Stummfilm-Forum von

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Thema: Stumme Buchecke


Arndt:
Jorgus:
Mir ist nach wie vor schleierhaft, wie ein so unfilmisches Buch wie "Von Caligari zu Hitler", so bekannt werden konnte...

Jorgus



Es entsprach glaube ich einfach dem Zeitgeist. Immerhin wurde es 1947 geschrieben, zu einer Zeit, als die Welt sehr unter dem Eindruck der Nachrichten und Bilder aus den deutschen Vernichtungslagern stand. Man versuchte verzweifelt, sich zu erklären, wie ein europäisches Kulturvolk zu solchen unglaublichen Verbrechen fähig gewesen war. Psychoanalyse (oder zumindest Küchen-Psychoanalyse) war damals im Bewusstsein der Öffentlichkeit als Erklärungsmuster neu und sehr angesagt. Und Kracauer hatte natürlich Ahnung, kannte Jeden und hatte Alles gesehen.
Heute finde ich sein Buch unlesbar.


Wieso unlesbar? Ich habe gerade angefangen, es zu lesen und finde es bislang gut lesbar.

Was noch als Buch - speziell den deutschen Stummfilm betreffend - fehlt, ist das erstmals 1955 erschiene

Lotte H. Eisner: Die dämonische Leinwand. Überarbeitete Neuauflage 1975.

Das Buch ist reich bebildert, gut lesbar und die Autorin scheint wirklich sehr gut mit der Materie vertraut zu sein, soweit ich es als Laie beurteilen kann.


Zuletzt bearbeitet: 09.01.10 17:36 von ChristianRode


ChristianRode:


Lotte H. Eisner: Die dämonische Leinwand. Überarbeitete Neuauflage 1975.

Das Buch ist reich bebildert, gut lesbar und die Autorin scheint wirklich sehr gut mit der Materie vertraut zu sein, soweit ich es als Laie beurteilen kann.


Dit kannste laut sagen!

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http://gimlihospital.wordpress.com/


ChristianRode:
Arndt:
Jorgus:




Es entsprach glaube ich einfach dem Zeitgeist. Immerhin wurde es 1947 geschrieben, zu einer Zeit, als die Welt sehr unter dem Eindruck der Nachrichten und Bilder aus den deutschen Vernichtungslagern stand. Man versuchte verzweifelt, sich zu erklären, wie ein europäisches Kulturvolk zu solchen unglaublichen Verbrechen fähig gewesen war. Psychoanalyse (oder zumindest Küchen-Psychoanalyse) war damals im Bewusstsein der Öffentlichkeit als Erklärungsmuster neu und sehr angesagt. Und Kracauer hatte natürlich Ahnung, kannte Jeden und hatte Alles gesehen.
Heute finde ich sein Buch unlesbar.


Wieso unlesbar? Ich habe gerade angefangen, es zu lesen und finde es bislang gut lesbar.


Tut mir leid das sagen zu müssen, aber mir wäre auch lieber das Buch verschwände im Archiv! Es ist grauenhaft geschrieben, und sagt über die Filme fast nichts aus und wenn, dann sind es bei den Haaren herbeigezogene Interpretationen. Finde es von dem Standpunkt aus, auch unlesbar. Damit ist glaub ich nicht der Schreibstil gemeint. Na gut, wenn man sich mit der Materie und der historischen Rezeptionen auseinandersetzten will, ist es Auszugsweise unglaublich wichtig. Für den Stummfilminteressierten ist es aber heute vollständig entbehrlich. Den einzigen Vorteil hat die letzte Ausgabe, welche Originalkritiken enthält. Nur diese zeigen ebenfalls, dass Kracauer im Gegensatz von Lotte Eisner, oft ein richtiger Kunstbanause war. Man lese nur seine Kritik zur "Dreigroschenoper" oder "Berlin - Symphonie der Großstadt"

Leider werden uns die drei Lotte Eisner Bände vom Belleville Verlag seit JAHREN! vorenthalten. Mein letzter Kontakt war schon vor längerer Zeit (2008) und die 100% Zusicherung die "Dämonische Leinwand" im Dezember 2008 und die restliche Murnau und Lang spätestes im Mai/Juli 2009 (haha) zu veröffentlichen. Jedenfalls hat man mir schon vor vier! Jahren gesagt das für den Murnau Band das "Nosferatu-Drehbuch" bereits eingescannt wurde. Ich weiß es ist ein Ein-Mann Verlag aber der Herr von Belleville ist seit Jahren auch ein toller Märchenerzähler was seine Veröffentlichungen betrifft. Wir können hoffen das er es doch noch schafft die besten Bücher über den deutschen Stummfilm herauszubringen!

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"Einen schönen Hals hat Eure Frau..."

Zuletzt bearbeitet: 10.01.10 22:18 von Nosferatu


Was mich an VON CALIGARI.. am Meisten stört ist, dass Kracauer in allen beschriebenen deutschen Filmen vor 1933 protofaschistische Tendenzen nachzuweisen versucht, wenn ein großer Teil der Menschen, die diese Filme gemacht haben, später von den Nazis verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden. Soll das heißen Fritz Lang, Erich Pommer und Konsorten waren selbst Schuld?

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"Ein patentes Mädel."
"Nicht wahr? Wenn sie nur nicht immer 'Mops' zu mir sagen würde!"


Arndt:
Was mich an VON CALIGARI.. am Meisten stört ist, dass Kracauer in allen beschriebenen deutschen Filmen vor 1933 protofaschistische Tendenzen nachzuweisen versucht, wenn ein großer Teil der Menschen, die diese Filme gemacht haben, später von den Nazis verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden. Soll das heißen Fritz Lang, Erich Pommer und Konsorten waren selbst Schuld?


Naja, er sagt ja nicht, daß alle Filme, die "protofaschistische" Tendenzen in irgendeiner Weise spiegeln (was ja seiner Ansicht nach eher und meistens unbewußt geschieht) nun selber auch "protofaschistisch" sein müssen. Bei manchen sagt er das freilich schon, z.B. hat er den Fritz Lang ständig auf dem Kieker, und da kann er nicht mal alles auf die Thea von Harbou schieben.

Mir gehen eigentlich noch viel mehr auf die ganzen Behauptungen auf die Nerven, was denn nun alles "protofaschistisch" sein soll, z.B. das Bergekraxeln bei Fanck. Ich begreifs einfach nicht. Vermutlich weil er selber ein Stubenhocker war, nie an der frischen Luft und so. Oder der "ornamentale" Stil von Nibelungen, der Fatalismus von Der müde Tod... usw., usf., gna, es ist zum Auswachsen. Vielleicht versteht sowas nur ein Marxist.

Aber wie gesagt: die Grundidee, der Film als Barometer des Zeitgeistes, meinetwegen des Unbewußten, das war kein verkehrter Gedanke... das finde ich sogar irgendwie faszinierend.



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Falls es jemanden interessiert... Ich habe gerade bei Ebay ein russisches Buch mit Plakatabbildungen von russischen Stummfilmen gefunden. 192 Seiten, 20 x 25 cm... sieht ganz nett aus - nur der Preis ist nicht wirklich nett , vorallendingen da dort noch Zoll mit drauf käme...

Titel: Плакат Немого Кино (müsste irgendwas um "Plakate von Stummfilmen" heißen). Bei Ebay unter dem Titel "Posters of the russian silent films (1900-1930)" zu finden.





Einar_The_Lonely:
Arndt:
Was mich an VON CALIGARI.. am Meisten stört ist, dass Kracauer in allen beschriebenen deutschen Filmen vor 1933 protofaschistische Tendenzen nachzuweisen versucht, wenn ein großer Teil der Menschen, die diese Filme gemacht haben, später von den Nazis verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden. Soll das heißen Fritz Lang, Erich Pommer und Konsorten waren selbst Schuld?


Naja, er sagt ja nicht, daß alle Filme, die "protofaschistische" Tendenzen in irgendeiner Weise spiegeln (was ja seiner Ansicht nach eher und meistens unbewußt geschieht) nun selber auch "protofaschistisch" sein müssen. Bei manchen sagt er das freilich schon, z.B. hat er den Fritz Lang ständig auf dem Kieker, und da kann er nicht mal alles auf die Thea von Harbou schieben.

Mir gehen eigentlich noch viel mehr auf die ganzen Behauptungen auf die Nerven, was denn nun alles "protofaschistisch" sein soll, z.B. das Bergekraxeln bei Fanck. Ich begreifs einfach nicht. Vermutlich weil er selber ein Stubenhocker war, nie an der frischen Luft und so. Oder der "ornamentale" Stil von Nibelungen, der Fatalismus von Der müde Tod... usw., usf., gna, es ist zum Auswachsen. Vielleicht versteht sowas nur ein Marxist.

Aber wie gesagt: die Grundidee, der Film als Barometer des Zeitgeistes, meinetwegen des Unbewußten, das war kein verkehrter Gedanke... das finde ich sogar irgendwie faszinierend.



Ich bin jetzt schon etwas weiter mit der Lektüre. Die Grundidee finde ich auch interessant. Ob und wie stark Kracauer überinterpretiert ist sicherlich Ansichtssache. Vielleicht bin ich mehr "Marxist" als andere... ;-) Ich finde jedenfalls bei dem, was ich bislang gelesen habe keinesfalls, dass es nicht lesbar wäre - auch inhaltlich nicht; man muss auch nicht die Meinung eines Autors teilen, um ihr was an Erkenntnis abgewinnen zu können. Und ich teile gewiss nicht alle Ansicht Kracauers.

Aber wenn ich mir z.B. das Interview mit Fritz Lang anschaue, das glaub ich auf der Dr. Mabuse Der Spieler - DVD ist, dann sagt dort Fritz Lang ja auch, dass er 1933 von Goebbels eingeladen worden ist und der ihn sehr für sein Metropolis gelobt habe und ihm mitgeteilt hat, dass der "Führer" gerne mehr Filme dieser Art sehen wolle. Ich denke, dass es einerseits schon einen Zeittrend zum Nationalsozialismus gegeben hat und dass andererseits sich der Nationalsozialismus aber auch bei kulturellen Produkten bedient hat, die in sein Schema passten, ohne dass die Schöpfer oder auch das Produkt selbst tatsächlich nationalsozialistisch sein mussten (Bergsteigen!).

Im Buch vergleicht Kracauer etwa auch Szenen aus dem von ihm gelobten Nibelungen mit ornamentalen Inszenierungen auf Reichsparteitagen. Es erscheint mir nicht unplausibel, dass die Nazis sich da einfach bedient haben, wenn Sachen ihnen anschlussfähig an die eigene Ideologie erschienen. Die Nazis haben sich ideologisch ja auch bei Sozialdemokraten und Kommunisten bedient, wenn es um soziale Fragen ging. Das war ja gerade ihre Strategie, ohne die sie meines Erachtens nicht groß geworden wären.

Ich bin aber noch nicht am Ende meiner Lektüre. Dennoch wollte ich auch mal eine kleine Lanze für das hier doch eher negativ besetzte Buch brechen.



ChristianRode:

Aber wenn ich mir z.B. das Interview mit Fritz Lang anschaue, das glaub ich auf der Dr. Mabuse Der Spieler - DVD ist, dann sagt dort Fritz Lang ja auch, dass er 1933 von Goebbels eingeladen worden ist und der ihn sehr für sein Metropolis gelobt habe und ihm mitgeteilt hat, dass der "Führer" gerne mehr Filme dieser Art sehen wolle. .


Nur ist diese Episode von Fritz Lang nachweislich erfunden, genau wie seine überstürzte Abreise. Er kehrte noch öfters zurück, was sich auch durch seinen Reisepass beweisen ließ.

ChristianRode:

Im Buch vergleicht Kracauer etwa auch Szenen aus dem von ihm gelobten Nibelungen mit ornamentalen Inszenierungen auf Reichsparteitagen. Es erscheint mir nicht unplausibel, dass die Nazis sich da einfach bedient haben, wenn Sachen ihnen anschlussfähig an die eigene Ideologie erschienen. .


Die Nazis bedienten sich dabei nicht sehr am deutschen Stummfilm, sondern eher an der romantische Verklärung des Mittelalters und der Antike.Leni Riefenstahl (Welche ich künstlerisch sehr schätze)hat das ganze dann filmisch mitinszeniert.

ChristianRode:

Ich bin aber noch nicht am Ende meiner Lektüre. Dennoch wollte ich auch mal eine kleine Lanze für das hier doch eher negativ besetzte Buch brechen.


Ich respektiere natürlich Deine Meinung und freue mich dass dieses Buch jemanden gefunden hat der es noch liest. Ich hab mich vor ein paar Jahren durchgequält und empfinde es heute noch immer für irrevelevant. Die sogenannten protofaschistischen Tendenzen bei Caligari, Golem, Nosferatu haben nämlich Ihren Ursprung in der Weimarer Republik und der Schande des verlorenen Krieges. Daraus hat sich natürlich auch der Faschismus entwickelt, aber diesen Filmen protofaschistische Tendenzen ist absoluter Blödsinn. Kracauer stellt es eindeutig so dar, doch die Filme beziehen sich auf die vorangegangen Ereignisse und nicht auf die kommenden. Ab Mitte der 20er Jahre sind natürlich gewisse Tendenzen zu bemerken aber nicht vorher.
Mann muß auch noch die Zeit miteinbeziehen, als Kracauer dieses Buch schrieb welches nie für den deutschen Markt gedacht war. Er hat es, so finde ich, für das amerikanische Publikum geschrieben uns schrieb genau das, was dieses lesen wollte.(Nazis sind dafür immer ein gutes Thema) So kam auch der Erfolg des Buches zustande.
doch wie schon einmal von mir erwähnt: Historisch ein wichtiges Buch. Inhaltlich zum Verständnis, das schlechteste Buch was es über das Thema gibt.

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"Einen schönen Hals hat Eure Frau..."

Zuletzt bearbeitet: 14.01.10 12:30 von Nosferatu


Daraus hat sich natürlich der Faschismus entwickelt. aber diesen Filmen profaschistische Tendenzen ist absoluter Blödsinn.


Proto-, nicht pro!



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Einar_The_Lonely:
Daraus hat sich natürlich der Faschismus entwickelt. aber diesen Filmen profaschistische Tendenzen ist absoluter Blödsinn.


Proto-, nicht pro!



Danke für den Hinweis

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"Einen schönen Hals hat Eure Frau..."


Nosferatu:
ChristianRode:

Aber wenn ich mir z.B. das Interview mit Fritz Lang anschaue, das glaub ich auf der Dr. Mabuse Der Spieler - DVD ist, dann sagt dort Fritz Lang ja auch, dass er 1933 von Goebbels eingeladen worden ist und der ihn sehr für sein Metropolis gelobt habe und ihm mitgeteilt hat, dass der "Führer" gerne mehr Filme dieser Art sehen wolle. .


Nur ist diese Episode von Fritz Lang nachweislich erfunden, genau wie seine überstürzte Abreise. Er kehrte noch öfters zurück, was sich auch durch seinen Reisepass beweisen ließ.


"Nachweislich erfunden" ist wohl etwas übertrieben. Fakt ist(Reisepass), dass Fritz Lang noch ein paar mal in Deutschland war, vermutlich um persönliche Sachen zu holen.
Ob es tatsächlich eine Unterredung mit Goebbels gab ist unklar. Es gibt zumindest keinen Eintrag in Goebbels Tagebüchern darüber.
Dass er von Goebbels geschätzt wurde, geht anhand von mehreren Lobreden Goebbels über seine Filme hervor. Auch gibt es eine Zeitungsmeldung von 1933 nachdem Fritz Lang zusammen mit Luis Trenker die Führung in der deutschen Filmindustrie übernommen hat. Weitere Dokumente dazu, die diese Meldung bestätigen, sind aber wohl nie aufgetaucht.
Wahrscheinlich war die jüdische Abstammung Fritz Lang's da noch nicht bekannt, oder man hat nach der Devise gehandelt: "Wer Jude ist, oder nicht bestimme ich"



Auf literaturkritik.de wird ein neues Buch über die Stummfilme von Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau rezensiert. Und dabei behaupten doch pessimistische Zungen das Filmbuch sei tot.

Maik Bozza / Michael Herrman (Hrsg.): Schattenbilder - Lichtgestalten. Das Kino von Fritz Lang und F.W. Murnau. Bielefeld 2009


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Vom Rio Grande bis Kap Hoorn - Der Stummfilm in Lateinamerika


AndiK:
Nosferatu:
Auch gibt es eine Zeitungsmeldung von 1933 nachdem Fritz Lang zusammen mit Luis Trenker die Führung in der deutschen Filmindustrie übernommen hat.


Gibt es dafür eine Quelle - hoffentlich nicht in einem Buch, welches ich selber habe - das wäre peinlich.
Interessanterweiße sind nun ja beide - Lang und Trenker im Lauf der Zeit bei den Nazis in Ungnade gefallen ...

Jorgus



Jorgus:

Gibt es dafür eine Quelle - hoffentlich nicht in einem Buch, welches ich selber habe - das wäre peinlich.
Interessanterweiße sind nun ja beide - Lang und Trenker im Lauf der Zeit bei den Nazis in Ungnade gefallen ...
Jorgus


Ich habs in einem Buch gelesen(weiß aber nicht mehr welches genau). Ist aber auch hier vermerkt:

Anfang April 1933 meldete die Zeitschrift Kinematograph, dass Lang zusammen mit Carl Boese, Victor Janson und Luis Trenker die Abteilung Regie in der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) gegründet habe




Gero Gandert (Hrsg.): Der Film der Weimarer Republik 1929. Berlin 1993

Dieses Buch enthält zeitgenössische Kritik zu allen deutschen Spielfilmen, die 1929 in die Kinos gekommen sind. Bedauerlicherweise wurde die angekündigte Reihe von 15 Bänden nie fortgesetzt. Weiß jemand warum?

~Roger

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