Zurück zur Übersicht
Autor
Thema: Ørløg, Karma, Wiedergeburt


In der Gylfaginning 3 der jüngeren Edda erzählt Þriði (Óðinn):
    >Das ist das Wichtigste, daß er den Menschen schuf und gab ihm die Seele (önd), die leben soll und nie vergehen, wenn auch der Leib in der Erde fault oder zu Asche verbrannt wird<.
Hier wird für die Seele, die unabhängig vom Körper existieren kann, der Begriff "önd" (Atem, Seele) verwendet, nicht "salu" (Seele im christlichen Sinne). Diese Seele kann sich also nach dem Tode vom Körper trennen und sie kann sich in einem neuen Körper wiederverkörpern. Davon berichten die drei Helgilieder der älteren Edda. Sie schildern eine Verbundenheit von Helgi und seiner Valkyre durch drei Inkarnationen, also drei unterschiedliche Erdenleben, und zwar

    Helgi Hjörvarðzsónar - Valkyre Sváva,
    Helgi Hundingsbana - Valkyre Sigrun und
    Helgi Haddingjarskaði - Valkyre Kára.
Der gleiche Vorname Helgi deutet an, daß es immer der gleiche Held in einem anderen Körper ist, und das wird auch in den Nachsätzen unter den Liedern gesagt.

Im ersten Helgilied (Helgaqviða Hjorvarðzsonar), Prosa vor Str. 10, erfahren wir, daß Sváva dem Helgi den Namen gab:
    >Eylimi hieß ein König, seine Tochter war Sváva; sie war Valkyre und ritt Luft und Meer. Sie war es, die Helgi den Namen gab, sie schirmte ihn oft seitdem in den Schlachten<.
Daß sie den Namen gibt, muß man so verstehen, daß sie ihn bereits aus früherer Zeit kennt bzw. mit ihm irgendwie verbunden ist. Es heißt auch in dem Liede (Prosa vor Str. 6), daß kein Name an dem später Helgi genannten Helden haftete bis Sváva ihn gab.
in Prosa 4 (vor Str. 31) des Liedes wird erzählt, wie Helgi Sváva heiratete, in der Prosa vor Str. 36 wird von Helgis Tod berichtet. Und die Schlußprosa nach Strophe 43 lautet:
    >Von Helgi und Sváva wird gesagt, daß sie wiedergeboren wären<.
Im Original steht "endrborinn", das heißt wörtlich "wiedergeboren".
Es geht nun weiter im nächsten Lied, Helgaqviða Hundingsbana in fyrri. Hier ist Helgi der Sohn der Königin Borghildr (im anderen Lied war Sigrlinn seine Mutter) und Sigmunds (statt Hjorvarðr). Seine Valkyre heißt hier Sigrun, mit der er sich in vielen Abenteuern verbinden kann. Weiter geht es im Liede Helgaqvida Hundingsbana önnur. Hier wird nun erneut von der Widergeburt berichtet (Prosa vor Str. 4):
    >Högni war ein König; dessen Tochter war Sigrun. Sie war Valkyre und ritt Luft und Meer. Sie war die wiedergeborene (endrborin) Sváva<.
Die Valkyren entsprechen sich also, auch der Helgi ist immer der gleiche (gleicher Vorname, gleiche Valkyrenpartnerin mit der überirdischen Liebe). Helgi heiratet nun Sigrun und wird schließlich im Kampfe getötet (Prosa vor Str. 28). Sigrun geht nun noch in den Grabhügel Helgis und liegt bei ihm. Schließlich heißt es am Ende des Liedes (Prosa nach Str. 50):
    >Sigrun lebte nicht mehr lange vor Harm und Leid. Es war Glaube im Altertum, daß Leute wiedergeboren (endrbornir) würden; aber das heißt nun alter Weiber Wahn. Von Helgi und Sigrun wird gesagt, daß sie wiedergeboren (endrborinn) wären: Er hieß da Helgi Haddingjaskaði, aber sie Kára, Hálfdans Tochter, so wie gesagt ist im Károljóð (Kára-Lied); und sie war Valkyre<.
Wieder eine völlig eindeutige Stelle in den Helgiliedern. Nun sind zwar leider die Károljóð nicht erhalten, aber sie hatten dem Verfasser der Hrómundar saga Gripssónar noch vorgelegen. In dieser Saga wird Helgi Haddingjaskaði von der Valkyre Kára, die als Schwan über ihm schwebte, geschützt. In der Schlacht wider Hromundr schwingt er jedoch das Schwert zu hoch und fügt der Geliebten eine tödliche Wunde zu. Damit ist auch sein Schutz fort und Hromundr spaltet ihm das Haupt. Natürlich könnten er und Kára wiederum wiedergeboren worden sein. Wir haben also eine Liebe des Helden durch drei Inkarnationen, und im Kontext der Edda gehört auch Völundarqviða mit hinein, das erste Heldenlied, denn hier wird geschildert, wie sich ein Held überhaupt und erstmalig mit einer Valkyre verbindet (Völundr und Alvitr). Die ganze Reihe dieser Lieder ist nicht zufällig. Wenn es stimmen sollte, daß die ältere Edda erst um 1270 entstanden sein sollte, und der Widergeburtsglaube im Sinne einer persönlichen Wiederverkörperung in anderen Körpern nicht germanisch ist, woher kommt dann die in den Helgiliedern enthaltene Vorstellung? Denn das Christentum hat die Reincarnation seit dem Concil von Nicäa im 4. Jh. verworfen, und Buddhisten waren wohl kaum im 13. Jh. auf Island.

Wir sehen an diesem Beispiel, daß es nicht um ein allgemeines bzw. nur genetisches Weiterleben des Vorfahren in seinen Kindern geht, sondern um tatsächliche Re-incarnation. Auch die Einleitung zu den Grímnismál setzt die Vorstellung einer persönlichen Wiedergeburt voraus, denn der Agnarr I, der von seinem Bruder Geirroðr getötet wird, ist als Agnarr II (Geiroðs Sohn) wiedergeboren. Ohne eine Gleichsetzung dieser beiden Agnarr ist der tiefere Sinn der Grímnismál nicht zu verstehen.
Wiedergeburtsstellen finden sich auch in den Sagas, z. B. Þórgils saga skarða, Eyrbyggja saga, Vatnsdoela saga, Svarfdoela saga oder Hákonar saga góða.

(Fortsetzung im nächsten Beitrag)





(Fortsetzung)

Wenn nun aber unsere Seelen von Körper zu Körper, von Erdenleben zu Erdenleben reisen (wobei dazwischen natürlich entsprechende Jenseitsaufenthalte liegen), dann fragt man sich, ob nicht auch Erfahrungen, Erinnerungen oder Eindrücke aus dem früheren Leben mitgenommen werden, denn sonst wären diese Leben ja sinnlos. Das bejaht die moderne Psychoanalyse, die auch Rückführungen unter Hypnose in frühere Erdenleben durchführt, um mögliche psychische Krankheiten dieses Lebens zu therapieren. Es ist also möglich, auch Belastungen aus früheren Existenzen mitzuschleppen. Daß unser derzeitiges Schicksal dadurch geprägt wird, daß wir also unser eigenes derzeitiges "Karma" selbst erzeugt haben, kann man an dem Eddavers Sigurðarqviða in skamma 44 sehen, in dem Brynhilds schlimmes Karma (sie brachte den Burgundern schließlich viel Unglück) auf eine vorgeburtliche Existenz zurückgeführt wird:

    >Verleid ihr niemand den langen Gang
    Und werde sie nimmer wiedergeboren!
    Sie kam schon krank vor die Kniee der Mutter;
    Zu allem Bösen ist sie geboren,
    Manchem Manne zu trüben Mut<.
Zusammen mit Volksüberlieferungen von der strafenden Frau Harke, von Frau Holle die Gold oder Pech (= Unglück) über die Mädchen ausschüttet, ergibt sich ein recht klares Bild von karmischen Vorstellungen auch bei den Germanen. Das altnord. örlog (ahd. urlag) bezeichnet das Schicksal allgemein, nicht personifiziert, Lög ist das Gesetz, das vom Schicksal "Gesetzte", die "Bestimmung", man kann auch sagen: Das Karma. Die ersten Menschen hatten noch kein Karma, da es ja ihr erstes Leben war. Die Völuspá nennt sie daher "örlöglausa" (Örlöglos, ohne Örlög). Ein Schicksal aber hatten sie natürlich, nicht aber eine Vorbelastung aus früherem Leben. "Örlög" muß hier also das Karma meinen, nicht das Schicksal. Nach heidnischem Glauben entscheiden die Götter das Schicksal des Menschen, d. h. sie legen ihm auf, sein Karma abzutragen (reganogiscapu), die Nornen teilen es dann zu und setzen es um (ähnlich wie auch die Valkyren zuweilen eingreifen).

Etwas deutlicher ist die Wiedergeburtsvorstellung bei den Celten erhalten. Ihre Vorstellungen entsprechen den Germanischen und gehen auf den gemeinsamen Ursprung beider Völkerschaften zurück. Der Historiker Diodorius schrieb (Weltgeschichte V, 28) im 1. Jh. v. u. Zt.:
    >Das Sterben achten sie für nichts. Es herrscht bei ihnen nämlich der Glaube des Pythagoras, daß die Seelen der Menschen unsterblich seien und nach einer bestimmten Reihe von Jahren wieder ein neues Leben beginnen, indem die Seele in einen neuen Leib übergeht.<
Der hier erwähnte Pythagoras lebte im 6. Jh. v. u. Zt. und lehrte die Seelenwanderung mit den sich aus ihr ergebenden Regeln und Geboten für die Lebensführung. Ähnlich wie Diodorius äußerte sich Cæsar (de bello gallico VI, 14) über die Druiden:
    >Der Kernpunkt ihrer Lehre ist, daß die Seele nach dem Tode nicht untergehe, sondern von einem Körper in den anderen wandere. Da so die Angst vor dem Tod bedeutungslos wird [übrigens wie bei den Germanen auch], spornt das ihrer Meinung nach die Tapferkeit ganz besonders an<
Und Lucan (1. Jh. u. Zt.) ergänzt:
    >Aber ihr versichert uns, daß keine Geister das erlesene Königreich Erebus aufsuchen, sondern daß der Geist mit einem neuen Körper in einer andern Welt weilt. Wenn wir eure Gesänge richtig deuten, dann ist der Tod nur eine Pause in einem langen Leben<.
Es gibt verschiedene Ansichten darüber, wie lange man auf der Erde inkarnieren muß, bis man diese Sphäre abgeschlossen hat, ob man zuerst in Mineralien, Pflanzen und Tieren, und erst danach als Mensch inkarniert, oder ob die Tiere eine gleichwertige Parallelstufe darstellen (darauf deutet Tacitus mit seiner Aussage über die Bedeutung der Pferde), das vermag ich nicht zu sagen. Ich denke es ist ein immerwährender Kreislauf: Wir sind von den Göttern gekommen, haben uns in die materielle Welt niedergelassen um hier neue Erfahrungen zu machen, um uns schließlich (über die neun Welten als Leiter) zu den Göttern zurückzuentwickeln. Dort werden wir aber auch irgendwann wieder aufbrechen, um neue Erfahrungen zu machen und wieder in die verdichteten Welten sinken. So hat es uns Óðinn vorgemacht, als Er vom Weltbaum hinabsank und die neun Welten hinabstieg, aber schließlich wieder aufstand. Der Halleysche Komet ist ein gutes Beispiel: Er kommt aus der Tiefe des Alls und erreicht die Sonne, die er umkreist, um dann wieder in die Tiefe des Alls zurückzukehren usw. So machen es auch unsere Seelen.

Lichtgruß,
Geza von Nemenyi




Meiner Ansicht nach sind wir Menschen den Göttern weniger nahe als es die Tiere, Pflanzen und Steine sind. Tacitus schrieb, daß die germanischen Priester sich selbst nur für Diener der Götter hielten, die Pferde aber für deren Vertraute. Da gab es also das Bewußtsein, daß ein Tier den Göttern näher stand als ein Mensch. Darum gelten ja auch viele Tiere als Boten der Götter, da sie mit den Hohen direkter in Verbindung stehen als wir. Im Indischen gibt es einen Mythos von einem Yogi, der solange meditierte, bis auch seinen Adern grüner Pflanzensaft statt Blut floß, warüber er höchst erfreut war, denn es galt als Zeichen seiner höheren Entwicklung. In einem vedischen Lied werden die Pflanzen als Mütter der Menschen und als Erstgeborene der Götter bezeichnet. Wenn wir all diese Überlieferungen beachten, so erkennen wir, daß wir nicht die Krone der Schöpfung sind, sondern entwicklungsmäßig noch unter den Tieren und Pflanzen stehen. Daher glaube ich auch nicht, daß wir uns über Pflanzen und Tiere zum Menschen hin entwickelten, ganz im Gegenteil. Nach meiner Ansicht waren wir in unseren vergangenen Inkarnationen immer Menschen. Ob wir nun in späteren Inkarnationen zu Tieren oder Pflanzen werden, weiß ich nicht; vielleicht bleiben wir auch immer Menschen. Allerdings kann die Seele eines Verstorbenen für eine gewisse Zeit in einen Baum eingehen und dort wohnen, z. B. im Baum, der auf dem Grabe wächst. Sagen berichten davon. Aber der Mensch wird damit noch nicht zur Baumseele, sondern hält sich nur im Baume auf, bevor er irgendwann weiterwandert oder sich wiederverkörpert.

Im althochdeutschen Wörterbuch wird "Urlag" mit "Schicksal, Bestimmung" übersetzt. Ich finde, es ist ein gutes Wort, um das indische "Karma" zu ersetzen.



Interessant ist auch, was Dr. Heino Pfannenschmid über das Weihwasser bei den Germanen schreibt (Das Weihwasser
heidnischen und christlichen Cultus, unter besonderer Berücksichtigung des germanischen Alterthums, Hahn'sche Hofbuchhandlung 1869, Seite 99)

"Diese Wasserbesprengung hing mit den religiösen Vorstellungen der Germanen aufs Engste zusammen und hatte folgende Bedeutung. Aus dem Wasser war nach nordischem Glauben Himmel und Erde gebildet, es war die Urquelle alles Seins, und alles Sein kehrte einst zu ihm zurück (Simrok, M. 14. 15). Auch die Seelen kommen aus dem Wasser (dem Brunnen) und gehen ebenfalls nach dem Tode dorthin zurück. Dies Wasser ist aber die Wolke, wohin nach einer Vorstellung (es gab auch noch daneben andere und jüngere, die hier nicht in Betracht kommen) die Seele nach dem Tode des Leibes fährt und bei der in der Wolke lebenden Wolken- oder Wasserfrau, der Göttin Holda wohnt. Dies Wolkenwasser wurde aber auch als (Wolken-) Berg oder Brunnen angeschaut — Vorstellungen, die man noch später auf der Erde localisirte (Kinderbrunnen, Holdabrunnen etc.). Nach einer anderen weiter entwickelten Vorstellung wohnt aber Holda mit ihren Seelen hinter der Wolke in einem himmlischen, seligen Lichtreich. Die Seelen, die von hier zur Erde entlassen werden, oder die von der Erde dorthin zurückkehren (Seelen- und Todtenüberfahrt), müssen mithin ihren Weg durch das (Wolken-) Gewässer nehmen. Freilich waren die Seelen herangewachsener Menschen nicht ohne Weiteres fähig in menschliche Körper zurückzukehren (Seelenwanderung im germanischen Sinne); sie bedurften dazu erst des Bades der Wiedergeburt, der Erneuerung, der Verjüngung. Diese erhielten sie in dem Brunnen der Holda, der in diesem Betracht als Jungbrunnen (ahd. quecprunno), als Brunnen, der jung macht gefasst wurde. — Jenes himmlische Lichtreich heisst nach niedersächsischer Überlieferung Engelland (Engel = Seelen), es ist der Glasberg der Märchen, der Rosengarten unserer Lieder und Sagen, ein himmlischer Sitz ein im blauen Himmelsraum gelegenes Land, voll der herrlichsten Bäume und Früchte; hier hat alles irdische Gut seine Heimat und ist typisch vorgebildet; von hier kommt des Sommers Farbenpracht, von hier der Fruchtsegen als geliehenes Gut auf die Erde, um im Herbst in das himmlische Lichtreich zurückzukehren. Hier ist nach nordischer Lehre der Palast Gimil, der in dem Himmel Vidbläinn liegt. Die Vorstellung dieses paradiesischen Landes ist indo-germanisches Erbgut."


Der Link zum Buch (da steht noch mehr Interessantes)




Wenn man derartige Schilderungen mit heutigen mythologischen Darstellungen vergleicht, damm merkt man, welch großer Niveauverlust inzwischen eingetreten ist. Eine "Universität" vermittelt nicht mehr eine allgemeine "Universalbildung", sondern produziert Fachidiotentum. Ein Skandinavist kennt Sagas und Eddas, aber weiß nichts von Volksbräuchen, Religionsgeschichte oder Mythologie. Deswegen sind die heutigen Wissenschaftler ziemlich ahnungslos und können solche Darstellungen nicht mehr schaffen. Und Neoheiden, mit derartigen Fakten konfrontiert, verstehen noch weniger.

Lichtgruß,
Geza von Nemenyi





Die heutigen Religionswissenschaftler sind eigentlich ziemlich fleißig, und sammeln viele neue Informationen. Es fehlt ihnen mMn. oft etwas an der Begabung ihre Forschungsergebnisse genial auszuwerten. Das Genie alter Religionsforscher besteht wohl darin, ihre Ergebnisse mit intuitiver Kraft zu einem geistigen Ganzen zu formen. Eine Bekannte von mir, die seit Jashrzehnten das Universitätsleben in Hamburg ganz gut kennt, meinte zu mir, dass es heutigen Studenten bereits schwer fällt, etwas eigenes zu denken d.h. zu neuen Gedanken und Ideen ganz aus eigenem Sinnen und Trachten zu kommen. Sie beschränken sich mehr auf das Anhäufen von Recherche-Materialien. dass dann sortiert und zusammengestellt wird. Auch hier gibt es ein deutlichen Niedergang. Es ist ein Niedergang deutscher Kultur die m.E. nach dem 1. Weltkrieg durchbricht und seitdem (besonders seit der NS-Herrschaft) eine ständige Entgeistigung durchmacht. Gerechterweise muss man sagen, dass die Höhe der klassischen Deutschen Kultur, dessen wahrnehmbares Symbol das Weimar von J.W.Goethe, F.Schiller, F.Lizst und vielen anderen ist, eine Elitekultur war. Das war sowohl ihre Stärke und auch ihre Schwäche. Denn sie vermochte es nicht in weite Kreise des deutschen Volkes (Bürgertum und Arbeiterschaft) vorzudringen. Das Verständnis des Bürgertums war oft kein lebendiges, sondern ein totes, philisterhaftes. Wenn aber die Menschen - egal welcher sozialen Klasse- damals z.B. in Berührung mit Schiller oder Goethe kamen, waren sie voller Hochachtung für diese Dichter und ihr Werk. Welcher Unterschied zum heutigen Internet, wo jeder meint, dass seine ungebildete Meinung und sein unreifes Urteil der Weisheit letzter Schluß sei, und er es oft pöbelhaft meint durchsetzen zu müssen. Die damalige deutsche Kultur wurde teilweise durch die Besten oder wenigstens gute Schaffende herangebildet, das allgemeine geistige Leben der Gesellschaft durch sie entscheidend geleitet und geformt. Sehr viele Werke aus der damaligen Zeit (sogar völkische oder marxistische) tragen diese Merkmale höherer kultureller Herkunft. Im großen Überlebenskampf unseres Volkes, der Tragödie von 1914 - 1945, blieb für das geistige Wachstum des Volkes nicht viel Raum, und letzlich ging alles in einer großen Zerstörung unter. Amerikanischer Konsumismus und Ostblock- Materialismus waren kein Ersatz für die verlorene deutsche Geistkultur. Es gibt heute nur noch wenige Kulturbewegungen, die wenigstens Bruchstücke davon bewahrt haben, mMn. zum Beispiel die Anthroposophen, die deutsche Freimaurerei und manchmal sogar die Katholische Kirche in D. Wir sollten heute auf eine Wiedergeburt der verlorenen, echten klassischen deutschen Kultur hinarbeiten. In diesem Sinne verstehe ich mich auch als (linker und religiöser) Patriot - etwas, dass selten geworden ist, und außerhalb des Vorstellungsvermögens der linken Nachfahren der 68er Intellektuellen liegt.

An dem Nichtaufsteigen können zu geistiger Betrachtung und Forschung krankt auch der bessere Teil des Neuheidentums, den ich von dem grau-schwarzen Thelema-Magie-Fast-food unterscheiden möchte. Sie merken im Prinzip nicht, dass man an der heutiger Art und Weise, wie die Religionswissenschaft betrieben wird, nicht religiös anknüpfen kann, dass man darüber hinaus kommen muss, um religiöse Wahrheiten denkend erfassen zu können. Das fällt bei den im Neuheidentum verbreiteten Auffassungen zum Leben nach dem Tod besonders auf. Da unser Intellekt (im Gegensatz zu unserem Geist und unserer Seele) den Tod nicht lange überlebt, und demzufolge auch nicht wiedergeboren werden kann, ist ihnen ein Leben nach dem Tod nur schwer vorstellbar - denn sie leben fast nur im Intellektuellen. Doch schon Lessing hat in seiner "Erziehung des Menschengeschlechts" die Reinkarnation wieder fest in der dt. Philosophie verankert, und auch A. Schopenhauer verteidigt sie. Goethe und Richard Wagner haben dieser Anschaung künstlerischen Ausdruck gegeben. Das sollte Grund genug sein, sie nicht einfach mit oberflächlichen Argumenten zu verwerfen. Die Haltung die viele Heiden gegenüber der Reinkarnation einnehmen, scheint dem Selbstgefühl von Menschen zu entsprechen, die sich nicht vorstellen können, dass jenseits der Konzepte ihres Verstandes/Intellektes Leben und Welt voller tiefer Geheimnisse sind.


Zuletzt bearbeitet: 09.07.10 08:22 von Robert_S
Zurück zur Übersicht

WebMart Homepage Tools: Eigenes Forum kostenlos starten