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Thema: Sæhrímnir


Grímnismál 18:
    Andhrímnir läßt in Eldhrímnir
    Sæhrímnir sieden,
    Das beste Fleisch; doch erfahren wenige,
    Was die Einherjar essen.
Da der Name Andhrímnir in den Nefnaþulur der Jüngeren Edda unter den Namen des Adlers genannt wird, muß dieser Koch Andhrímnir als Adler oder adlergestaltig vorgestellt werden. Der Adler aber ist im Mythos meist ein Bild für den Wind; der Sturm wird z. B. von einem adlergestaltigen Riesen Hræsvelgar („Leichenschwelger“) verursacht, Óðinn als ursprünglicher Windgott hat den Adler als heiliges Tier.

Andhrímnir wird mit „Luftkocher“ übersetzt. Die Vorsilbe „and“ bedeutet im Altnordischen „Atem“ und ist mit önd („Atem, Seele“ auch „Lufthauch“) identisch. Das altnordische „hrím“ entspricht dem englischen „rime“ und kann „Reif“ oder „Ruß“ bedeuten; die Hrímþursen sind die „Reifriesen“, der Name ist wahrscheinlich doppeldeutig und es können auch die „Rußþursen“ gemeint sein. Winterkälte und Nachtdunkel gehören beide zu den Riesen. Schon unsere Vorfahren haben wahrscheinlich beide Begriffe auf die Riesen bezogen. Prof. Simek führt bei dem Namen des Riesen Hrímnir daher auch beide Bedeutungen an: „Der Bereifte“ oder „der Berußte“. Da wir nun aber bei Andhrímnir sicher eher nicht an einen Reifriesen oder überhaupt an Reif denken können, kommt wohl nur die Deutung „der Berußte“ in Frage, die aber auch Umschreibung für eine Kochstelle oder einen Topf sein kann, denn Kochstelle oder Topf sind natürlich auch berußt. Ein Adler, der mit seinen Fittichen Luft zum Feuer fächelt, um es anzublasen. Denn daß „eldr“ das Feuer bezeichnet, darüber gibt es keinen Zweifel, so daß Eldhrímnir wörtlich „Feuerkocher“ (Feuerberußter) bedeutet. Gemeint ist also das Feuer, welches Andhrímnir anfacht. Der Name Sæhrímnir ist leicht zu deuten, denn sær bedeutet im Altnordischen einfach „See“ (Meer, See), somit bedeutet Sæhrímnir „Seekocher“ (Seeberußter) oder „Wasserkocher“. Nach der Gylfaginning ist damit nicht der Kessel gemeint, sondern der Inhalt, ein Eber.

Der Eber Sæhrímnir bedeutet also einfach das Wasser. Dieses Wasser in einem Feuerkessel (Eldhrímnir) wird durch den Windadler (Andhrímnir) zum Verdunsten gebracht. Dadurch entsteht Nebel, entstehen Wolken (wir befinden uns ja in Valhöll und damit im Himmel).

Seit ältesten Zeiten aber gelten Nebel oder Wolken als Orte der Verstorbenen. Darum heißt eine der Unterwelten „Niflheimr“ (Nebelwelt), es gibt eine „Niflhel“ (Nebelhölle) und das Volk der Nibelungen bildeten einst die Seelen der Verstorbenen. In den Novembernebeln sah der Volksglaube die Geisterheere der Verstorbenen, die in der Zeit der Nebel (Herbst bis Winter) auf die Erde gelangen. Der Nebel bildet also sozusagen das Element der Geister, ist ihr feinstofflicher Körper. Unsere Strophe besagt nun aber, daß Sæhrímnir das „Fleisch“ ist, was die Seelen essen. Das was wir essen, bildet unseren Körper; Seelen aber haben keinen materiellen Körper, sind feinstofflich, eben Geister. Das einzigste, was man ihnen an Körperlichkeit zubilligt, sind eben die Nebelschwaden, in denen wir sie wahrnehmen. Mediale Menschen sehen Geister als von Nebel oder Hauch umgebene Wesen. Dieser Nebel ist also der einzigste „Körper“, den die Seelen haben und daher ist seine Erzeugung und das Aufnehmen desselben durch die Seelen deren feinstoffliches „Essen“.
Unser germanisches Wort Dise (altnordisch dísir, althochdeutsch idisi, baltisch Dusin) bedeutet „Geistwesen“, das Wort ist aber mit unserem Begriff „Dunst“ identisch (vgl. auch „diesig“). Disen sind eigentlich die „Dunstwesen“, eben Geistwesen mit entsprechendem Nebel. Der Nebel bildet ihre Substanz, und um diese Seelensubstanz zu erhalten, nährt sich die Seele von Dunst, vom Nebel.

Das ist es, was dieser Mythos von Sæhrímnir aussagt: Wenn wir im Totenreich von Valhöll als Seelen sein werden, sind wir Dunstwesen und stärken unsere Substanz durch den Dunst oder Nebel.
Óðinn nennt in der Strophe „das beste Fleisch“ – daß aber spirituelle Wesen tatsächlich „Fleisch“ essen sollten, erscheint sehr unlogisch, zumal Óðinn Selbst ja bei den Geten die fleischliche Ernährung abgeschafft hatte (siehe die Überlieferungen zu Zamolxis). Wenn wir die oben wiedergegebene Strophe aber einmal genauer lesen, dann finden wir darin einen eigenartigen Widerspruch in dem Nachsatz: „Doch erfahren wenige,was die Einherjar essen.“ Eben hieß es doch noch, der Eber liefere das beste Fleisch, logischerweise essen die Einherjer dieses Fleisch und alle wissen, was sie essen. Nun aber wird gesagt, daß nur wenige wissen, was die Einherjer essen. Da wird also angedeutet, daß mit diesem „Fleisch“ offenbar etwas anderes gemeint ist, was nur wenige erfahren. Die Strophe selbst also besagt, daß sie gedeutet werden muß und nicht wörtlich genommen werden kann.

Dieses Speisen von Sæhrímnir bedeutet: Daß Nebel und Wolken erzeugt werden, in denen sich die Einherjer aufhalten, die ihre Substanz symbolisieren. Auch die Valkyren gelten im Naturmythos als Wesen, die durch die Wolken symbolisiert werden, und Valkyren gehören ja auch zu der Gruppe der Disen.

Nun ist die Frage: Wer kocht da in Valhöll? Der Mythos nennt Andhrímnir als Koch, also ein Adlerwesen, das sicher keine Gottheit ist. Wir wissen, daß über Valhöll ein Adler sitzt, der vielleicht auch als Koch Andhrímnir tätig wird. Óðinn selbst erwähnt diesen Adler in den Grímnismál 10.

Ódinn ist „Ásgarðs König“ und „Valhölls Weiser“ also der Hausherr dort. Seine Gemahlin, die „Königin der Ásen und Ásinnen“ ist natürlich auch dort, die Göttin Frigg. Sie ist hier die Hausfrau und beauftragt dementsprechend die dienenden Wesen, für die Bewirtung der Gäste zu sorgen. Frigg selbst ist also eigentlich die Köchin. Sie sorgt für die Bereitstellung der Substanz, die die Geistwesen nährt. In späteren Zeiten wurde aus „Friga-Holda“ unsere „Frau Holle“ der Sagen. Der Name „Holle“ hängt mit „Hölle“ zusammen und bezeichnet die Göttin auch als Herren über die Toten. Frigg-Frau Holle ist also die Herrin im Totenreich und somit schafft Sie die Substanz, die die Seelen benötigen (essen). In diesem Zusammenhang ist eine hessische Sage vom Hohen Meisnerberg von Interesse, deren Anfang ich hier einmal zitiere (Emil Schneider, Hessisches Sagenbüchlein. Marburg 1905, Nr. 93, S. 81):
    >Auf dem Meisner wohnt die Frau Holle. Wenn sie ihr Bett macht, fliegen die Federn umher, und dann schneit es. Kocht sie in ihrer großen Küche, dann steigen viele Wasserdämpfe in die Höhe, einzelne Wolken ziehen am Meisner hin, und bald ist der ganze Berg in Wolken gehüllt.<
Die Frage stellt sich nun: Wofür kocht Frau Holle, da Sie doch als spirituelles Wesen gar kein Essen braucht? Natürlich für die Geistwesen in Ihrem und Wodans Gefolge. Dieses Kochen der Frau Holle ist also die in unseren Überlieferungen erhaltene Geschichte, die wir hier in der Gylfaginning finden.


Zuletzt bearbeitet: 03.01.17 10:44 von Administrator

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