Stummfilm-Forum von

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Thema: Stumme Buchecke


Jorgus:
Mir ist nach wie vor schleierhaft, wie ein so unfilmisches Buch wie "Von Caligari zu Hitler", so bekannt werden konnte...

Jorgus



Es entsprach glaube ich einfach dem Zeitgeist. Immerhin wurde es 1947 geschrieben, zu einer Zeit, als die Welt sehr unter dem Eindruck der Nachrichten und Bilder aus den deutschen Vernichtungslagern stand. Man versuchte verzweifelt, sich zu erklären, wie ein europäisches Kulturvolk zu solchen unglaublichen Verbrechen fähig gewesen war. Psychoanalyse (oder zumindest Küchen-Psychoanalyse) war damals im Bewusstsein der Öffentlichkeit als Erklärungsmuster neu und sehr angesagt. Und Kracauer hatte natürlich Ahnung, kannte Jeden und hatte Alles gesehen.
Heute finde ich sein Buch unlesbar.

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"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"


Einen überraschenden Fund habe ich in einem Antiquariat in Prag gemacht:
Narodny Filmovy Archiv (Hrsg.): Czech Feature Film I. 1898-1930. Prag 1995
Dieses gewichtige Buch beinhaltet neben Fotos und Credits auch zweisprachige Sinopsen (tschechisch/englisch). Ein tolles Nachschlagewerk, das eine neue Welt eröffnet. "Erotikon" von Gustav Machaty oder die Filme einer gewissen Anny Ondrakova können ebenso recherchiert werden, wie unbekannte deutsch-tschechische Koproduktionen. Ich bin ja ein Freund des traditionellen Buchs, aber für diejenigen, die keine Möglichkeit haben, dieses Buch antiquarisch zu erstehen, diene dieser Link als Hilfe:
Czech Feature Film


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Vom Rio Grande bis Kap Hoorn - Der Stummfilm in Lateinamerika


Der Italiäner

… ist heutzutage, was lange Buchtitel angeht, wohl kaum zu schlagen. 2007 erschien in Rom der Sammelband „Da ‚La presa di Roma’ a ‚Il piccolo garibaldino’. Risorgimento, massoneria e istituzioni: L’immagine della Nazione nel cinema muto (1905-1909)“, übersetzt: „Von DIE EINNAHME ROMS bis DER KLEINE GARIBALDIANER. Risorgimento, Freimaurertum und Institutionen: Das Bild der Nation im Stummfilm (1905-1909)“, herausgegeben von Mario Musumeci und Sergio Toffetti. Dem Buch liegt eine DVD bei, auf der restaurierte Versionen der beiden im Titel genannten Filme – der erste davon nur als Fragment – zu finden sind. Buch und DVD sind zweisprachig: italienisch-englisch.
IL PICCOLO GARIBALDINO (1909) schildert die kurze Geschichte eines Jungen, dem es in vaterländischer Begeisterung gelingt, Soldat im Heer Garibaldis zu werden. Er stirbt an einer Kugel, nicht ohne noch den Säbel des verehrten Generals geküsst zu haben. Polit-Kitsch, brillant in Szene gesetzt. Insbesondere eine Traumsequenz, bei der die Zimmerwand hinter dem schlafenden Jungen aufzubrechen scheint und den Blick auf Garibaldi hoch zu Roß freigibt, ist ein technisches Meisterstück. Zudem vermögen der frische Charme des Hauptdarstellers und die durchweg malerischen Szenerien den Zuschauer zu fesseln.
LA PRESA DI ROMA (1905) war das erste Großprojekt der 1904 in Rom gegründeten Filmfirma Alberini & Santoni. Ein gehöriger publizistischer Aufwand wurde dafür getrieben – das Journal zum Film ist heute eine Hauptquelle für die Rekonstruktion. In sieben Szenen mit einer Gesamtlänge von 250m wurde gezeigt, wie die savoyardischen Truppen am 20. September 1870 nach vergeblichen Verhandlungen Rom einnahmen und damit die Herrschaft des Papstes über die Stadt beendeten. Der Widerstand des päpstlichen Heeres war nur symbolisch, aber an die Bresche, die von den Eroberern bei der Porta Pia in die Stadtmauer geschossen wurde, erinnert noch heute ein Denkmal – und an dieser Stelle ließ der Regisseur und Produzent, Filoteo Alberini, den Film am 35. Jahrestag des Ereignisses zeigen. Nur ein Drittel des Filmmaterials ist erhalten, mithilfe von Texten und Einzelbildern entsteht aber ein Eindruck vom Ganzen. Die süffisante Pracht und Dramatik der neuen Begleitmusik von Giuseppe Chiello, die auch Pferdeschnauben und Kanonendonner einbezieht, erreicht beim Sturmangriff einen elegischen Schwung fast à la Morricone und tröstet bestens über das Verlorene hinweg.
Die Beiträge im Buch erhellen die geschichtlichen Umstände, die zur Entstehung der beiden genannten und einer Reihe anderer, ebenso „patriotischer“ Filme führten, geben Auskunft über die Quellen der Filmerzählungen und beschreiben die Probleme der Restaurierung. Ausgezeichnet! Aber manche Behauptungen der Autoren werden nicht hinreichend belegt, und so verwundert es nicht, wenn Armando Giuffrida und Teresa Antolin auf ihrer Website „in penombra“ (http://www.inpenombra.com/archivio/?p=146) einige Ergänzungen und Korrekturen anzubieten haben. Dabei geht es etwa um die Fragen, ob Alberini vor der besagten EINNAHME ROMS schon andere Filme veröffentlicht haben mag und ob es eine frühere Leinwandversion desselben Themas gab. Spannend auch die Diskussion um den siebten und letzten Teil, die „Apotheose“, ein „lebendes Bild“, in dem die personifizierte Italia vier Gründerväter des Staates mit der Siegespalme segnet. Sollte das wirklich ein einziges, starr auf der Leinwand erscheinendes Foto gewesen sein? Oder hat sich, nach dem Vorbild der Apotheosen in Georges Méliès’ Filmen, die holde Dame nicht doch sanft bewegt? Von meiner Seite sei auch der Zweifel angemeldet, ob die beiden Szenen, die an der Milvischen Brücke spielen, wirklich, wie im Buch zu lesen ist (S. 29), am Originalschauplatz und nicht vielmehr vor nachgebauter Kulisse gedreht wurden. Die Fassade des Valadier-Turms im Film stimmt in einigen Details nicht mit dem Original (jedenfalls in seiner heutigen Ansicht) überein, und vor allem fehlt der frontal zum Turmtor führende Straßenabschnitt ... Überprüfung beim nächsten Rombesuch ist angesagt.
Mario Camerinis ANITA GARIBALDI (1910) wird im Buch übrigens als verloren bezeichnet. Das Gegenteil hat der Stummfilmfan bereits gemeldet, unter Verweis auf die DVD-Edition: http://www.dvdtalk.com/reviews/32135/1860-2dvd-se-italian-release/.




Ein Krimi, der im Berliner Filmmilieu von 1930 spielt: "Der stumme Tod" von Volker Kutscher. Kennt das schon jemand? Ein Historiker, der sich sehr gut mit der Weimarer Republik auskennt, sagte mir, das Buch sei im Gegensatz zu vielen anderen historischen Romanen ganz ausgezeichnet recherchiert.

März 1930: Der Tod einer Schauspielerin führt Gereon Rath in die Studios der Filmmetropole Berlin.

Der junge Kommissar lernt die Schattenseiten des Glamours kennen und erlebt eine Branche im Umbruch. Der Tonfilm erobert die Leinwände, und dabei bleiben viele auf der Strecke: Produzenten, Kinobesitzer - und Stummfilmstars.
Die gefeierte Schauspielerin Betty Winter wird bei Dreharbeiten zu einem Tonfilm von einem Scheinwerfer erschlagen, und zunächst sieht alles nach einem Unfall aus.

Bis Gereon Rath, der Kölner Kommissar in der Berliner Mordinspektion, Indizien entdeckt, die auf Mord hindeuten. Während die Kollegen den flüchtigen Beleuchter verdächtigen, ermittelt Rath auf eigene Faust in eine andere Richtung - und steht schnell alleine da.



Zuletzt bearbeitet: 06.08.09 14:02 von Einar_The_Lonely


Einar_The_Lonely:
Ein Krimi, der im Berliner Filmmilieu von 1930 spielt: "Der stumme Tod" von Volker Kutscher. Kennt das schon jemand?


Ja, tolles Buch. Ich schrieb bereits am 31.05.09 im Thread "Ende der Stummfilmzeit" darüber.

Ich:
Ein Kriminalroman, der in Berlin Anfang 1930 spielt, ist nun bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. "Der stumme Tod" von Volker Kutscher behandelt Morde im Filmmilieu, das sich gerade im Aufbruch zur Tonfilmära befindet und lebt von der Atmosphäre Berlins am Ende der Weimarer Republik. Der Autor, der u. a. Geschichte studiert hat, wartet auch im Bereich der Filmkunst mit gut recherchierten Detailkenntnissen auf. Verglichen mit anderen literarischen Werken, die in einem früheren Thread erwähnt wurden und sich dem Stummfilm fiktional nähern, ist es meiner Meinung das Werk, das sich am intensivsten den Filmschaffenden widmet. Aber eben doch stärker dem Übergang zum Tonfilm und den ihn begleitenden Problemen.


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Vom Rio Grande bis Kap Hoorn - Der Stummfilm in Lateinamerika


Belleville kündigt für November ein Buch über Emil Jannings an. Von Frank Noack gibts ja auch schon VEIT HARLAN - DES TEUFELS REGISSEUR.



Thomas:

Bei manchen Biografien fragt man sich, warum sie noch nicht längst verfilmt worden sind. Clara Bows Leben ist so bewegend, dass großes Kino zu erwarten wäre.


Unser geliebtes Forum scheint auch in Hollywood gelesen zu werden. Die US-amerikanische Skandalnudel Lindsay Lohan möchte Clara Bows Leben verfilmen. Skandalträchtig wie Frau Bow seinerzeit scheint sie ja zu sein. Aber man wünscht sich für diese Rolle lieber eine echte Schauspielerin.


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Vom Rio Grande bis Kap Hoorn - Der Stummfilm in Lateinamerika


Thomas, wie findest du nur immer diese Artikel und Infos?

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"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"


Arndt:
Thomas, wie findest du nur immer diese Artikel und Infos?


Wenn ich die Zeit dazu habe, gebe ich einfach den Begriff "Stummfilm" bei Google News ein. Et voila...

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Vom Rio Grande bis Kap Hoorn - Der Stummfilm in Lateinamerika


Rezension in der Süddeutschen Zeitung über die Max-Schreck-Biographie von Stefan Eickhoff: "Gespenstertheater".

http://www.perlentaucher.de/buch/33189.html

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http://www.filmforum-bremen.de


Da ich letztens beim Film Archiv Austria ein wenig Geld ausgegeben habe, bin ich auch mal wieder zu Büchern gekommen. Da ich mich momentan aber mit Prüfungen rumschlage, komme ich leider die nächste Zeit nicht dazu diese Bücher zu lesen und kann daher noch nichts sagen:

- Wien, die Inflation und das Elend (Essays und Materialien zum Film "Die freudlose Gasse"; 242 Seiten)
- Ein sonderbar Ding (Essays und Materialien zum Film "Der Rosenkavalier"; 296 Seiten)
- Mozart im Kino (u.a. behandelt es auch den Mozart-Stummfilm; 186 Seiten)
- Elektrische Schatten (Beiträge zur Österreichischen Stummfilmgeschichte; 206 Seiten)



Im Tagesspiegel ist nun eine Rezension zu der von Stefan Eickhoff geschriebenen Biografie "Max Schreck - Gespenstertheater" (Belleville Verlag) erschienen.

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Die bisher unpublizierten Erinnerungen von Erich Kettelhut sind nun erhältlich!



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http://gimlihospital.wordpress.com/

Zuletzt bearbeitet: 11.12.09 01:57 von Einar_The_Lonely


Danse Macabre im Kino

http://www.ibidem-verlag.com/epages/61235722.sf/en_US/undefined/de_DE/de_DE/?ObjectPath=/Shops/61235722/Products/978-3-89821-939-6

Gerade gefunden... Hat nicht rein mit Stummfilmen zu tun, aber mit dem Sensenmann in Filmen u.a. in "Der müde Tod" & "Der Fuhrmann..."


Kann jemand was dazu sagen, bzw. kennt es? Hört sich ansich recht interessant an, aber 25 € ist nicht gerade billig, um sich das Buch "blind" zuzulegen...


Zuletzt bearbeitet: 13.12.09 20:49 von FreddyJMeyers


Wer guten Willens und geduldig ist, wird auch aus diesem Buch etwas lernen - also nur Mut! In "Totentanz aktuell", Heft 125 vom September diesen Jahres, hat Uli Wunderlich es allerdings negativ rezensiert, und ich schließe mich (ungern) ihrem Urteil an. Untersuchungsziel und -methode sind mir bei der Lektüre im Ganzen nicht klargeworden. Beabsichtigt ist wohl unter anderem, die untersuchten drei Filme in die Tradition der Todesbilder einzuordnen und auf ihre Besonderheiten hin zu befragen. Aber es fehlt ein Überblick über diese Tradition in den verschiedenen künstlerischen Genres, aus denen die Filme schöpfen und auf die sie sich beziehen.
Der Buchtitel übrigens ist unglücklich gewählt. Von den drei Filmen, die die Autorin behandelt, ist nur einer, Bergmans SIEBENTES SIEGEL, ein Totentanzfilm im engeren Sinne: Der Tod persönlich holt hier Menschen verschiedener Stände und führt sie in einer Art Reigen davon. Langs MÜDER TOD steht weniger unmittelbar in der Totentanztradition, wäre vielmehr mit Märchen vom Tod ("Gevatter Tod", Andersens "Geschichte einer Mutter"), den Illustrationen dazu und überhaupt romantischen Todesbildern zu vergleichen. Im FUHRMANN DES TODES schließlich tritt der Tod gar nicht auf, was die Autorin oft übergeht, indem sie Fuhrmann und Tod gleichsetzt. Hier bleibt das Verhältnis zur literarischen Vorlage ungeklärt, vor allem eben die Art und Weise, wie in Buch und Film die titelgebende Figur teils traditionellen Todesbildern angeglichen, teils aber, als bloßer Diener des Todes, auch davon unterschieden wird.
Die Autorin vernachlässigt diejenigen Werke der bildenden und darstellenden Kunst, die durch Personifizierung des Todes die behandelten Filme beeinflußt haben. Hier wäre etwa Langs Auseinandersetzung mit dem Theaterstück "Der Meister von Palmyra" maßgeblich. So endet sie bei dem, je nachdem, kuriosen oder trivialen Ergebnis, daß in den besprochenen Filmen der Tod körperlich, in Totentanztexten aber nur textlich präsent ist: "Die Dimension des Somatischen bildet demnach eine zentrale Differenzqualität zur tradierten, rein textuellen Figur des personifizierten Todes."
Doch steckt einiges an Arbeit in diesem Buch, manches Filmtheoretische wird herangezogen ... Deshalb, wie anfangs schon gesagt: Auch wer, wie ich, nicht folgen kann, wird doch dies oder jenes Nützliche finden.

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