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Thema: Gimlé - Jenseitsort für Goden


Liebe Midgardgeschwister,

in der Völuspá gibt es eine Strophe, die ich einmal genauer untersuchen will, nämlich Strophe 64:
    >Einen Saal sieht sie stehen, schön wie Sól
    Mit Gold bedeckt auf Gimlé
    Da werden bewährte Krieger wohnen
    Und alle Tage des Glücks sich erfreuen.<
Die Übersetzung ist nicht genau. Im Text des Originals lautet die 3. Zeile:
    >þar skolo dyggvar dróttir byggia<
Das heißt wörtlich:
    >Da sollen tüchtige Dróttir wohnen<
Was sind nun aber "Dróttir"? Man übersetzt mit "Kriegerschar, Schar", also die Leute, die in der Gefolgschaft eines "Dróttinn" ("Scharführers, Herr") stehen. Das ist aber bereits eine Weiterbildung, denn zuerst ist mit "Drótt" der "Herr" oder "Fürst" selbst gemeint, und "tüchtige Kriegerscharen" sollten doch eigentlich eher nach Valholl gelangen. Noch heute ist das Wort im Schwedischen Bezeichnung für die "Königin" (Drotning), und in der Jüngeren Edda wird die Göttin Frigg >Dróttning Ása ok Ásynja< (Königin der Asen und Asinnen) genannt.
Wir wissen nun aber auch, daß "Dróttnar" eine alte Bezeichnung für oberste Goden (Priester) ist; als solche kommt das Wort in der Ynglinga Saga 2 vor.
Offenbar wird der Begriff üblicherweise ungenau übersetzt, etwa auch beim Versmaß der alten Eddalieder, des "dróttqvaett" (angeblich "Hofton, Fürstenton").

Ich glaube aber, daß "Hofton" für dieses Versmaß nicht stimmen kann, denn Preislieder bei Hofe wurden nie in diesem Versmaß gedichtet. Deswegen glaube ich, daß damit ein Versmaß der von obersten Goden vorgetragenen Götterlieder gemeint war. Die "Dróttnar" tragen die Lieder im "Dróttqvaett" vor oder dichten sie sogar. In der Ynglinga Saga 7 heißt es nämlich auch:
    >Odinn und seine Tempelpriester hießen "Liederschmiede", weil die Kunst des Dichtens von ihnen in den Nordlanden ausging<.
Die "Dróttnar" sind also auch Dichter, so daß das Versmaß nur nach ihnen benannt sein kann. Frigg ist demnach auch als Oberpriesterin der Götter (Dróttning) in der Jüngeren Edda bezeichnet.

Und somit bedeutet die Anfangs zitierte Eddastrophe, daß nach Gimlé die rechtschaffenden "Dróttnar" (Obergoden) gelangen werden. Das hat Sinn, denn die Bewohner Gimlés müssen nicht beim Ragnarök kämpfen, wie etwa die Einherjer in Valholl. Und Goden durften nicht kämpfen, einen Goden also nach seinem Tode in Valholl aufzunehmen, wäre unsinnig, denn er darf nicht kämpfen und kann es daher auch nicht - er wäre den Göttern im Kampf gegen die Riesen keine Hilfe. Hingegen waren Fürsten einst auch immer Kämpfer, die Fürsten also in Gimlé aufzunehmen, wäre nicht im Sinne der Götter, die die guten Kämpfer in Valholl benötigen. Daß Goden, die ihr ganzes Leben den Göttern geweiht haben, nach ihrem Tode dann nur zur Hel kommen sollten, wäre doch eine nicht adäquate Belohnung, hingegen daß es eine hohe Sphäre gibt, in die sie nach dem Tode gelangen, nämlich "Gimlé" ("der vom Feuer geschützte Ort" oder "Edelsteindach") das erscheint angemessen.

"Gimlé" ist also der Jenseitsort für Obergoden und - da es mit Vingolf ("das freundliche Haus") gleichgesetzt wird, ist es auch der Ort, wo sich die Göttinnen aufhalten.

Lichtgruß
Geza v. N. Neményi


Zuletzt bearbeitet: 07.10.16 18:52 von Administrator


Im altnordischen Wörterbuch werden die Wörter folgendermaßen übersetzt:

drōtt, drō-t-t: nhd. Kriegsschar, Schar, Gefolge; s. drjū-g-r, dre-ng-r, drō-t-t-in-n, drō-t-t-n-ing, drōtt-set-i; vgl. ae. dryht, as. *druht, ahd. truht*, afries. drecht, germ. *druhti-, *druhtiz, Gefolge, Schar, Zug; s. idg. *dʰereugʰ-, Adj. fest, halten; vgl. idg. *dʰer-, *dʰerə-, halten, festhalten, stützen;
drottinn, dro-t-t-in-n: nhd. Gefolgsherr, Fürst; ÜG.: lat. dominus; Hw.: s. drō-t-t; vgl. got. *draúhtins, ae. dryhten, anfrk. druhtīn, as. drohtīn, druhtīn*, ahd. truhtīn, afries. drochten;
germ. *druhtīna-, *druhtīnaz, Gefolgsherr, Führer, Herr; s. idg. *dʰereugʰ-, Adj. fest, halten; vgl. idg. *dʰer-, *dʰerə-, halten, festhalten, stützen.



Es ergibt sich daraus, daß wohl eher die Fürsten/Heerführer mit den Dróttir gemeint sind. Während sich die Krieger in Valhall aufhalten, gelangen die Anführer nach Gimle.



Du ignorierst aber, daß die Bezeichnung in der Ynglinga Saga eine Bezeichnung für höhere Goden ist. Das bedeutet, in dieser Zeit verstand man darunter eben auch Goden.
Es bleibt dennoch Interpretation, in welcher Bedeutung das Wort hier verwendet wurde.

Wahrscheinlich ist "drott" mit althochdeutsch "truht" ("Troß") verwandt.

Bei Pfeiffer heißt es dazu:

>Troß, m, militärische Begleitfahrzeuge mit Versorgungsgut, Gefolge der tros, die trosse mnd., tros(se, mnl,tros, nl., trusse, mengl., trus, engl. "Bündel", entlehnt aus afrztorse, trosse, mfrz., frz. trousse, "Bündel, Pack" zu afrz. torser, trosser, "zusammenpacken, (ein Lasttier) beladen", mfrz., frz. trousser, aufschürzen, hochbinden, hochheben. Geht zurück auf spätlat. *torsare, "ein Bündel schnüren", abgeleitet von spätlat. *torsus, aus lat. tortus, adjektiv. Part. von torquere, drehen,wenden.<

"Drost" (z. B. im Namen) ist von "Truchseß" abgeleitet, also aus derselben Wurzel, vorgermanisch *druhtīnaz von *druhti ("Kriegs-Band") (nach: Orel, Vladimir. A Handbook of Germanic Etymology. Brill Academic Publishers. 2003).

Also: Die zusammengebundene Schar, der Scharführer und Fürst oder Obergode.

Lichtgruß
Geza v. N. Neményi



Du ignorierst aber, daß die Bezeichnung in der Ynglinga Saga eine Bezeichnung für höhere Goden ist.


Das ist eben die Frage, ob es in der Ynglinga Saga tatsächlich einen Goden bedeutet; dazu müßte man die Sache doch noch genauer untersuchen. Vielleicht ist auch dort ein Fürst oder Gefolgsherr mit dem Begriff gemeint.



Der Text der Ynglinga Saga 2. ist aber eindeutig:
    Þar var blótstaðr mikill. Þat var þar siðr, at tólf hofgoðar váru œztir. Skyldu þeir ráða fyrir blótum ok dómum manna í milli. Þar eru díar kallaðir eða dróttnar.

    Dort war eine große Opferstätte. Es war dort Brauch, daß zwölf Tempelgoden als oberste galten. Sie hatten die Opfer zu leiten und unter den Männern Recht zu sprechen. Man nannte sie Díar oder Dróttnar.
Daß bloße Fürsten gemeint sind, kann also nicht sein.

Geza v. N. Nemenyi



Es findet sich aber auch dieser Text:

>Móðir Dyggva var Drótt, dóttir Danps konungs, sonar Rígs, er fyrstr var konungr kallaðr á danska tungu; hans ættmenn höfðu ávalt síðan konungsnafn fyrir hit œzta tignarnafn. Dyggvi var fyrstr konungr kallaðr sinna ættmanna; en áðr váru þeir dróttnar kallaðir, en konur þeirra dróttningar, en drótt hirðsveitin.<

Übersetzung:
>Dygves Mutter war Drott, eine Tochter von König Danp, dem Sohn des Rig, der wurde zum ersten Mal "König" in der dänischen Sprache genannt; seine Nachkommen erhielten danach immer den Titel des Königs, der als Titel der höchsten Würde betrachtet wurde. Dygve war der erste seiner Familie, der König genannt wurde; denn seine Vorgänger waren "Drottnar" genannt worden, und ihre Frauen "Drottningar", und ihr Gericht "Drott".<

Es scheint also so zu sein, daß die Drottnar einfach die höchsten Würdenträger waren, also Könige und gleichzeitig auch oberste Gerichtssprecher, daher wurde das Gericht "Drott" genannt. Auch die 12 Asen waren ja die höchsten Gerichtssprecher. Du schriebst ja:

>Sie hatten die Opfer zu leiten und unter den Männern Recht zu sprechen. Man nannte sie Díar oder Dróttnar.<

Die 12 Götter sind die himmlischen Richter, und die Saga übertrug ihre Funktion als göttliche Richter einfach auf irdische Richter, machte sie zu 12 Königen, die gleichzeitig oberste Gerichtssprecher waren. Daß sie auch gleichzeitig Tempelgoden waren, berührt ja deswegen das Amt des obersten Richters nicht. Die Asen waren beides; aber bei den Menschen gab es durchaus die Trennung zwischen dem Goden und dem König, der gleichzeitig oberster Gerichtsherr war. Und später wurde das Wort durch den Begriff "König" ersetzt, wie der obige Text zeigt, und nicht durch den Begriff des Goden oder Priesters. Die Drottnar waren somit Könige und oberste Gerichtsherren.


Zuletzt bearbeitet: 09.10.16 18:06 von Administrator
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