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Thema: Jüngere Edda - eigene Forschungen


Liebe Heiden,

zu der Jüngeren Edda gibt es ja ganz unterschiedliche Ansichten. Ich schreibe nun gerade einen Kommentar dazu und habe selbst dabei Erkenntnisse gewonnen, die ich hier gerne mitteilen möchte.

Die Urheberschaft: Nur auf dem Codex Upsaliensis der Jüngeren Edda findet sich eine Vorbemerkung, die besagt, daß Snorri Sturluson das Werk zusammengestellt habe. In keiner anderen Handschrift findet sich diese Angabe. Diese Vorbemerkung kann aber nicht von Snorri stammen, denn sie stammt von einem Christen. Es heißt da:
    »Dieses Buch heißt Edda. Snorri Sturluson hat es auf die Art zusammengestellt, die hier eingerichtet ist. Zuerst von den Asen und Ymir, danach die Skáldskaparmál und die Benennungen vieler Dinge, schließlich Háttatal, die Snorri für König Hákon und Herzog Skuli gedichtet hat.«
Warum nennt der Schreiber zwar die Liedtitel Skáldskaparmál und Háttatal richtig, aber läßt den Titel Gylfaginning weg und behilft sich mit der Umschreibung "Von den Asen und Ymir"? Der Titel "Gylfaginning" ist eindeutig heidnisch, was wir schon daran sehen, daß jüngere Handschriften ihn durch "Hárs Lygi" (Hars Lügen) ersetzt haben. Auch der Schreiber der Vorbemerkung empfindet den Titel offenbar als heidnisch und ersetzt ihn; vielleicht hat er nur kurz in den Text des Stückes am Anfang geblickt und von Ymir gelesen, so daß er das nun zum Titel machte. Wir wissen, daß Ymir nur in 4 Kapiteln von 54 vorkommt; diese Bezeichnung des Inhaltes ist also eigentlich für den ganzen Text unzutreffend. Es ging nur darum, den heidnischen Titel zu unterdrücken. Der Zusammensteller der Gylfaginning aber hatte derartige christliche Vorbehalte sicher nicht, denn ansonsten hätte er selbst einen anderen Titel gewählt. Einzelne Formulierungen deuten darauf hin, daß er innerlich Heide war, anders als der Schreiber der Vorbmerkung. Somit können wir auch nicht mit Sicherheit sagen, daß Snorri der Zusammensteller der Jüngeren Edda war, denn die Vorbemerkung, die das behauptet, stammt nicht von Snorri, ist sicher auch späteren Datums.

Und noch etwas: "Gylfaginning" kann nicht "Gylfis Verblendung" oder "Blendwerk der Götter" oder "Gylfis Täuschung" bedeuten. Der zugrundeliegende nordische Begriff „gynare“ („Gauner, Betrüger, Täuscher“) ist viel zu jung. Das ursprünglich hebräische Wort stammt aus dem Rotwelschen und taucht erst im 15. Jh. als „Jauner“ und davor „Juner“ („Ionier“) bei uns auf, was damals ein Synonym für „Grieche“ war. Den Hebräern galten die Griechen nämlich als betrügerische Leute, in der eddischen Zeit gab es diesen Begriff in Skandinavien noch gar nicht (Quelle: Herkunftsduden S. 199). Würde "Gylfaginning" einfach "Gylfis Täuschung" bedeuten, dann wäre der Titel ja auch für Christen akzeptabel gewesen, denn zwischen "Täuschung" und "Lüge" ist kein so großer Unterschied.
"Gylfaginning" bedeutet "Gylfis Gunst" oder "Vergünstigung" (schwedisch gynnare = Gunst, althochdeutsch giunnan = gönnen). Alle Ausgaben, die diesen Titel mit "Verblendung" oder "Blendwerk" übersetzen, machen nachweisbar einen Fehler. Übrigens: Die Erscheinungen oder Sinnesverwirrungen, die die Götter dem Gylfi oder die Skrymir dem Thórr vormachen, werden im Text nie "Ginning" sondern immer „sjónhverfingar“ („Sinnesverrückung“) genannt.

Es heißt, König Gylfi habe von den Göttern diese Mitteilungen, diese Gunst erfahren und dann weitererzählt. König Gylfi hatte wirklich gelebt (im 3. Jh.) sein Stammbaum ist in verschiedenen Quellen (z. B. einer Fassung der Hervarar Saga) erhalten, er ist also kein "mythischer" oder "erdichteter" König! Ich habe immer angenommen, daß es ein gedichtetes Lied gegeben haben muß, das ich "Ur-Gylfaginning" nenne und das u. a. dazu diente, den damaligen jungen Menschen die Mythologie zu erklären. Dieses Lied hat dann der Zusammensteller (vielleicht Snorri) zu dem uns heute vorliegenden Gylfaginning umgestaltet. Wie kann man das belegen? Vielleicht durch die Begrüßungsstrophe am Ende von Gylfaginning 2:
    »Steh Du, indem Du fragst;
    Der Antwort sagt, soll sitzen«.
Sie bezieht sich auf ein Frage-Antwort-Lied. Wir wissen nicht, woher diese Strophe stammt. Auch werden Strophen von 4 weiteren, uns nicht erhaltenen Eddaliedern in der Gylfaginning zitiert. Der Zusammensteller kannte also Lieder, die wir leider nicht mehr haben.

Die Odinsdreiheit: Odinn erscheint in der Gylfaginning als eine Götterdreiheit, in drei Personen: Hárr, Jafnhárr und Thridi (Hoch, Ebensohoch, Dritt). In Handschriften auch "Hárr I, Hárr II und Hárr III" oder "Fyrsta Hárr, Annar Hárr, Thridie Hárr" (erster Hárr, Anderer Hárr, Dritter Hárr), in der Miniatur sind alle einäugig.
Angenommen, der Zusammensteller (Snorri) habe sich diese Götterdreiheit hier nur ausgedacht: Warum gibt es dann schon in dem zweitältesten Eddalied Grimnismál diese Name Odins? Während der Name "Hárr" (der Hohe) auch allein stehen kann, ergibt ein Odinsname "Jafnhárr" (Ebensohoch) nur Sinn, wenn er mit "Hárr" zusammen erscheint und genauso "Thridi" (der Dritte). Das Vorhandensein dieser drei aufeinander bezogenen Odinnamen, die allein ohne Sinn wären, ist ein Indiz dafür, daß irgendwo Odinn in so einer Dreiheit erschienen sein muß, und zwar lange von Snorris Zeit. Das kann sehr gut in dem von mir vermuteten "Ur-Gylfaginning" gewesen sein.

Der Prolog: Der Prolog kann nicht vom Zusammensteller der Jüngeren Edda stammen, er muß nachträglich angefügt worden sein, denn der Autor des Prologes hat gute Kenntnis der Bibel (Genesis) und altenglischer Königsstammbäume, von denen er einen fast wörtlich übernimmt. Der Zusammensteller der Jüngeren Edda aber hat offenbar keine Ahnung von der Bibel, denn er sieht Christus als höchsten Christengott, hat also nicht einmal etwas von Gott-Vater (Jachveh) gehört. Das erkennt man in dem Abschnitt der Skáldskaparmál "Wie umschreibt man Krist?" Außerdem unterscheiden sich die Schilderungen von Odins Fahrten im Prolog von der in der Ynglinga Saga; wenn doch beide Texte von Snorri stammen sollten, wieso gibt es dann Unterschiede?

Die Gefjon-Sage. Die Geschichte von Gefjon, die die Insel Seeland vom Festland abpflügt, steht nicht in allen Handschriften. Forscher behaupten, diese Geschichte sei von Snorri aus der Ynglinga Saga übernommen worden. Dann ergibt sich aber ein Widerspruch: Dann müßte die Ynglinga Saga zuerst entstanden sein mit dieser Geschichte, danach entstand Gylfaginning unter Verwendung dieser Geschichte. Nur: In der Ynglinga Saga steht auch davon, daß Odinn und Gylfi miteinander viel Spuk und Zauberkünste trieben - das ist nämlich die Entstehung der Gylfaginning mit den Erscheinungen der Götter. Also war Gylfaginning schon vorhanden, als die Ynglinga Saga entstanden ist. Vielleicht war das wiederum das "Ur-Gylfaginning".

Es zeigt sich einmal wieder, daß wir nicht alles glauben dürfen, was Eddaforscher uns vorlegen, oder was wir im Netz darüber finden.


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