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Thema: Gedichte


Der Horkenstein.

von Heinrich Kämpchen (1847-1912)

Umspielt vom gold’nen Abendschein,
So liegst du da, mein Horkenstein,
Inmitten der begrünten Flur,
Du alter Wächter an der Ruhr.

Noch eh’ man schlug die Hermannsschlacht
Hast du gehalten schon die Wacht,
Sah’st du auf diesen heil’gen Höh’n
Die alten Odinseichen steh’n.

Da dräute Urwald dicht und wild,
Doch hier war heiliges Gefild,
Der Hain mit seiner Götterschar,
Und du sein Tempel und Altar. –

Und wer in schlimmen Bann verfiel,
Du gabst ihm Freistatt und Asyl.
Wer dich erfaßte mit der Hand,
Er war entsühnt von Mord und Brand.

Doch war der Gau vom Feind bedroht
Und herrschte um dich Kriegesnot,
So scholl’s von ander’n Melodei’n,
In Feld und Kluft, um dich, mein Stein.

Dann dröhnte Kampfruf um dich wild
Und laut erklangen Speer und Schild,
Es schwoll der Opferfeuer Glut
Und deine Rinnen dampften Blut.

Zu dir zog dann das Volk in Hast,
Der Heerschild hing am Eichenast,
Der Renner stöhnte unter’m Sporn
Und schmetternd klang das Gellahorn.

Doch war an uns’rer Väter Herd
Der Friede wieder eingekehrt,
So botest du dem flücht’gen Mann
Asyl und Freistatt wieder an. –

Längst sank dahin, was hehr und schön,
Entwaldet sind die heil’gen Höh’n.
Durch Odins alten Götterhag
Wühlt Karst und Pflug rauh Tag um Tag.

Doch, ist gesunken auch der Hain,
Du zeugst davon, mein Horkenstein,
Und schaust von oben noch zu Tal,
Ein unvergänglich Göttermal. –



Zuletzt bearbeitet: 28.10.10 22:20 von Robert_S


Elfenabschied

von Felix Dahn (9. 2. 1834 - 3. 1. 1912)

Lebet wohl, ihr lichten Heiden,
Brauner Acker, grüner Rain,
Lebet wohl, wir müssen scheiden,
Mondenglanz und Sternenschein.

In den Schoß der Erde steigen,
In die Tiefe tauchen wir:
Nimmer führen wir den Reigen
Auf dem duft'gen Waldrevier.

Rings von allen Türmen läutet
Der verhaßten Glocken Braus
Und ein jeder Schlag bedeutet:
„Geister, euer Reich ist aus!“

Sang und Sitte sind geschwunden
Und vergessen Zucht und Recht;
Glaub' und Treu wird nicht gefunden,
Spottend lebt ein frech Geschlecht.

Nicht mehr lassen fromme Hände
Uns die letzten Ähren stehn,
Selbst die Kinder ohne Spende
Unserm Herd vorübergehn.

Wohl, es sei! - Ihr sollt nun schaffen
Selbst, allein, in Ernt' und Saat:
Steht, den Nutzen zu erraffen,
Einsam auf der eignen Tat.

Nimmer treibt am Rad den Faden
Frommer Magd die Geisterhand,
Nimmer hilft sie Garben laden,
Wann dem Knecht die Stärke schwand.

Lebe wohl, du Wiesenquelle,
Bühl und Halde, Trift und Saat,
Lebe wohl, du heil'ge Schwelle,
Der wir schützend oft genaht.

Lebe Tenne wohl und Speicher,
Wo uns oft der Tanz geletzt:
Ach, an Körnern wirst du reicher,
Und an Segen ärmer jetzt.

Bald ruft ihr uns an, zu helfen,
Wann ihr schwer im Frone keucht, -
Aber nimmer schaut die Elfen,
Wer sie einmal hat verscheucht.



Zuletzt bearbeitet: 31.05.12 12:55 von GezavN


Jedem das Seine

Ich mag eure dunkle Kirche nicht!
Ich liebe die helle Sonne!
Und tausendmal lieber ist mir mein Weib
Als eure gemalte Madonne.

Und tausendmal lieber ist mir der Sohn,
Den mir meine Fraue geschenkt hat,
Als euer vergoldetes Kruzifix,
Das Arme und Beine verrenkt hat.

Ich mag überhaupt das Weltfremde nicht,
Was frostig, vergilbt oder tot ist.
Ich liebe das Leben, die Freude, das Licht
Und das Blut, wenn es sprudelt und rot ist.

(Professor Ludwig Fahrenkrog)


Zuletzt bearbeitet: 24.07.14 20:06 von Administrator


Jung Sigurd

von Felix Dahn

Jung Sigurd war ein Wikinger stolz,
Der fuhr in den Sturm mit Lachen,
Und schwang er die Lanze von Eschenholz,
Da mußten die Schilde zerkrachen:
Die Traube von Chios, das Gold von Byzanz,
Begehrte sein Herz und sein Hammer gewann's.

Doch priesen die Freunde den blühenden Leib
Der Römerin, die sie gefangen,
Und lobt ihm ein andrer sein ehelich Weib,
Das daheim sein harre mit Bangen,
Und sprach ihm von Lieb' und von Liebesglut, –
Laut lachte jung Sigurd wie brandende Flut.

– »Mein schwellendes Segel hat weißere Brust
Als euere Buhlen, ihr Schelme,
Mir ist kein Weiberauge bewußt
So licht wie der Stein hier am Helme,
Und lüstet nach lieblicher Süße mein Mund,
So schlürf' ich den feurigen Wein von Burgund.

Ja, stieg', umflossen von Asgardhs Licht,
Mir Freya selber hernieder, –
Fürwahr, ich höbe die Wimper nicht,
Zu schau'n die unsterblichen Glieder:
Wenn je mir ein Sehnen die Schönheit weckt,
So werde mit Nacht dies Auge bedeckt.« –

Und sie landen am öden Felsengestad
Im Strahl mittäglicher Sonnen: –
Jung Sigurd schweift auf verlassenem Pfad,
Da lockt ihn der rieselnde Bronnen
Und als er schreitet zum Quellenrand,
Da steht ein Mädchen im Bettlergewand;

Wohl birgt sie der Schleier, wohl deckt sie der Rock,
Doch es schimmern so schneeig die Füße,
Und es glänzt durch die Hülle wie golden Gelock
Und die Stimme, wie klingt sie so süße!
Und als sie zum Trunke den Krug ihm bot, –
Da wurden die Wangen ihm bleich und rot:

Und es wallte sein Blut und sein Herz schlug laut
Und er rief: »O lege geschwinde,
Auf daß mein verlangend Auge dich schaut,
Vom Haupte die hüllende Binde:
Aus Mantel und Schleier wie strahlt es licht,
Wie hold muß strahlen dein Angesicht!«

Und er greift nach den Falten und bittet und fleht: –
Da ruft sie: »Dir werde dein Wille!«
Und der Mantel fällt und der Schleier verweht: –
Da wurde jung Sigurd stille,
Denn hehr, von unsterblichem Glanz umwallt,
Erkannt' er der Liebesgöttin Gestalt.

Licht floß von den Schläfen das goldene Haar,
Alabastern glänzten die Wangen,
Aus den Augen, den siegenden, schimmert' es klar,
Als käme die Sonne gegangen:
Und den Nacken umschloß das goldne Geschmeid,
Das der Anmut bannenden Zauber leiht.

Jung Sigurd schwieg: ihm versagte der Laut,
Da sprach sie mit zürnendem Munde:
»Des Himmels Königin hast du geschaut,
Und die Sehnsucht kennst du zur Stunde:
So werde vollendet dein trotzig Wort, –
Und Nacht bedecke dein Aug' hinfort.«

Und es ließ der Blinde von Schwert und Schild
Und begann, die Harfe zu schlagen:
Doch es schuf ihm das Eine, das göttliche Bild
Sein Dunkel zu leuchtenden Tagen:
Kein Sänger vermocht' ihn im Kampf zu bestehn:

Denn er hatte die Göttin der Schönheit gesehn.





"Stufen"

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse

Asenheil!





Deine Tat bist du!

Deine Seele schreitet in ihren Taten fort.
Keine Kraft geht im Raume verloren -
noch hat jede Tat eine neue geboren,
fortzeugend von Ort zu Ort.

In aller Sonnen Mitte ruht ein tiefer Spiegel:
nach ihm verlangen aller Erden Dinge,
in ihm vollenden sich der Ringe Ringe;
vor ihm sind Tor und Riegel weit aufgetan!
Diese Früchte aller Saaten,
die je gesät, schaun aus dem Grund dich an
und wiederkehren längst gezeugte Taten.

So treten auch die Deinen dir entgegen
als deine Seele, die du ausgesandt -
in Lieb und Haß, in Fluch und Segen,
in Huld und Hohn, im Schmerz und auch im Glück.
Es reicht dein Echo dir die eigne Hand:
Du wirst, was du getan; denn du bist dein Geschick.


Professor Ludwig Fahrenkrog




Weisheit

Lausche der Weisheit uralter Bäume!

Suche des Lebens ewigen Quell!

Verdamm nicht in die Welt der Träume

die Wahrheit, die sich zeigt dir hell.



Und flieh die grauen Häuserschluchten,

Maschinenlärm, den Hass und Streit.

Und finde, was so viele suchten,

im Wald: Die wahre Göttlichkeit!

© Swantje Swanhwit, 1993




Chor der Toten, von Conrad Ferdinand Meyer

Wir Toten, wir Toten sind größere Heere
Als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere!
Wir pflügten das Feld mit geduldigen Taten,
Ihr schwinget die Sicheln und schneidet die Saaten,
Und was wir vollendet und was wir begonnen,
Das füllt noch dort oben die rauschenden Bronnen,
Und all unser Lieben und Hassen und Hadern,
Das klopft noch dort oben in sterblichen Adern,
Und was wir an gültigen Sätzen gefunden,
Dran bleibt aller irdische Wandel gebunden,
Und unsere Töne, Gebilde, Gedichte
Erkämpfen den Lorbeer im strahlenden Lichte,
Wir suchen noch immer die menschlichen Ziele -
Drum ehret und opfert! Denn unser sind viele!

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