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Thema: Sifs Haar


In den Mythen wird das goldene Haar der Göttin Siv mehrfach erwähnt, schon bevor es Loki abschnitt, heißt es in den Formáli der jüngeren Edda über den Gott Thórr:

    >Im Norden begegnete er einer Weissagerin, die Sibil hieß, die, die wir Sif nennen, und die gewann er zur Frau. Ihre Abstammung ist unbekannt; sie war die schönste aller Frauen, ihr Haar war wie Gold<.
Später schneidet Loki der Göttin das Haar ab, es heißt dazu in den Skáldskaparmál:

    >Loki, Laufeys Sohn, hatte der Sif hinterlistiger Weise alles Haar abgeschoren. Als Thórr das gewahrte, ergriff er Loki und würde ihm alle Knochen zerschlagen haben, wenn er nicht geschworen hätte, von den Schwarzalfen zu erlangen, daß er Sif Haare von Gold machte, die wie anderes Haar wachsen sollten.<
Ich will nun nicht auf die naturmythologische Deutung (Sif als Erd- und Wachstumsgöttin, das goldene Haar ist das reife Getreide, Loki die Sommerhitze der Erntezeit) eingehen, sondern die Frage stellen: Was war der Grund, daß Loki der Sif hinterlistig das Haar abschnitt? Er mußte auch damit rechnen, daß Thórr das merkt und ihn bestraft.

Das Haar einer Frau (oder weiblichen Gottheit) abzuschneiden ist ja nicht irgendein harmloser Streich, es ist eine klare Bestrafung für Untreue. Tacitus erwähnt es in der Germania 19:
    >Überaus selten ist trotz der so zahlreichen Bevölkerung ein Ehebruch. Die Strafe folgt auf der Stelle und ist dem Manne überlassen: er schneidet der Ehebrecherin das Haar ab, jagt sie nackt vor den Augen der Verwandten aus dem Hause und treibt sie mit Rutenstreichen durch das ganze Dorf<.
Offenbar steht also hinter Lokis Tat der Vorwurf der ehelichen Untreue. In der Lokasenna rühmt sich Loki ja, selbst ein Verhältnis mit Sif gehabt zu haben. Nun wissen wir aber, daß Loki in der Lokasenna häufig übertrieben hat, es muß also kein geschlechtliches Verhältnis gemeint sein. Zumal es doch etwas unlogisch wäre, wenn man erst eine Ehefrau verführt, und sie dann für die Untreue auch selbst bestraft. Man müßte sich selbst ja dann genauso bestrafen, da man Anstifter der Tat war. Aus der Bibel kennen wir solche absichtlichen Verführungen durch Satan, nicht aber aus unserer Mythologie; das kann es also nicht gewesen sein. Um der Sif das Haar abzuschneiden, war sicher nötig, daß Sie schlief, anders hätte sich Loki Ihr nicht unbemerkt nähern können. Schlafen tut man im eigenen Schlafgemach. Loki betrat es also und drang damit in eine Intimsphäre ein. Das ist meiner Ansicht nach der Hintergrund von Lokis Behauptung, er hätte Thórr zum "Hahnrei" gemacht. Bekanntlich reichte es bei den Germanen aus, zu bezeugen, daß zwei unter einer Decke steckten, um eine Ehe als gültig zu bezeugen, eines Geschlechtsverkehrs bedurfte es dazu nicht. Deswegen reicht auch das bloße Eindringen Loki in Sifs Schlafgemach aus, um einen Ehebruch zu proklamieren. Das ist die eine Geschichte.

In den Harbardzljód 48ff aber sagt Ódinn zu Thórr:

    >"Sif hat einen Buhlen, du wirst ihn bei ihr finden:
    Der erfahre deine Kraft, das frommt dir mehr".

    Thórr: "Du redest nach deines Mundes Rat, nur recht mich zu kränken.
    Feiger Wicht! Ich weiß, daß du lügst."

    Odinn: "Und ich sage, so ist's ..."<
Vermutlich meint Ódinn hier den Loki, der gerade der Sif das Haar abschneidet.

Aber: Sif ist Mutter von Ullr, und Ullr wird "Stiefsohn Thórs" genannt.

Denkbar wäre es, daß Loki Sif dafür bestrafen wollte, daß Sie auch mit Ódinn zusammen war. Oder daß Loki in Ódins Auftrag Sif bestrafte, weil Sif den Thórr geheiratet hatte, obwohl Sie ja zuvor mit Ódinn zusammen war. Aber solche Deutungen scheinen mir nicht sehr glaubhaft, denn - wie Tacitus schrieb - hätte der Betrogene selbst handeln müssen, und Loki ist zwar der Gefolgsmann Ódins, aber auch der Lehnsmann Thórs.
Es sind also einige Fragen offen.

Mit Lichtgruß,
Géza von Neményi


Zuletzt bearbeitet: 03.10.16 17:31 von Administrator


Die Erde begeht niemals Ehebruch; sie ist immer verbunden mit dem Himmelsgotte (Thorr). Aber das Feuer (Loki) versengt das Gras der Erde, verbrennt die Wälder. Ich würde diesen Mythos nicht überinterpretieren. Es ist ein Ablauf in der Natur, der mythisch umschrieben wurde


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