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Thema: Ginning und Ginunga


Den Begriff Ginning kennen wir aus den Gylfaginning der Jüngeren Edda. Dieses Wort klingt ähnlich wie das ginunga (ginunga Gap) der Völuspá. Deswegen kommt es mitunter zu Verwechslungen und fehlerhaften Deutungen dieser beiden unterschiedlichen Begriffe.

Das Wort ginunga bedeutet "gähnend", "klaffend". Ihm entspricht das ahd. ginen für "gähnen, das Maul aufsperren". Ginunga Gap ist also die "gähnende Gaffung" (Abgrund). Ginen geht auf indogerman. *ghe zurück und ist verwandt mit griechisch cháskein "gähnen, klaffen". Daraus leitet sich das griech. Wort Chaos ab. Chaos nennen die Griechen den Urbeginn der Schöpfung, den luftleeren Raum in der Urzeit. Daher entspricht das Chaos vom Begriff und auch von der der Bedeutung her ganz genau unserem ginunga Gap.

Das Wort Ginning bedeutet jedoch etwas ganz anderes. Einige Leute deuten diesen Begriff als "Täuschung, Betrug, Gaunerei", was jedoch nicht richtig ist. Denn das nordische Wort gynnare für Gauner ist nicht sehr alt. Es stammt aus dem Rotwelschen und taucht erst im 15. Jh. auf. Es hieß damals auch nicht Gauner sondern Jauner, und davor Juner. Es ist ein hebräisches Wort und bedeutet "Ionier", was damals ein Synonym für "Grieche" war. Die Griechen galten den Hebräern als betrügerische Leute. Jedenfalls gab es dieses Wort zur Zeit der Edda im Norden noch nicht, und daher ist die Bedeutung "Täuschung" für Ginning falsch. Vielmehr leitet sich Ginning von dem Begriff "Gunst, gönnen" ab. Gylfaginning bedeutet "Gylfis Gunst" und meint damit, daß dem Gylfi die besondere Gunst zuteil wurde, etwas über die Götter und die Schöpfungsgeschichte erfahren zu dürfen. Ihm war etwas vergönnt zu erfahren, was den meisten Menschen verborgen bleibt. Dementsprechend bedeutet auch das Wort "Ginn-Regin" im Runenlied der Edda: Gunst-Götter, also die günstig gesonnenen, gönnerhaften Götter. Das schwedische gynnare bedeutet "Gunst", entsprechend dem ahd. giunnan "gönnen".



Was man zwischen den Zeilen liest: Die "wissenschaftliche" Übersetzung von "Gylfaginning" mit "Gylfis Verblendung" (Simrock, Gering), "Gylfis Betörung" (G. Neckel, F. Niedner) oder "Gylfis Täuschung" (A. Krause) ist falsch, weil im 13. Jh. das Wort im Sinne von "Gauner, Täuscher, Betrüger" noch gar nicht im Norden bekannt gewesen ist. Das bestätigen auch jüngeren Handschriften der Jüngeren Edda, die noch zusätzlich den Titel "Hárs Lygi" (Hárs Lügen) hinzusetzten. Das wäre ja nicht nötig gewesen, wenn "Ginning" bereits etwas entsprechend negatives bedeutet hätte. Die Christen wollten dieses heidnische Stück irgendwie als unwahr darstellen und das ging nur mit dem Zusatz.

Nun bleibt aber die Frage, was dieses Wort in Runeninschriften bedeuten könnte. Auf dem Speerschaft aus dem Kragehuler Moor, Fünen, zw. 350-550 findet sich u. a. die Formulierung:

    >ga ga ga ginunga helija hagala wiju bi g(aiza)<
    ("Gabe-Asen, Ginunga-hallenden Hagel weihe ich an den Ger")
Oder auf den Steinen von Stentoften (um 575) und Björketorp (um 675) findet sich dieser Satz:

    >hideR runo no felAhekA hederA gino ronoR<
    >hAidR runo ronu fAlAhAk hAiderA ginA runAR<
    ("Heiter-Runen verberge ich hier, Ginn-Runen"
    "Heiter-Runen Reihe verbarg ich hier, Ginn-Runen")
Es sind ja Abwehrrunen und es folgt eine Fluchformel. Also können es keine Gunst-Runen sein. Auch bei Kragehul kann es kein "Gunsthallender Hagel" sein. Das müßte also noch gedeutet werden.

Lichtgruß,
Geza



>ga ga ga ginunga helija hagala wiju bi g(aiza)<
("Gabe-Asen, Ginunga-hallenden Hagel weihe ich an den Ger")

Das übersetzte ich mit "den im Abgrund hallenden Hagel".

>hideR runo no felAhekA hederA gino ronoR<
>hAidR runo ronu fAlAhAk hAiderA ginA runAR<
("Heiter-Runen verberge ich hier, Ginn-Runen"
"Heiter-Runen Reihe verbarg ich hier, Ginn-Runen")

Das spricht noch mehr für die Theorie, daß es sich bei Ginn um "Gunst" handelt, denn Heiter-Runen und Gunst-Runen drücken beide das Gute aus. Das Gute soll aber in diesem Zauber verborgen werden, damit der Fluch wirken kann.





Dann müßte man die ganze Inschrift also so übersetzen:

    >Unglücksprophezeihung! Strahlende Runen verbarg ich hier, Gunst-Runen. Argheit, ruhelos außen sei tückischen Todes, wer dies bricht!<.
"Gunst-Runen" dann nur als feststehender Terminus für "Zauberrunen". "Heiter" jedenfalls bedeutet hier: "Strahlend".

Géza



Vergleichen wir dies mal mit dem Althochdeutschen. Dort finde ich das Wort "ginen" für "schnappen, gähnen, klaffen, brüllen".

Dagegen steht das ahd. "giunnan", welches "gönnen" bedeutet.

Man kann nicht mit Gewißheit sagen, ob sich das fünische "gino, gina" auf die erste oder auf die zweite Übersetzung bezieht. Wenn wir das erstere annähmen, so würde man dies mit "Runen des Abgrunds", also mit Unglücksrunen übersetzen können.



Das hier ist auch interessant: Es gibt im Mittelhochdeutschen das Wort "gin" für "Anfang, Beginn", hervorgegangen aus germanisch "genna, gennam". Die Ginn-Regin könnten also auch die Götter des Beginns sein, die Schöpfergötter sozusagen.

Im Schwedischen, Norwegischen und Isländischen bedeutet "ginning" ebenfalls Beginn.


Zuletzt bearbeitet: 26.07.14 19:48 von Administrator
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