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Thema: Seitha - Zauberei


Der Seitha, anord. seidhr, ist eine germanische Bezeichnung für Zauberei. Die Zauberin hieß im Norden Seidkona und der Zauberer Seidmenn. Die bekannteste und größte Seidkona ist die Göttin Freyja, denn von ihr wird gesagt, daß sie den seidr von den Wanen zu den Asen brachte (Ynglinga saga). Später wurde der seidr auch den Tempelpriesterinnen gelehrt und so gelangte er zu den Menschen. Für die Frauen war der Umgang mit dem seidr etwas Normales, während man bei Männern stets etwas mißtrauisch war, wenn dieses sich des seidr bedienten. Denn ein Mann hatte offen Auge in Auge zu kämpfen und sich nicht solcherlei Techniken zu bedienen, da dies als ängstlich galt. Aber die Frauen, besonders die Völvas (Seherinnen), verwendete gerne diese Form der Zauberei. Sie durften ja auch im Kampf den Bogen benutzen, während dies bei Männers als ängstlich galt. Manche Völvas waren aufgrund ihrer Seher- und Zauberkräfte hoch angesehen. So gibt es z. B. die Völva Thorbjörg aus der Eiriks saga rauda, welche den Leuten mithilfe des seidr die Zukunft weissagte. Hier der Text:

>Eine Frau war da in der Siedlung namens Thorbjörg. Sie war eine Seherin, genannt die kleine Völva. Sie hatte neun Schwestern gehabt, und alle waren Seherinnen gewesen. Nur sie war noch am Leben. Thorbjörg ging gewöhnlich im Winter auf Gelage. Man lud sie dazu ein. Besonders die Leute, die über ihr Schicksal oder über den Ausfall des Jahres Bescheid wissen wollten ... Thorkel lud die Völva zu sich, und man bot ihr einen festlichen Empfang, wie er einer Frau ihrer Art gebührte. Man errichtete einen Hochsitz für sie und legte ihr Polster unter. In diesen mußten Hühnerfedern sein ... Bauer Thorkel nahm die Völva an der Hand und geleitete sie an den für sie errichteten Hochsitz. Dann bat Thorkel sie, ihre Augen über Herden, Haushalt und Häuser schweifen zu lassen. Sie sprach so gut wie gar nicht. Am Abend stellte man Tische hin, und es ist dabei zu berichten, was die Völva für Speise erhielt. Man setzte ihr Grütze aus Geißmilch vor, und für sie waren zum Essen zugerichtet die Herzen all der verschiedenen Tiere, die es dort gab... Dann, am Ende des folgenden Tages erst, richtete man alles für sie her, was sie für ihren Seidr brauchte. Sie hieß ihr Frauen herbeiholen, die das Lied wüßten, das ihr nottäte, um ihren Seidr zuende bringen zu können ... Da schlugen die Frauen einen Ring um den Zauberstuhl, auf dem Thorbiörg saß. Dann sang Gudrid das Lied so schön und trefflich, daß alle meinten, nie hätten sie eines mit schönerer Stimme singen hören denn hier. Die Völva dankte ihr für dieses Lied und sagte: "Manche Geister kamen hierher und dachten, wie schön dieses Lied zu hören gewesen wäre, - solche, die sich früher von mir abgewandt hatten und mir nicht mehr gehorchen wollten. Jetzt sehe ich viele Dinge deutlich vor mir, die bislang mir wie allen anderen verborgen waren ...". Darauf gingen die Leute zur Völva, und ein jeder frug nach dem, was er am meisten zu wissen wünschte.<

Es gab und gibt guten und schädigenden seidr. In den Sagas sind noch weitere Stellen zu finden, an denen der seidr erwähnt wird. Dazu empfehle ich ein fleißiges Lesen der nordischen Saga-Literatur.

Ich möchte noch ein Beispiel für einen hilfreichen seidr bringen:
Eine Frau namens Thuríðr Sundafyllir füllte mithilfe eines seidr die Meerenge im Hálogaland mit Fischen, um die Hungersnot in der Gegend zu bekämpfen.

In der Ynglinga saga wird der seidr auch von Odhinn selbst angewendet:

>Odhinn war in einer Kunst erfahre, die die größte Macht verlieh - man nennt sie seidr - und übte diese selbst aus, sie befähigte ihn, das Schicksal der Menschen und noch nicht eingetretene Ereignisse vorauszusagen, ja auch den Menschen Tod, Unheil und Krankheit zu bescheren. Endlich vermochte er durch den seidr jemandem seinen Verstand und seine Kraft zu nehmen und diese einem anderen zu verleihen. Doch mit derart geübter Kunst ist soviel Ärgernis verbunden, daß die Männer sich schämten, sie zu treiben. So lehrte man diese Kunst den Tempelpriesterinnen ...
Durch alle diese Künste wurde Odhinn sehr berühmt. Seine Feinde fürchteten ihn, aber seine Freunde vertrauten fest auf seine Zauberkraft und ihn selber.<


Hier können wir wieder erkennen, daß der seidr eine Kunst ist, die sowohl zum Nutzen wie zum Schaden angewendet werden kann.

Das Wort seidhr entspricht wahrscheinlich dem ahd. Seita, Seito, german. Seitha und bedeutet "Fessel, Schlinge, Gürtel, Band". Es lebt im deutschen Begriff "Saite" weiter, aber auch das Wort "Seil" hat die gleiche Bedeutung.
Der seidr scheint also der Binde- oder Fesselungszauber zu sein. Wir erinnern uns, daß es die Göttin Freyja war, welche den seidr überlieferte. Freyja trägt ein Halsband, das Brisinga-Men. Es ist ein magisches Halsband, mit dem sie nach einer Oberpfälzer Sage ihren Gemahl an sich fesselt. Sie wirkt mit ihrem Halsband einen seidr, einen Fesselungszauber.

In einem alten Zauberbuch (Wier, Johann: Von den bezauberten verunreinigten und verblendeten, wie ihnen zu rahten ... Franckfurt am Mayn 1575) fand ich einiges über den Bindezauber (Seitha), den man damals auch als "Ligatur" bezeichnete. Darin stand erwähnt wie man die Menschen bindet mit Liebe, Haß, Gesundheit oder Krankheit, weiterhin das Binden der Diebe und Mörder, daß sie keinen Schaden stiften können, das Binden eines Heeres, damit es die Grenzen eines Landes nicht überschreiten könne usw.

Dort heißt es:

>Das XVI. Capitel. Von mancherley ligaturen / das ist / zauberische verknüpffen / binden / verstricken...<

Auch das Beschwören von Geistern, wie es die Thorbjörg in der Saga tat, gehört zu den Bindezaubern, denn man bindet durch den Zaubergesang die Geister an einen bestimmten Ort und kann sie dann befragen.

Hier zum Begriff seidr aus Koeblers Altnordischem Wörterbuch (gekürzt):

sei-d-r
an., st. M.: nhd. Zauber;
idg. *sei-, *se-, *sì-, V., Sb., binden, Strick, Riemen;
an., st. M.: nhd. Band, Gürtel, Seil.


Zuletzt bearbeitet: 24.07.14 14:20 von Administrator


Aus dem "Wortschatz der germanischen Spracheinheit":

germ. saida, saidan: Strick
ags. sada: Strick
ahd. seid: Strick
mhd. seita, seite: Strick
lit. setas: Strick
lat. saeta: starkes Haar, Angelschnur
skr. setu: Fessel, Band

Interessant ist auch, daß die Zauberei in manchen Gegenden Deutschlands früher "Knüperei" (Knüpferei) hieß, was ebenfalls auf den Zusammenhang zwischen zaubern und knüpfen, fesseln, binden hinweist. Der Zauberer knüpft auf magische Weise ein Band, einen Strick, eine Fessel oder Schlinge.

Das litauische saitas bedeutet "Zeichendeuterei"; der Wahrsager/Zeichendeuter heißt saitininkas.

Die indogermanische Ursilbe lautet "si" (binden).

Die Lappen nennen ein Götterbild "Seida". Dieses kann z. B. aus Holz bestehen, wobei man dazu oft einen Baumstamm verwendet, dessen Wurzeln nach oben gekehrt werden, oder es kann auch ein Stein sein. Man opfert den Seidas und schreibt ihnen große magische Kraft zu.


Zuletzt bearbeitet: 09.10.14 18:09 von Administrator


Aus Norwegen habe ich die Anschauung ,daß Odinn sich die Kunst des "seithr" von Freya erschlichen hat und daß sie in Wikingerzeiten als unmännlich galt. Gibt es dazu auch Quellen ?



Hallo Maedeia,

die Quelle, die diese Sache behandelt, ist die Ynglinga saga (erster Teil der Heimskringla), doch wird sie meist falsch interpretiert. Es wird da vom Asen-Vanenkrieg erzählt und von der Versöhnung mit dem Austausch von Geiseln. Dann wird erzählt, daß Freyja den Seidr den Ásen lehrte, wie er bei den Vanen üblich war. Die falschen Interpretationen unterstellen nun dabei, daß die Asen zuvor keinen Seidr oder Zauber kannten und diesen erst von den Vanen, also Freyja, lernten. Das ist deswegen falsch, weil der Asen-Vanenkrieg ja nach dem Bau des Burgwalls der Asen stattfand (der bricht unter dem Ansturm der Vanen, also war er schon vorhanden), und die Vollendung dieses Buergwall u. a. durch Lokis Zauber (er verwandelt sich in eine Stute) verhindert wird. Also gab es doch schon Zauber (Seidr). Und genauso falsch ist es, Odinn zu unterstellen, Er habe sich diese Kenntnis von Freyja "erschlichen". Der Text spricht ganz klar von "lehren".

Bei den Naturvölkern ist es so, daß jeder Magier so seine eigene Magie hat und der größte Magier ist der, der die stärkste Magie (also den wirksamsten Zauber) bewerkstelligen kann. Auch jeder Stamm hat seine eigenen magischen Traditionen. In der Ynglinga saga wird nun gerade erzählt, daß nach dem Friedensschluß die Götter zu ihrer eigenen (asischen) Magie zusätzlich die Magie der Vanen erhielten. Damit wollte der Erzähler also ausdrücken, daß nun nach der Vereinigung die Magie und Macht der Götter doppelt so groß wurde, als zuvor. Das kam und kommt Gottheiten beider Göttergeschlechter zu Gute, denn Freyja lernt natürlich auch bei den Asen deren asischen Zauber. Der Übergang in einen andern Stamm oder eine andere Familie bedeutet selbstverständlich auch die Einweihung in dessen /deren Traditionen und Magie.

Lichtgruß
Geza v. Nemenyi

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