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Thema: Das Cabinet des Dr. Caligari 2014 Restaurierung


Gestern auf Arte gesehen.
Bildqualität meiner Meinung nach grandios.
Musik ist leider grauenhaft. Bringt weder atmosphärisch noch dramaturgisch irgendetwas. Langweiliges Orgelgedudel par excellende. Ich habe selten was schlechteres gehört. Wenn ich noch denke, das das zu 99,9% die Musik der zukünftigen Blu Ray VÖ wird, wird mir ganz anders.
Gut man kann den Ton wegschalten!

Von FWMS
"„John Zorn ist einer der einflussreichsten Musiker der Independent-Szene. Er trägt sozusagen das Feuer der klassischen Avantgarde weiter und hat eine große Passion für Stummfilme"

"Meine Improvisation baut - ganz in der Tradition der Stummfilmzeit – auf vorbereitete Themen und Strukturen auf, die Stimmung und Dramatik unterstützen. Improvisieren zu Bildern ist sehr natürlich für mich, weil ich schon immer eine starke Verbindung zwischen Klang und Visuellem gespürt habe – eine Synästhesie,“ so John Zorn"

Improvisieren zu Stummfilmen kann heutzutage kaum jemand und war in den 20ern schon schwierig. Herr Zorn kann es nicht.

Die Doku davor war umsonst. Ausgerechnet zu Caligari erfuhr man nichts über die Restaurierung, auch nichts über die später eingefügte (nicht im Drehbuch vorhandene) Rahmenhandlung. Hauptsächlich ging es um die 1920er allgemein. Der 100mal wiederlegte Siegfried Kracauer wurde wieder mal rehabilitiert (Wozu???). Inhaltlich nicht ganz uninteressant(obwohl Dokuinhalt eigentlich Allgemeinbildung). Hätte mir eher etwas wie die Murnau Dokus oder Nibelungendoku gewünscht.
Die Doku kommt vermultich leider auch auf die zukünftige Blu Ray.

Abgesehen von der hervorragenden Bildqualität (Ich weiß ist eh das wichtigste) dennoch eine enttäuschte Nacht.

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"Einen schönen Hals hat Eure Frau..."


Leider kann ich dem Urteil zur Dokumentation von Rüdiger Suchsland nur zustimmen. Die längst widerlegte "Masterthese" Kracauers wurde keinen Moment problematisiert, sondern regelrecht nachgebetet. Außerdem wurde mal wieder alles dem Expressionismus zugerechnet, was sich an Ausschnitten finden ließ (sogar Lubitschs "Die Puppe"!). Die Krönung war dann ein Ausschnitt aus "Die Drei von der Tankstelle" (1931!), in den von einem SA-Aufmarsch überblendet wurde, während der Kommentar etwas vom "Grauen in der Schlussepisode" (gemeint war das Dritte Reich) erzählt.
Die Bildqualität des restaurierten "Caligari" (ich habe bislang nur den Anfang gesehen) ist in der Tat beeindruckend. Details und Texturen tauchen dank Kameranegativ auf, die man in den früheren Restaurierungen nicht mal erahnen konnte. Fast wirkt der Film damit ein Stück weniger abstrakt.


Zuletzt bearbeitet: 13.02.14 17:40 von Prof_Abronsius


Ich habe ebenfalls kurz die Bildqualität bewundert und wegen der schaurig langweiligen Musikuntermalung nach 2 Minuten weggeschaltet. Die Aufnahme wird archiviert, aber bestimmt ohne Ton geschaut. So bleiben Stummfilme leider etwas für hartgesottene Liebhaber.



Diese Doku war in der Tat eine einzige Katastrophe, und diese Schlussüberblendung von der "Tankstelle" zu den Nazis hat mich geradezu aggressiv gemacht wegen des dümmlichen Manipulationsversuchs von Seiten der Autoren. Diese Art des 'Bashings' der 'unterhaltenden' Filmkunst der Weimarer Tonfilmzeit hab' ich zum letzten Mal so dämlich in jener Doku gesehen, die auf der "Kuhle Wampe"-DVD mit drauf ist. Die stammt allerdings noch aus DDR-Zeiten und aus den 1970ern.
Und ansonsten gab's mal wieder reichlich Unausgegorenes über Wagner, Nietzsche, Freud und die deutsche Volksseele... Man muß kaum erwähnen, daß man weder über Robert Wiene noch über den genialen Skriptautor Carl Mayer irgendetwas erfährt. Schon erschreckend, wie einem vermeintlich unwissenden Publikum hier seit mindestens 30 Jahren überholte Vorstellungen über das Weimarer Kino aufgetischt werden.

Was "Caligari" selbst angeht: sieht wirklich spektakulär aus, und ich muß gestehen, daß ich John Zorns Musik zwar nicht als der Weisheit letzten Schluß empfand, aber sie mir doch sehr passend schien. An manchen Stellen geradezu angsteinflössend. Normalerweise bin ich ebenfalls skeptisch gegenüber modernen/avantgardistischen Soundtracks zu Stummfilmen, aber das hier war doch auf einem viel höheren Level als zum Beispiel die unerträgliche neue Musik zu Lamprechts "Menschen untereinander". Da hab' ich auch den Ton weggedreht...





Ich habe mir gerade Die Doku und Caligari angesehen.

Was sich die Macher bei der Doku gedacht haben, wissen wohl auch nur die. Da denkt man, dass viel über den Film Caligari erzählt wird, aber Fehlanzeige. Nur kurz und oberflächlich. Zur Restaurierung gar nichts.
Dann denkt man, dass vom Beginn des Horrorfilms viel kommt, aber auch da Fehlanzeige, es wird als was vom Expressionismus erzählt und mit Ausschnitten unterlegt, bei denen man jetzt nicht gerade viel an Expressionismus denken muss. Wo vielleicht höchstens ein paar kleine Elemente vorkommen, aber kaum der Rede wert sind. Und am Schluss kommen zu allem Überfluss Der Blaue Engel und Die Drei von der Tankstelle.
Lediglich die Ausschnitte der Stummfilme und Filmmaterial aus der Kaiserzeit waren sehenswert.

Zum Film selber muss man kaum was sagen. Die Bildqualität ist fantastisch und die Musik finde ich jetzt nicht so schlecht. Wie Tommaso schon schrieb unterstützt sie an einigen Stellen die Szenen und die schweren Orgelklänge sind angst einflößend. Aber das Problem ist, dass diese Klänge durchweg so schwer sind und der Film von der Musik dadurch regelrecht erschlagend wird, statt zu begleiten. Hier wäre weniger mehr gewesen.



Ich denke, das Hauptproblem das über den von Euch genannten steht, ist, dass der Titel der Doku ganz andere Erwartungen geweckt hat. Es stand jedoch in der Kurzbeschreibung geschrieben, dass es in erster Linie um den Expressionismus gehen wird. Wie der den Eingang ins Kino fand und eben wohl auch wieder den Ausgang (über die Tankstelle). Das einzig expressionistische am Caligari sind ja die Bauten, der Rest bleibt ja eher auf dem Boden des Biedermeiers. Was nun an den gezeigten Ausschnitten der anderen Filme die Verbindung zum Expressionismus ist, erschließt sich mir ebenso nicht. Aber das mag daran liegen, dass ich mich mangels Interesse mit dieser Kunstrichtung nie befasst habe. Ich fand diese Doku informativ und kurzweilig. Aber in der Tat war das Ende ein totaler Murks! Na und der Caligari ging runter wie Öl!

Gruß, Debucourt



Ich zitiere mich mal eben selbst:

Die Restaurierung schien mir hervorragend, darüber möchte ich kein weiteres Wort verlieren. ABER ...

... ein im sechsstelligen Betrag restauriertes Meisterwerk mit einer solchen pseudoexperimentellen, völlig dramaturgielosen, von Einfallsarmut und Unmusikalität strotzenden Orgelvergewaltigung zu zerstören, war ein feuergefährlich dummer Fauxpas.
Eine "grauenvolle" Begleitung, die dem Film Raum gab, die caligareske Nachkriegswelt in einen psychologischen Spiegel einzurahmen? Dopplungen von Handlung mit akzentuierten musikalischen Affekten hat der Musiker jedenfalls gründlich vermieden (Nagut, es wurde lauter, als Cesare die Augen zukunftsweisend öffnete und mindestens einmal am Aktende machte auch die Musik eine Atempause, um den eigenen Tinitus hörbar zu machen). Aber die musikalische Begleiterscheinung tönte, als hätte Herr Zorn in Selbigen diverse wuchtige Bücher auf Karl Schlutes Orgelmanuale verteilt und ab und zu eines heruntergenommen, wenn Publikum oder Orgel zu sehr nach Luft rangen. Eine gekonnte Dröhnung intellektueller Zerstörung eines filmischen, höchst musikalisch konzipierten, Meisterwerkes. Vielleicht ein Höhepunkt aller Stummfilmmusikalischen Tiefpunkte.

Sicher hatte die Musik ihren Wert, doch war sie dem Film nicht dienlich. Die Musik verschleierte akustisch, was die Restaurierung optisch sichtbar machte …. Von der Musik übertrug sich auf das Publikum allein der Name des Musikers.

Und Herr Zorn selbst:
"Meine Improvisation baut - ganz in der Tradition der Stummfilmzeit – auf vorbereitete Themen und Strukturen auf, die Stimmung und Dramatik unterstützen. Improvisieren zu Bildern ist sehr natürlich für mich, weil ich schon immer eine starke Verbindung zwischen Klang und Visuellem gespürt habe – eine Synästhesie,“ so John Zorn"

Komisch, genau das alles hab ich nicht gehört ...

Nosferatu:
Improvisieren zu Stummfilmen kann heutzutage kaum jemand und war in den 20ern schon schwierig. Herr Zorn kann es nicht.

Punkt. Aus. Ende.

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Die Dokumentation fand ich, wenn man den Titel außer Acht lässt, doch ganz ansprechend. Ein appetitmachendes Essay. Es verschwieg leider die Namen der Film- und Kunstwerke. Und wenn nicht, dann den Autor desselben.
Musikalisch war die Doku dann doch etwas daneben. Zumindest dann, wenn von Wagner die Rede ist und man einen Huppertz'schen Nibelungen-Potpourri hört ... Strawinski war passend, aber auch hier hätte die Nennung des Komponisten noch mehr über die Zeit verraten.

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"Du musst Caligari werden - -!"


Leider leiden diverse Restaurierungen unter den Profilierungsversuchen einiger Musiker, die einfach nicht verstehen, daß die Musik den Film begleiten soll und nicht als Hintergrundvideo gedacht ist.
Schlimmer noch das die Verantwortlichen Musikern Aufträge geben, bei den das Ergebnis schon vorhersehbar ist. Ganz schlimm finde ich in dieser Hinsicht auch Art Zoyd.
Für Caligari gibt es ja bereits gute, aber auch sehr langweilige Einspielungen. Ein Rückgriff auf Becces Musikästchen wäre da wohl sinnvoller gewesen.
Für eine evtl. DVD wäre eine alternative Musikspur sehr schön; allerdings die Hoffnung darauf ist minimal.

jorgus



Laut der Murnau-Stiftung, soweit ich es in Erfahrung bringen konnte, kommt eine Orchester-Musik auf die DVD/Bluray, wahrscheinlich Becce! (?)

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"Du musst Caligari werden - -!"


Titorelli:
Laut der Murnau-Stiftung, soweit ich es in Erfahrung bringen konnte, kommt eine Orchester-Musik auf die DVD/Bluray, wahrscheinlich Becce! (?)


Stammt die Info wegen Becce von der FWMS? Von Becce gibt es ja eine sehr stimmige "Rekonstruktion" von der 95% sicher nicht von Caligari stammt. Die restlichen 5% sind auch nicht 100 % geklärt, wäre aber dennoch eine gute Wahl. Brocks Score gefällt mir auch sehr.
Solange es nicht Viertelböck wird - ooooh da haben die leider die Rechte drauf. Da könnten sie gleich den Zorn Score verwenden.

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"Einen schönen Hals hat Eure Frau..."


Hier gibt es auch schon ein bißchen was zu sehen:

http://www.youtube.com/watch?v=mOVJxrhfRSE&feature=youtu.be

http://www.youtube.com/watch?v=5ApSsUDLEfA&feature=youtu.be

Oder hier mit ein wenig mehr Zusatzinformationen:

http://diastor.ch/2014/01/27/six-videos-of-new-caligari-restoration-now-online/

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