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Thema: Besser nicht geopfert? - Hav. 145


Kürzlich sah ich in einem Forum die Diskussion zu dieser Hávamál-Strophe, die Karl Simrock (/Neckel) so übersetzte:

    Besser ungebetet als übermäßig geopfert
    Die Gabe will stets Vergeltung.
    Besser ungesendet als zuviel getötet;
    So ritzt es Thundr zur Richtschnur den Völkern
    Da erhob er sich, wohin er heimgekehrt war.

Diese Übersetzung ist falsch, wie alle deutschen Übersetzungen dieser Strophe. Ich traute meine Augen nicht, als ich sehen mußte, daß auch vermeintliche Heiden immer noch eine entschprechende falsche Übersetzung für richtig halten. Ich frage mich, wozu ich das Buch "Kommentar zu den Götterliedern der Edda" (Bd. 1) überhaupt geschrieben habe, wenn das Wissen darin nicht auch bei Neuheiden ankommt?

Damit nun aber einmal auch die richtige Übersetzung im Netz zu finden ist, will ich hier darauf eingehen.

Es kann doch wohl nicht sein, daß ein Gott in einem heidnischen Text sagt, man solle nicht zuviel opfern. Das widerspricht doch allem, was wir darüber wissen. In der Hyndluljód z. B. hilft Freyja gerade Ihrem Schützling Ottar, weil er so viel geopfert hatte. Hätte er sich also an diesen vermeintlichen Rat von Odinn gehalten, dann hätte Freyja ihm vielleicht nicht geholfen. Nein, etwas ist in dieser Übersetzung falsch. Schauen wir uns also die ersten drei Verse der Strophe im Original an:

    Betra er óbeðit, enn sé ofblótið,
    ey sér til gildis giof;
    betra er ósent, enn sé ofsóit.

Zeile 1 bedeutet wörtlich: "Besser ist ungebetet, aber übergeopfert" (und analog auch in Zeile 3: "Besser ist ungesendet, aber übergesiedet"). Der Schlüssel ist das Wort "enn" (in der Handschrift: "en"), welches zwar auch mit "als" übersetzt werden könnte, allerdings hier mit "aber" übertragen werden muß.

Das Wort "en(n)" entspricht ursprünglich unserem deutschen "und", ahd. enti, anti (jünger: unta, unti), niederländisch en, altisländisch en(n) mit der Bedeutung "auch, und, aber", "und" ist also die ursprüngliche Bedeutung des Wortes, in der es z. B. im 2. Merseburger Zauberspruch vorkommt: "Phol ende uuodan..." ("Phol und Wodan..." und nicht "Phol als Wodan..."), darum sollte man diese ursprüngliche Bedeutung zuerst favorisieren, denn wir wissen ja, wie uralt unsere Eddalieder sind. Übersetzen wir also das Wort "enn" mit "und" in seiner ursprünglichen Bedeutung, dann lautet Zeile 1:

    Besser ist ungebetet, und übergeopfert.

Aha, das klingt schon anders. Nun erhielt ich von Prof. Schnurbein den Hinweis, daß es sich in dem Vers ja um einen Vergleich handelt: "Besser A als B". Man kann wohl kaum sagen: "Besser A und B", das ergibt - zugegeben - keinen Sinn.
Was dabei leider vergessen wird: Schon der erste Teil steht in der Verneinung: "ó-beðit", das bedeutet "un-gebetet". Somit würde unser Vergleich lauten: "Besser nicht-A als B", und das hat nun wirklich keinen Sinn. Hier kommt der Sinn nur, wenn wird unser "enn" mit "und" oder deutlicher mit "aber" übersetzen: "Besser nicht-A aber B". Das ergibt einen Sinn. Über das Wort "en" heißt es bei Prof. Hans Kuhn (Edda – Die Lieder des Codex Regius..., Bd. II, Kurzes Wörterbuch, 3. Aufl., Heidelberg 1968, S. 46.): "enn (aus * anþi dagegen; ahd. enti) conj. a b e r; es bezeichnet selten einen betonten Gegensatz und kommt dem oc ‚und’ oft sehr nah". Ja, warum wird es dann hier nicht auch mit "und" übersetzt? Weil es die Strophe Háv. 70 gibt, in der statt "en" gleich das Wort "ok" (und) steht: "Betra er lifðom ok sællifðom, ..." ("Besser ist Leben, und glücklichleben, ..."). Somit hätte man ja in Hávamál 145 auch gleich "oc" schreiben können, wenn man "und" hätte sagen wollen. Vielleicht. Aber unser "enn" bedeutet eben auch "aber" und weicht damit von der Bedeutung des "oc" ("und, auch") ab. Deswegen sollte in unserer Strophe das "enn" auch nicht einfach mit "und", sondern mit "aber" übersetzt werden, denn hätte der Liedsänger die Bedeutung "und" gewollt, hätte er "oc" schreiben können.
Genauso nun auch in der 3. Zeile unserer Strophe, während die zweite Zeile etwa bedeutet: "Nach der Gabe die Vergeltung sieht". Somit lautet die ganze Strophe richtig:

    Besser ist ungebeten, aber übergeopfert:
    Immer richtet sich nach dem Opfer die Gabe.
    Besser ist ungesendet, aber übergesotten;
    So ritzt es Þundr den Völkern zur Richtschnur;
    Dort stand er auf, wo er wiederkam.

Sinn der Strophe: Man soll viel opfern und um wenig bitten, weil man bescheiden sein soll und die Götter genau wissen, was uns jeweils fehlt, die Gegengabe richtet sich nach der Opfergabe. Odinn selbst sagt uns hier also, daß wir gerade viel opfern sollen, nur eben nicht auch noch viel erbitten. Viel opfern, wenig erbitten, das ist es, was Odinn uns hier sagt.
Es ist völlig falsch, hier herauszulesen, daß Odinn genau das Gegenteil gesagt haben sollte.

Dieses Beispiel zeigt, daß es nötig ist, sich mit dem Altnordischen auszukennen, daß also "Laien" solche Eddastellen wohl kaum richtig deuten können. Das man es ohne das nötige Wissen aber dennoch versucht, ist schon fast anmaßend. Aber das Beispiel zeigt auch, daß das Sprachwissen allein nicht ausreicht, denn sonst gäbe es nicht die vielen falschen Übersetzungen diser Stelle in Eddaausgaben von Wissenschaftlern. Es muß auch die Kenntnis der germanischen Mentalität dabei sein, sonst merkt der sachliche Übersetzer gar nicht, daß er hier etwas übersetzt, was im krassen Gegensatz zu dieser Mentalität steht. Immerhin, daß sich Neuheiden mit dieser Strophe beschäftigen, ist ein Zeichen, daß ihnen da auch irgendetwas falsch (widersprüchlich) vorkommt, und das ist eine Hoffnung, daß irgendwann auch die germanische Mentalität verstanden werden wird.

Geza




Das liegt wohl an den vielen verschiedenen Ausgaben der Eddas. Ich selber habe den Text sogar schon anders gelesen . Wie zum beispiel diese Variante.

Zitat:
Besser gar nicht gebetet als zu viel geopfert ;
Gaben wollen erwidert sein;
besser gar nichts dargebracht als zu viel geschlachtet.
So ritzte es Odin ein; bevor es die Völker gab
dorthin brach er auf,
von wo er gekommen war

Nach Arthur Häny,

Zweites Beispiel nach Jordan:
Zitat:
Gebet unterlassen ist immer noch besser, als für das erbetene nichts zu bieten.
Nach der Gabe richtet sich stets die Vergeltung.
Ja minder schlimm bleibts, nichts zu schlachten,
Als alles Opferfleisch auf zu essen .
Das ritzte als Regel in Runen der Donnrer
Bevor er das Reich seines Volkes errichtet.



Besser gar nicht gebetet als zu viel geopfert


Diese Übersetzung der Zeile beruht auf einer falschen Übersetzung des Wortes "enn", welches "und, aber" bedeutet.

So ergibt sich der tatsächliche Sinn der Strophe:

>Besser ist ungebetet und übergeopfert.<

Im alten Heidentume war es üblich, viel und regelmäßig zu opfern, denn durch das Opfer werden die Götter und Geister gestärkt, und man schafft gleichzeitig eine Verbindung zu ihnen. Daher hätte kein Heide geraten, wenig oder gar nichts zu opfern.



Im Landnámabók sagt ein Gode, daß alle, die nicht opfern wollen, ein übles Ende finden werden. Und in den Hyndluljód hilft Freyja Ihrem Schützling, weil er so oft geopfert hatte.
Wir müssen also solche Quellen wie diesen Hávamál-Vers, wenn es anscheinend mehrere Deutungsmöglichkeiten gibt, immer im heidnischen Zusammenhang betrachten und deuten. Viel Opfern war erwünscht, also kann da nicht stehen, daß man nur wenig opfern sollte. Und tatsächlich steht das dort ja auch nicht. Da steht klar das Wort "enn" (ende, anti) mit der Bedeutung "und, aber", und da an einer ähnlichen Stelle "ok" (und) steht, muß hier wohl die Bedeutung mit "aber" bevorzugt werden (mit "und" ist der Sinn aber auch klar).

Lichtgruß,
Geza von Nemenyi



Da steht klar das Wort "enn" (ende, anti) mit der Bedeutung "und, aber", und da an einer ähnlichen Stelle "ok" (und) steht, muß hier wohl die Bedeutung mit "aber" bevorzugt werden (mit "und" ist der Sinn aber auch klar).


Auch im Althochdeutschen finden wir ein ähnliches Wort, nämlich "ende, endi, enti" für neuhochdeutsch "und". Im Dänischen haben wir "end" für deutsch "aber". Das altnordische "enn" kann ferner stehen für "trotzdem, dennoch, jedoch". Man beachte auch das niederländische "en" für "und".

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