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Thema: Göttin Tamfana?


Zur Festveranstaltung "2000 Jahre Tanfana" am 20. 9. 2014, 14 Uhr, Kongreßhaus Bad Lippspringe:

In der Literatur taucht eine Göttin mit Namen Tanfana oder Tamfana auf. Es hat allerdings nie eine Göttin Tanfana bzw. Tamfana gegeben. Die entsprechende Stelle (Tacitus, Annalen I, 51) wurde einfach nur falsch übersetzt. Hier wird erzählt, wie Caesar Germanicus ein Heiligtum der Marser (zwischen Lippe und Ruhr) dem Erdboden gleichmachte. Die Stelle lautet wörtlich:
    >Caesar avidas legiones, quo latior populatio foret, quatuor in cuneos dispertit, quinquaginta millium spatium ferro flammisque pervastat; non sexus, non aetas miserationem attulit: profana simul et sacra, et celeberrimum illis gentibus templum, quod Tanfanae vovabant, solo aequantur.<
    >Der Caesar teilte die kampfbegierigen Legionen, damit die Verheerung desto ausgedehnter würde, in vier keilförmige Haufen. 50000 Schritt umher verwüstete er mit Schwert und Feuer. Nicht Geschlecht, nicht Alter flößten Erbarmen ein. Heiliges so gut wie Ungeweihtes, auch das von jenen Völkerschaften am höchsten gefeierte Heiligtum der Tanfana, wie sie es nannten, wurde dem Boden gleichgemacht.<
So wird diese Stelle meist übersetzt. Das Original spricht aber wörtlich von einem
    >gefeierten Tempel, den sie "großer Hain" nannten<.
Denn die Bezeichnung Tamfana bedeutet "großer Hain" (tam = so, so sehr; fanum = Hain, Heiligtum). Von dieser Bezeichnung eines Heiligtums kann man keine Göttin der Marser ableiten. Ein Forscher (E. Weber) las den Namen sogar *Tainfana und übersetzte ihn mit "Loszweigheiligtümer". Eine andere Deutung bezieht den Namen auf das Haus zum Fahnen, das bei Hamm und Soest lag und schon 1250 Sitz eines Freigerichtes war. Tamfana bedeutet danach "tum Fahnen" (zum Fahnen). Auch auf ein Attribut des Siebes wurde der Name gedeutet (tampf = Sieb), außerdem vom Wort "Dampf" abgeleitet und als Herdgöttin gedeutet.

Auch die zweite Erwähnung, eine im Neapolitanischen gefundene Votivinschrift
    >Tamfanae sacrum<
ist kein Name einer Göttin, sondern bedeutet nur
    >Der große heilige Hain<.
Die Inschrift wurde vielleicht von Ligorius gemacht.

Daß der Name des Heiligtums ein Göttinnenname gewesen sein soll, ist völlig unlogisch. Einmal wurden Heiligtümer meist mehreren Göttern geweiht, dann trachtete man danach, die Namen der Götter zu verschweigen und außerdem ergibt es sprachlich keinen Sinn. Setzen wir einfach mal den Namen "Donar" an Stelle des Namens "Tanfana", dann lautet der Satz bei Tacitus:
    >gentibus templum, quod Donar vovabant<
    ("ein berühmter Tempel, der 'Donar' heißt")
- aber "Donar" ist eben kein Name für einen Tempel. Dann hätte man schon ändern müssen in "ein berühmter Tempel, der 'Donarshain' heißt". Das ergibt Sinn. Somit wäre dann der Wortteil "-fana" als "-hain" zu übersetzen und nur die Vorsilbe "Tan" könnte als Name einer Gottheit (ob Gott oder Göttin ist ungewiß) aufgefaßt werden, die wir aber nicht kennen.

Gefeiert wurde in dem Hain übrigens nach Interpretation der Annalen durch den Forscher Liungmann am 28. September oder 27. Oktober. Es war im Herbst des Jahres 14 u. Zt., die römischen Truppen waren beunruhigt, weil Kaiser Augustus am 19. August in Nola gestorben war. Die Nacht, in der das Heiligtum zerstört worden war, war von Lichtern erhellt (>nox sideribus inlustris<), und das kann im Herbst nur den Vollmond meinen. Damit stehen nur der 28. September und der 27. Oktober zur Auswahl. Die Herbstgleiche (22./23. September) kommt also nicht in Frage, wohl aber der Vollmond zur Winternacht. Da es einige Zeit gedauert haben muß, bis die Nachricht vom Tode des Augustus die römischen Truppen erreichte, ist der Termin des 27. Oktober wohl am wahrscheinlichsten, also das Fest Winternacht. Winternacht aber war und ist ein Fest zu Ehren Wodans, Frias und der Disen. Wollte man also hieraus die Verehrung einer Göttin konstruieren, dann kann es nur die Göttin Fria (Frigg) gewesen sein, die man dort verehrte.

Diese Götter werden nicht erst "heute" wieder verehrt, wie es der Trailer zu der Veranstaltung in Bad Lippspringe andeutet, sondern bereits seit mehr als einem Jahrhundert, unter anderem auch durch Mitglieder der "Germanischen Glaubens-Gemeinschaft" (gegr. 1907).

Mit Lichtgruß
Allsherjargode Géza von Neményi



Zuletzt bearbeitet: 14.08.14 10:21 von Administrator


Guten Tag,

Tanfanae ist ein Genitiv (oder ein Dativ), daher steht da im Latein nicht, dass sie den Tempel „Tanfana” nannten, sondern sie nannten ihn „Tempel der Tanfana”, wobei templum einfach nicht wiederholt wurde.

Das Wort fanum bedeutet tatsächlich Tempel, doch kann niemals auf ein -ae enden, da es ein Neutrum der o-Deklination ist, dessen Endungen zwar -a im Nominativ und Akkusativ Plural aufweisen, doch nirgends ein -ae.

Hätte da Donar anstelle Tanfana/Tamfana gestanden, dann hätte Tacitus sicherlich Tanari/Tanaro geschrieben oder Herculis/Herculi, also wieder eine Genitiv- oder Dativform. Den Namen hätte er jedenfalls deklinieren müssen.

MvG,
Potrimpius


Zuletzt bearbeitet: 22.12.17 11:26 von Potrimpius


Wir wissen ja leider nicht, inwieweit Tacitus hier Bezeichnungen vermischte und inwieweit es sich allein um Latein oder eben um eine celtisch-germanische Mischsprache handelte.
Ich hatte die Stelle meinem Vater, der ein Sprachkenner war und als Theologe gut Latein konnte, vorgelegt und ihn gebeten das zu übersetzen und er hat die von mir oben gegebene Übersetzung bestätigt.

Jakob Grimm führt dazu an (S. 35 im 3. Band):
>Giefers (Erhard und Rosenkranz Zeitschrift für Geschichte 8, 261-285) nimmt an, das templum Tanfanae gehöre Cheruskern, Chatten und Marsen zugleich. Tanfana komme vielleicht von tanfo truncus (?) und sei der Name eines Hains an der Stelle der alten Eresburg ...<

Jan De Vries schreibt nur (§ 549):
>Wir dürfen wohl voraussetzen, daß Tamfana, falls mit diesem Wort nicht das Heiligtum selbst, sondern die dort waltende Gottheit gemeint ist, wieder mit der Wachstumskraft der Äcker und Felder verbunden gewesen ist.<

Christian Vulpius erwähnt zuerst die Theorie der Göttin, dann schreibt er weiter (S. 311):
>Wenn man aber die Stelle bei'm Tacitus Annal. I. 50 u. 51 genau untersucht, so zeigt sich, dass von keiner Person, sondern von einem geweihten Orte oder Haine die Rede ist. "Celeberrimum illis Gentibus Templum, quod Tanfana vocabant solo aequantur".<

Er hat hier also eine Textversion ohne das End-E. Leider liegt mir keine der Original-Handschriften des Tacitus vor, so daß ich nicht beurteilen kann, ob Vulpius hier das Original hat, während ich oben nur eine offenbar nicht korrekt "normalisierte" Fassung zitiert habe, deren Bearbeiter von der Existenz so einer Göttin ausging und das E heransetzte. Ich glaube hier eher der Vulpius-Version, zumal ich mit normalisierten Texten (etwa Strophen der Edda) schon viel Ärger hatte. Da werden munter Begriffe eingefügt, um einen vermeintlichen Sinn zu finden, ohne Rücksicht auf die in der Handschrift stehenden Worte.

Lichtgruß
Geza




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