Stummfilm-Forum von

Seiten: 1 2 3 Zurück zur Übersicht
Autor
Thema: DVDs 2016


Ich hatte mich über die DVD von CYANKALI gefreut und habe auch kein Problem mit der Bildqualität der Kopie, aber der Film hat mich doch ziemlich enttäuscht.

Er ist sicher gut gemacht und auch ansehlich, hat aber leider ein paar deutliche Schwächen. Zu offensichtlich haben wir es hier mit einem sozialistischen Lehrstück zu tun. Das Erzählen der Geschichte tritt in den Hintergrund, denn wir sollen hier ja etwas lernen.

So beginnt der Film mit einer Reihe von Titeln, die darlegen wieviele Frauen an illegalen Abtreibungen mit Hilfe von Cyankali sterben. In der ersten Szene sehen wir dann auch gleich die junge Hete und ihren Freund in Mutters winziger Zweizimmerwohnung. Nun ratet mal, wer schwanger ist. Ein Tipp: es ist nicht Hetes Freund.
Und nun versucht Hete eine Abtreibung mit... Na, gut aufgepasst?

Das Lehrstück ließe dabei durchaus genug Raum, eine menschlich interessante Geschichte zu erzählen, aber Hete sieht von Anfang an so todgeweiht aus, dass man nicht so richtig mitfiebert. Und als ihr Freund sie am Sterbebett besucht, fallen ihm nur ein paar sozialistische Parolen ein, was nicht gerade von echtem Interesse zeugt.

Man merkt auch sehr deutlich, dass CYANKALI ein abgefilmtes Bühnenstück ist. Der Film ist bühnenhaft statisch und bemüht sich nicht um realistische Settings. Es ist Agitprop-Theater der Weimarer Endphase.

Von allen sozialkritischen Stummfilmen der Zeit - MUTTER KRAUSE, LOHNBUCHHALTER KREMKE, den Gerhard Lamprecht Filmen - ist CYANKALI der am wenigten interessante. Die Botschaft ist wichtig und richtig, aber es ist kein guter Film dabei herausgekommen.

Trotzdem freue ich mich, dass ein weiterer deutscher Stummfilm nun auf DVD erhältlich ist und danke allen Beteiligten für ihre Mühe

______________________________________________
"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"


Das interessanteste an CYANKALI ist freilich die Musikbegleitung, quasi ein deutscher "Movietone" aus der Entstehungszeit, der uns als eines der wenigen relativ authentischen Hörbeispiele zeigt, wie die Kinomusik Ende der 1920er Jahre ausgesehen hat. Wir hören Kinematheken-Versatzstücke von Giuseppe Becce, sogar in die Kinemathekenpraxis eingegangene Passagen aus Gottfried Huppertz' METROPOLIS-Musik sowie Edmund Meisels BERLIN-Musik und Hans Erdmanns NOSFERATU-Musik (aka "Fantastisch-romantische Suite). Und sicher gibts noch viele andere musikalische Entdeckungen in dieser Begleitmusik.

Fehlt eigentlich auf der DVD auch die Tonspur zu einem der hinteren Akte? (ich kenne natürlich wieder nur die alte Verleihfassung - vielleicht ist ja inzwischen der fehlende Ton aufgetaucht)

-------------------------------
"Du musst Caligari werden - -!"

Zuletzt bearbeitet: 23.11.16 21:01 von Titorelli


Der fehlende Ton ist nicht wieder aufgetaucht, wurde aber für die DVD durch andere Passagen aus dem Soundtrack 'ersetzt'. Passt gut und fällt nicht auf (mir jedenfalls nicht).