanck fand ich, wie offensichtlich uninteressiert der Regisseur an der menschlichen Komponente des Films war. Es gibt keine Großaufnahmen von Gesichtern. Eher zufällig sehen wir sein Gesicht einmal etwas näher, als es über einer Abbruchkante auftaucht. Sie wird nur in der Totalen gefilmt, so dass ich sie nicht erkennen würde, wenn sie mir heute auf der Straße begegnete. Close-Ups gibt es nur von den Bergen.

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"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"

Zuletzt bearbeitet: 11.05.13 11:24 von Arndt


Lieber Arndt,

vielen Dank für den sehr aufschlussreichen Bericht der Vorführung, auch wenn er mir nicht gerade Apetit auf diesen Film macht. Dann wohl doch eher die Weisse Hölle am Piz...

Gruß
Debucourt



Einen kleinen Ausschnitt aus dem Film (mit der Hindemith-Musik!) gibt es hier: http://www.youtube.com/watch?v=uz3rmWyfPIw

Den Film gab's auch mal komplett auf youtube (kann ich bloß grad nicht finden, oder er ist nicht mehr vorhanden). Visuell war das absolut großartig. Daß Dr. Fanck die Personen und die Handlung immer weitestgehend egal waren, zumindest in den frühen Filmen, ist ja bekannt. Aber wenn man diese frühen Fanck-Filme mag, wird man auch mit "Im Kampf mit dem Berg" seine Freude haben.