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Thema: Originalmusik von "Der müde Tod"


Guten Tag,

ich bin neu hier. :-)

Eine Frage: Ist eigentlich irgendwo, irgendwas über die von Giuseppe Becce komponierte Originalmusik zu "Der müde Tod bekannt.
Z.B. hinsichtlich des Aufbaus, der verwendeten Instrumente oder ob er eher distanziert ist (wie in dem Score von Schwehrs der restaurierten Fassung der Murnau-Stiftung) oder das Geschehen auch mal vertont (Glockenschläge z.B.).

Ich finde den Film unglaublich toll und auch die Musik von Schwehrs gefällt mir. Aber ich tue mir schwer damit, einen Film nicht so zu sehen wie er ursprünglich mal war. Und da besteht nunmal dieses unüberwindbare Difizit bei der Musik...




Herzlich willkommen!

Von Becces Musik zu DER MÜDE TOD ist nicht viel bekannt. Mir fehlen klare Informationen, aber ich gehe sehr davon aus, das Becce für den Film nicht komponiert, sondern vornehmlich kompiliert hat. Vielleicht auch beides: wichtige Szenen komponiert und den Rest mit Fremdwerken aufgefüllt (Ehrgeiz trifft auf Zeitnot). Das war gerade für Becce eine sehr übliche Herangehensweise und nennt sich "Autorenillustration". DER LETZTE MANN ist ein prominentes Beispiel für diese Methode.

Mit Schwehrs Musik tue ich mich sehr schwer, da Sie den Film nach meiner Meinung nicht unterstützt, sondern völlig verwässert. Bei der Premiere in Berlin konnte man von einem Begeisterungslüftchen sprechen.
Kopositiorisch hate ich die Musik auch für relativ uninspiriert. Schwehr hat sich bewusst zurück gehalten, aber Fritz Langs Filme rufen förmlich nach effektreicher, vordergründiger, vor allem: selbstbewusster Musik. Das findet man bei Schwehr schwerlich.

Da du sagst, du tust dich schwer damit, einen Film nicht so zu sehen wie er ursprünglich mal war, muss ich dich mit der tragischen Wahrheit konfrontieren:
Kaum ein Stummfilm ist heute so zu sehen, wie er damals war. Und auch zu hören: Was die Musiken angeht, wurde in fast jedem Kino eine andere Musik gespielt, auch wenn es eine Originalmusik gab, da die Kapellmeister der größeren Häuser für eigene Illustrationen mehr Tandiemen bekamen. Andererseits haben sich auch viele Kapellmeister dafür eingesetzt, Originalmusiken auch in den entlegensten Kinos zu spielen, was auch nicht immer einfach war. Auch die Besetzungen schwanken natürlich von Haus zu Haus. Andererseits wurden Musiken wie Huppertz METROPOLIS nachweislich Europaweit (selbst in Estland, Ungarn und den Niederlanden aufgeführt -> http://fimumu.com/articles/metropolis-atw/ )

Bei DER MÜDE TOD wird noch ein anderes Problem signifikant: Das Originalnegativ ist verschollen, alle bekannten Kopien gehen auf zweit- oder drittrangige Negative zurück, die der Qualität des Originals sicher nur sehr bedingt entsprechen und nicht von Fritz Lang ausgewählte Takes beinhalten. Auch dazu fehlen mir genaue Informationen, doch verrät das Filmmaterial schon sehr viel darüber: Anschlüsse sind oft sehr unglücklich, Filmtricks sehr schlampig ausgeführt. Sicher lief der Film so nicht in Deutschland.
Auch was die (neue) Einfärbung angeht, ist es nur eine waghalsige, aber notwendige Annährung an historische Vorbilder. Es gibt Quellen, die behaupten, dass Lang (der kein Freund der Virage war), jeder Episode eine einzige Farbe gab und nur Akzente wie Feuer oder Nacht betonte. Die Restaurierte Fassung erinnert hingegen an einen bunten Flickenteppich, der gut gemeint, aber nur hypothetisch ist.

Aber sollten sich noch Infomationen zu Becces MÜDE-TOD-Musik finden, wäre ich dankbar. Ich lese nur gerade, dass sie nur im Mozartsaal in Berlin gespielt wurde. Das kann alles heißen: Eine Kompilation, die üblicherweie nicht an einem anderen Haus übernommen wurde, oder eine Komposition, die ganz exklusiv dem Mozartsaal vorbehalten war.

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"Du musst Caligari werden - -!"