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Thema: Jüngere Edda christlich beeinflußt?


Liebe Heiden,

der uns aus diesem Forum bekannte Karl-Heinz E. hat kürzlich in einem anderen Forum folgendes geschrieben:

Es ist immer wieder nach Beweisen für die christliche Verfälschung des Erzählguts in der Snorra-Edda gefragt worden. Der Prolog, so wurde einfach nur behauptet, sei lediglich mit einem christlichen Weltbild verfaßt worden, um die christlichen Zensoren in Island zu beruhigen. Die Idee, daß Snorri selbst ein christliches Weltbild hatte, kam den Edda-Fundamentalisten gar nicht in den Sinn. Und so haben sie auch nicht zur Kenntnis genommen, daß in der Gylfaginning (Gylfis Täüschung) das Reich der Hel als Strafort ausgewiesen wird. Das ist vollkommen unheidnisch, Jenseitsorte waren für unsere germanisch-heidnischen Vorfahren keine Straforte. Valhall war die Halle der Erwählten und Hel (das Wort kommt vom altdeutschen Zeitwort helan=verbergen), war der Aufenthaltsort für die "Normal-Sterblichen", aber eben keine Hölle. Ganz anders stellt Snorri dies aber in der Gylfaginning dar: (folgt Gylfaginning 52)

Woher will man denn (so man die Edda ablehnt) wissen, daß >Jenseitsorte für unsere germanisch-heidnischen Vorfahren keine Straforte gewesen sind< - das ist doch nur eine Annahme, die in keiner Weise begründet werden kann.

Ja, es stimmt, in der Jüngeren Edda wird unter ganz verschiedenen Totenreichen unterschieden, nämlich Valholl, Gimlé, Vingólfr, Brimir, Sindri, Hel, Naströnd, Hvergelmir. Die guten Menschen kommen in die guten Totenreiche, die bösen in die üblen Aufenthaltsorte. Ist das nun eine christliche Vorstellung? Sicher nicht. Das Christentum kannte nämlich bis zum Hochmittelalter nur zwei Jenseitsorte, den Himmel für die Guten und die Hölle (Shades, Gehenna) für die Bösen. Das Fegefeuer wurde erst viel später erfunden. Nun zeigt der Vergleich, selbst wenn wir das Fegefeuer (Purgatorium) mit dazunehmen, schon auf den ersten Blick, daß Unterschiede bestehen: In der Edda gibt es viel mehr Jenseitsorte, als bei den Christen.
Entscheidend ist aber zuerst, daß eben auch die vedische indische Religion wie auch die Religion des Zoroaster unterschiedliche Jenseitsorte kennen. Die Guten kommen über die Cinhvatbrücke ins Götterreich, die Bösen fallen herunter in die Straforte der Unterwelt.
In der germanischen Mythologie werden diese Jenseitsorte und der Drache Hraesvelgar ("Leichenschwelger"), der in Náströnd ("Leichenstrand") die Toten frißt, bereits in der Völuspá erwähnt. Die Völuspá gilt unbestritten als ältestes Eddalied und wird in eine vorchristliche Zeit datiert.

Die unterschiedlichen Jenseitsorte hat also Snorri nicht erfunden.

Unabhängig davon muß man sich natürlich auch fragen: Ist jede Vorstellung in der germanischen Mythologie, die es ähnlich auch bei den Christen gibt, immer gleich der Beweis für eine christliche Beeinflussung? Ist es nicht denkbar, daß es genau umgekehrt war, daß also die Jahrtausende hindurch mündlich überlieferten indogermanischen Mythen das Christentum beeinflußt haben? Oder ist es nicht auch möglich, daß gleiche Vorstellungen unabhängig voneinander an unterschiedlichen Orten der Welt entstehen? Schließlich berufen sich die Religionen auf Offenbarungen, und Götter werden nicht überall etwas ganz anderes offenbart haben.

Bekanntlich haben sich die Fundamentalisten weder mit den Sonnenliedern noch mit dem Prolog zufrieden gegeben, sondern immer (weitere) Beweise gefordert. Nun, hier ist einer. Aber es wird wohl nicht der letzte sein.

Wie gezeigt ist es kein Beweis. Und was das "Solarljód" (Sonnenlied) betrifft: Es handelt sich um ein eindeutiges christliches nordisches Lied, unbestritten. Aber dieses Lied gehört nicht zur Edda und findet sich in keiner einzigen der Eddahandschriften. Das Sólarljód hat mit der Edda also gar nichts zu tun.

Auch der Prolog der Jüngeren Edda wird von Karl-Heinz E. als Beweis für eine christliche Beeinflussung der Jüngeren Edda angeführt. Allerdings ist die Echtheit dieses Prologes umstritten; sollte er tatsächlich echt sein und von Snorri stammen, dann fragt man sich, warum er so sehr dem Vorwort der Heimskringla, das ja auch von Snorri stammt, widerspricht. Man kann also einen anderen Verfasser vermuten, auch kann der Prolog hinterher dazugesetzt worden sein. Er kann auch aus taktischen Gründen entstanden sein, um die folgenden heidnischen Lieder überhaupt schreiben zu dürfen. Darüber kann man diskutieren. Als Beweis ist der Prolog also jedenfalls auch nicht geeignet.

Mit Lichtgruß
Géza von Neményi




Das Christentum baute auf bereits vorhandene heidnische Mythen auf. Wenn man sich mit den alten heidnischen indogermanischen Religionen (Inder, Perser, Römer, Griechen usw.) auskennt und die ägyptischen und babylonischen Mythen mit betrachtet, dann wird sofort erkenntlich, daß die biblischen Mythen ihren Ursprung im Heidnischen haben. Auch die Germanen als Nachkommen der Indoeuropäer kannten diese Mythen. Deswegen wird man Ähnlichkeiten zwischen den germanischen und biblischen Mythen finden. Alles hat einen Ursprung.

Daß die Germanen christliche Einflüsse in ihren Mythen haben sollen, ist daher völliger Unsinn. Den Christen war daran gelegen, den heidnischen Glauben auszurotten und nicht, ihn noch durch christliche Einflüsse attraktiver zu gestalten. Vielmehr waren die alten heidnischen Mythen der Germanen zu tief verwurzelt, daß die Christen sie nie ganz ausrotten konnten und sie daher in ihren Sinne so abwandelten, daß aus einer Gottheit schnell ein christlicher Heiliger gemacht wurde und man die heidnischen Feste zu christlichen erklärte.

Es war also umgekehrt: Die germanischen Mythen durchdrangen das Christentum - und nicht die christlichen das Heidentum. Und selbst die christlichen Mythen haben ja, wie wie oben erörtert, heidnische Ursprünge.



In der Übersetzung von Karl Joseph Simrock ist Gylfaginnîng 52 so wiedergegeben:

Da fragte Gangleri: Was geschieht hernach, wenn Himmel und Erde verbrannt sind und alle Welten und die Götter alle todt sind und alle Einherier und alles Menschenvolk? Ihr habt vorhin doch gesagt, daß ein jeder Mensch in irgend einer Welt leben soll durch alle Zeiten. Har antwortete: Es giebt viel gute und viel üble Aufenthalte; am besten ists, in Gimil zu sein. Sehr gut ist es auch für die, welche einen guten Trunk lieben, in dem Saale, der Brimir heißt und gleichfalls im Himmel steht. Ein guter Saal ist auch jener, der Sindri heißt und auf den Nidabergen steht, ganz aus rothem Gold gebaut. Diese Säle sollen nur gute und rechtschaffene Menschen bewohnen. In Nastrand (Leichenstrand) ist ein großer aber übler Saal, dessen Thüren nach Norden sehen. Er ist mit Schlangenrücken gedeckt, und die Häupter der Schlangen sind alle in das Haus hineingekehrt und speien Gift, daß Ströme davon durch den Saal rinnen, durch welche Eidbrüchige und Meuchelmörder waten, wie es heißt:

Einen Saal seh ich, der Sonne fern,
In Nastrand; die Thüren sind nordwärts gekehrt.
Gifttropfen fallen durch die Fenster nieder;
Aus Schlangenrücken ist der Saal gewunden.
Im starrenden Strome stehn da und waten
Meuchelmörder und Meineidige.

Aber in Hwergelmir ist es am Schlimmsten:

Da saugt Nidhöggr der Entseelten Leichen.



Ich kann beim besten Willen nicht entdecken, was an dieser Beschreibung eine Parallele zur christlichen Hölle sein soll. Im Christentum ist die mythologische Bilderwelt hinsichtlich der Aufenthaltsorte für Verstorbene eine völlig andere.

Aus der Bibel lassen sich wohl zwei "Höllen" ableiten, die in den Übersetzungen meistens nicht genügend von einander getrennt werden. Das ist zum einen Hades und zum anderen Gehinom (in der griechisierten Form: Gehenna ). Letzteres leitet sich aus dem Namen einer Schlucht vor der Jerusalemer Altstadt her, in dem von den Israeliten bis zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft Menschenopfer gebracht wurden, wobei die Israelis glaubten, sie könnten über das vergossene Menschenblut in Kontakt zur Welt der Toten treten. Später wurden dort die Leichen rebellischer Juden abgelegt - als Strafe ihres Gottes sozusagen. Dadurch wurde offenbar Gehinom zum Ort, zu dem die Toten durch Gottes Strafe hingelangen.

In der Bergpredigt ist nach heutigen Übersetzungen vom "Strafgericht Gottes" die Rede, dem derjenige verfällt, welcher "seinem Bruder zürnt". Im Orginal steht aber nicht "Strafgericht Gottes" sondern "Strafgericht Gehenna". Im NT hat Gehenna zwei Bedeutungen, zum einen die ewige "Hölle" nach der "Auferstehung der Toten" beim "Jüngsten Gericht" - ein zukünftiges Ereignis! Und zum anderen als ein Ort, zu dem Verstorbene gleich nach ihrem Tod gelangen.Das sind zumindest zwei verschiedene Vorgänge. In jedem Fall ist die christliche Hölle mit der Vorstellung von ewigem Feuer verbunden, dem Feuersee oder Feuerofen, in den die Seelen geworfen werden, um für immer darin zu brennen. In Gylfaginnîng 52 finde ich dazu rein gar nichts. Wollte der Autor dieses Textes christliche Vorstellungen in das Reich der Hel einschmuggeln, dann hätte er den christlichen Vorstellungen entsprochen, anstatt Lehren aufzuzeichnen, die komplett von der christlichen Vorgabe abweichen.

Das Fegefeuer scheint über die spirituelle Erfahrung vieler Mönche und Nonnen in das Christentum Eingang gefunden zu haben. Diese beschrieben in vielen Erlebnisberichten, dass sie Freunde und Bekannte darin brennen sahen, und diese durch Gebet daraus befreien konnten - also keine ewige Höllenstrafe! Ich vermute, dass passte nicht zum Dogma der ewigen Höllenstrafe, weshalb man die "Hölle" und das "Fegefeuer" theologisch trennte, um das Dogma zu retten, dem die Erfahrung grundsätzlich widersprach.

"Hades" ist der griechischen Religion entlehnt, und zeigt deutlich den Hang frühchristlicher Vorstellungen zum Synkretismus. Zuerst wurde das Wort "Hades" wohl durch die Septuaginta für das hebräische Wort "Schoel" verwendet. In der griechischen Mythologie z.B. Homers finden wir ebenfalls schon Orte der Bestrafung für die Verstorbenen, bekannter Maßen den Ort Tartaros, in dem der mythische Tantalos wie auch Sisyphos u.a. schlimme Qualen durchlebt. Das ist von den Griechen mehrere Jahrhunderte vor der Entstehung des Christentums geglaubt und auch niedergeschrieben worden.

Denkt man dann noch an das Totenreich der alten Eraner (Iraner) und der Aryaner (Arier Indiens) dann dürfte klar werden, dass schon die Indogermanen Orte der Bestrafung und Belohnung der Verstorbenen kannten. Auch im Alten Ägypten waren solche Scheidungen verstorbener Seelen nicht unbekannt. Die verehrungswürdige Maat wog nach dem Tod eines Menschen im Totengericht im Beisein der anderen Götter dessen Herz gegen ihre Feder - dem Symbol der göttlichen Ordnung. Bestand Ba (die Seele) diese Prüfung nicht, konnte sie nicht in das himmlische Duat eingehen, und wurde von einem Schlangendämon verschlungen und lebendig verdaut - was ein wenig an Nidhöggr erinnern mag. Trotzdem hat Snorri sicher nichts von den Ägyptern entlehnt.

Alles in allem kann man wohl sagen, dass es Bestrafungen der Menschen nach derem Tod in allen Religionen gibt. Ist man nicht Materialist, sondern glaubt an die Existenz der Götter und übersinnlichen Welten, dann liegt es eigentlich auf der Hand, dass Seher und große Erkennende in allen Religionen lebten, und ihre Erfahrungen an die Mit- und Nachwelt weitergaben. In verschiedenen Religionen wird in relativ verschiedener Art gleiches mitgeteilt: das nach dem Tod angezählt wird, was man gegen die Ordnung der Götter unternommen hat, und dies schwere Folgen nach sich zieht. Da es durch unterschiedlichste Religionen so ausgesprochen wird, scheint es mir eine Tatsache zu sein. Den Versuch es wegzudiskutieren, und als christliche Propaganda abzustempeln, verstehe ich dagegen als sehr durchsichtiges Verhalten.

Aber vermutlich geht es mehr darum, die Vernichtung der Welten, Götter und Menschen durch Surtur aus dem Christentum zu erklären, und damit als ungültig zu behaupten. Geht nicht in der Apokalypse des Johannes die Welt auch unter, und es entsteht ein neuer Himmel und eine neue Erde? Und doch steht der Untergang der Welten durch Surtur in einem ganz anderen, in einem germanischen Kontext, der Muspelheim am Anfang des Werdens unserer Welt sieht, und eben auch an deren Ende und damit auch am Neubeginn. Das Weltbild der Edda deutet auf große Zyklen hin, dem Gnostiker "Johannes" dagegen ist die Geschichte eher linear ausgerichtet. Damit ist das Weltbild der Edda auch hierin das umfassendere.

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Zuletzt bearbeitet: 14.12.10 01:41 von Robert_S


Das Snorri absichtlich christliche Ideen hineintexten wollte, wäre jedenfalls eine ganz verfehlte Behauptung, da nirgends im Text dieses vermeintliche Ziel erreicht wurde. Man könnte noch vermuten, dass Snorri unbewusst die Mythen nach christlichem Verständnis ein wenig geformt habe. Das finde ich aber auch nicht schlüssig, da Snorri als Isländer vermutlich die Überlieferungen seines Volkes von Kindheit an kannte. Dann vergisst man auch leicht, das Snorri - auch wenn er Christ war - in erster Linie auch Isländer gewesen ist. Die enge Bindung an das eigene Volk war damals bedeutend größer als heute. Es ging ihm wohl darum, die Erzähltradition und die Kultur seiner Ahnen und seines Volkes zu bewahren. Er schrieb ja auch keinen lateinischen, theologischen Bestseller für den Vatikan, sondern notierte einfach die Überlieferungen und bewahrte sie auf. Warum sollte er da etwas verfälschen, noch dazu wo er zu seiner Zeit in Island mit Sicherheit die Tradition unverfälschter Weitergabe der alten Mythen noch direkt erlebt haben muss?

Alles Gute
Robert

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Obwohl Snorris Familie zu den reichsten auf Island gehörte (um die 20 Höfe besaß sie), ging Snorri nach Oddi, der alten (ehemaligen) Godenschule. Nach der Christianisierung bestand die Schule weiter, nun aber mit etwas geänderten Inhalten: Es mußten noch die Gesetze gelehrt werden (Snorri lernte sie, da er ja zwei Mal Lögmadr = Gesetzessprecher auf Island war), und die Mythologie wollte man auch nicht einfach aufgeben, zumal die Ausübung des Heidentums im privaten Bereich ja ausdrücklich weiterhin erlaubt war. Deswegen die "Tarnung" als Schule für Skálden (Dichtersänger). Das Dichten und Singen von alten mythologischen Liedern war ja immer noch erlaubt (das Lied von Thrymr wurde bis in das vorige Jahrhundert in verschiedenen Versionen im ganzen Norden noch gesungen). Deswegen ist Snorris Werk vordergründig zuerst ein Lehrbuch für Skálden und nebenbei ein Lehrbuch für Heiden. Das war wahrscheinlich sein Hauptzweck, doch mußte dieser eben verschwiegen werden.

Mit Lichtgruß,
Géza von Neményi

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