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Thema: Akzeptanz des Heidentums


Aber diese spirituellen Erfahrungen fehlen doch praktisch allen, sowohl den Neuheiden, als auch irgendwelchen Interessenten. Niemand kann also unsere spirituellen Erfahrungen nachvollziehen, sie sind darauf angewiesen, blind zu "glauben" - und genau das sollte ja vermieden werden.

Ich denke, unser Problem ist, daß wir in einer rationalistisch-materialistischen Gesellschaft, oder besser: in einem derartigen Weltbild, leben. Da ist schlichtweg kein Platz für Spirituelles, Irrationales. Somit sind spirituelle Erfahrungen nach dem Glauben der Menschen gar nicht möglich. Wenn nun jemand kommt und von seinen angeblichen spirituellen Erfahrungen erzählt, diese gar noch zur Information oder Missionierung einsetzt, ist er doch völlig unglaubwürdig, da die Leute so etwas nicht für möglich halten. Und da er es für seine Ziele einsetzt, muß man von einer niederen Motivation ausgehen. Wie will so einer irgendwen überzeugen?

Nur wenn man als Person glaubwürdig ist, Vertrauen genießt, könnte man andere auch überzeugen. Deswegn ist es leichter, Menschen des eigenen persönlichen Umfeldes für das Heidentum zu gewinnen, als Fremde.
Man muß eine Religion selbst glaubwürdig leben und vorleben, nur so kann man andere mitreißen. Und ich sehe leider noch nicht, daß das Heidentum schon so weit ist, als eigene Religion gelebt zu werden. Wenn sich bestimmte Neuheiden entscheiden müßten: Metal-Musik oder heidnische Religion, würden sie sich für Metal entscheiden. Das Heidentum ist ein Beiwerk, ist Zutat, nicht Zweck und Inhalt. Kulisse, nicht Substanz.

Ich kann das gut beurteilen, da ich mehrfach im Hindutempel in Berlin war. Dort traf ich Menschen, die wirklich ernsthaft an ihre Götter glauben. Auch in den Gesprächen nach einer Puja ging es um das Religiöse, um die Götter, und nicht um Alltagsdinge.
Bei den Heiden (Neuheiden wie Altheiden) ging es in den Gesprächen aber fast immer um Alltagsdinge, politische Fragen usw., die Götter kamen nicht vor. Das zeigt, daß das Heidentum eben noch lange nicht in den Herzen der Menschen angekommen ist, sondern daß es nur Beiwerk ist, vielleicht auch "Thema" um Menschen zusammenzubringen, aber leider nicht wirklich mehr.

Im Vergleich zum Hinduismus ist das Heidentum als Religion noch gar nicht existent, hat keine Anhänger und wird nicht geglaubt (von den ganz wenigen Ausnahmen, die hier schreiben, mal abgesehen). Die Regeln der Götter werden nicht ernstgenommen (wenn man sie überhaupt kennt), und wenn ich auf derartige Regeln hinweise, dann akzeptiert man die nicht, sondern nörgelt herum, stellt die Interpretation oder die Überlieferung in der Edda in Frage.

Wenn ich einem frommen Christen sage, daß er nicht stehlen soll, weil "Gott" das verboten hat, dann akzeptiert er das. Denn es steht ja in der Bibel als "Wort Gottes". Er würde nie sagen, daß die 10 Gebote gar nicht das "Wort Gottes" seien oder daß "Gott" etwas anderes gewollt bzw. gesagt habe, und Moses hat es nur falsch aufgeschrieben. Oder daß die ältesten erhaltenen Bibelhandschriften doch viel zu jung (4. Jh. u. Zt.) seien und von daher verfälscht und nicht glaubwürdig.
Nein, es ist ihm völlig klar, daß dieses Gebot von "Gott" stammt und man es einhalten sollte oder man begeht eine Sünde.

Wenn ich einem Heiden aber sage, daß Wodan etwa gesagt hat, man solle nicht so viel Trinken und sich um Wissen bemühen, dann wird zuerst meine Interpretation in Frage gestellt ("das behauptest Du, aber man kann es auch anders sehen"), danach heißt es, die Überlieferung wäre nicht glaubhaft, die Eddas seien von einem "christlichen Mönch" aufgeschrieben worden, der seine christlichen Wertvorstellungen mit hineingeschmuggelt hätte. Wenn auch das nicht klappt, dann kommt man anders: Wir wären ja keine Buchreligion wie die Christen, es könne jeder machen und glauben, was er will, die Eddas seien höchstens als Zeugnisse für ihre Zeit aber niemals für unsere Zeit anwendbar usw.

Den Leuten ist eben ihr Trinken wichtiger, als die Einhaltung von Regeln der Götter. Heidentum: Ja, Ásatrú: Ja, aber bitte nicht soweit, daß es Konsequenzen fordert. Man will so leben, wie man immer lebte, und sich vom Heidentum nicht den Spaß verderben lassen.

Und solange das so ist, daß eigene Leute die religiösen Werte mißachten, werden wir niemanden wirklch vom Heidentum überzeugen können. Und wozu sollten wir Menschen eine Religion nahebringen, die deren Anhänger ja selbst nicht einmal wirklich haben?

Lichtgruß,
Géza von Neményi





Wenn ich einem frommen Christen sage, daß er nicht stehlen soll, weil "Gott" das verboten hat, dann akzeptiert er das.


Früher vielleicht, heute jedoch nicht mehr. Wir leben in einer Zeit, in der alles kritisch hinterfragt wird. In der Bibel ist vieles verboten, doch kaum einer der Christen hält sich tatsächlich an die Gebote oder Verbote, weil sie meinen, daß sei entweder längst überholt, falsch ausgelegt oder gar gefälscht. Nur noch ganz wenige der Christen folgen tatsächlich den Anweisungen der Bibel. Jeder interpretiert die Religion anders und schustert sie sich so zurecht, wie sie am besten in sein Weltbild paßt. Das ist ein Zug der freiheitlichen, aufgeklärten Gesellschaft Europas. Hier paßt sich nicht der Mensch der Religion an, sondern er macht die Religion für sich passend. Das wird sich in unserer Gesellschaft auch nicht mehr ändern. Nur in Entwicklungsländern findet sich noch blinder Glaube ohne Hinterfragen.

Die Kunst ist, Verstand und Glaube in Harmonie zu bringen, was nur sehr wenigen gelingt. Es finden sich nur wenige Menschen, die sowohl einen gesunden und gut entwickelten Verstand haben als auch ein spirituelles Verständnis sowie Verwurzelung in der eigenen Kultur und Religion besitzen.

Wir brauchen ein anderes Bild vom germanischen Heidentum, als es heute in den Köpfen vieler herumspukt. Wir wollen weder leichtgläubige primitive Leute, noch Atheisten, welche die Götter für Produkte der Phantasie halten. Wir wollen weder Rassisten, noch völlig Entwurzelte. Die, die wir suchen und ansprechen wollen, sind dünn gesät, da die Menschen entweder ins eine oder ins andere Extrem fallen. Darum werden sich immer nur wenige Menschen zu dem von uns gelebten und gelehrten germanischen Altheidentum zugehörig fühlen.



Sehr geehrter Herr von Néményi,

lesen Sie mal Theophil Spoerris Kulturkritik "Die Götter des Abendlands", Zürich 1932 (3. Auflage). Dort finden Sie Goethe und Hölderlin als Apollo-Priester angeprangert, wenngleich der Hauptgott der Gegenwart Dyonysos-Bacchos sei. Ihr Problem liegt in Ihrer Verengung auf die selbst gewählte altheidnische Perspektive. Sie meinen, das Heidentum sei nicht in der Gesellschaft angekommen. Die Gesellschaft kann Sie aber auch so beurteilen, daß Sie sich noch im Mittelalter befinden.

Mit freundlichen Grüßen

Karlheinz Engel


Zuletzt bearbeitet: 24.05.10 16:57 von Administrator


Hallo alle gemeinsam,

ich freue mich, zu eurem Forum eingeladen worden zu sein, und empfinde es als Ehre für mich.

GezavN:
Liebe Mitdiskutanten,

ob der Thementitel passend gewählt wurde, weiß ich nicht. Es geht darum, wie man das Heidentum in der Gesellschaft voranbringen kann, wie man mehr Anhänger gewinnt, wie man am besten auftritt und wie man sich am erfolgreichsten darstellt.

Karlheinz_E:
Haben Sie einmal darüber nachgedacht, warum Sie selbst die Mehrheit der Heiden nicht erreichen, von den Monotheisten oder den Atheisten will ich erst gar nicht reden? Ja, es gab Verleumdungen gegen Geza, aber wie ich jetzt mitbekommen habe, geht es sehr wohl auch um bedeutsame inhaltliche Fragen.


Einen hilfreichen Ansatz bietet in diesen Dingen überraschender Weise die Literatur eines Mannes, der leider einen Sekten-Konzern geformt hat, von dem ich strengstens abraten muss. Da ich aber alles lese, und vor nichts halt mache, oder mich abhalten lasse, meine eigene Meinung zu bilden, habe ich bei Ron Hubbard einiges know how entdeckt, dass man nutzen kann. Er hat eine brauchbare Formel gefunden: Finde heraus was benötigt wird, und produziere es!
Die andere wichtige Formel lautet in etwa: Stelle alle Kommunikationslinien her! (Ich gebe das mal aus dem Gedächtnis wieder)

Wie kann man das nun auf das Heidentum anwenden? Die Frage ist nicht so sehr, warum die GGG die Mehrheit des Heidentums nicht erreicht (eine Frage mit vielen uneindeutigen Worten, wie z.B. "Mehrheit", "Heiden", "erreichen"). Meiner Meinung sollte die Frage lauten: Was benötigen die Heiden im deutschsprachigen Raum, dass es sonst so noch nicht gibt? Ich kann diese Frage nicht so richtig beantworten, weil ich das Heidentum fast ausschließlich aus dem Internet kenne. Hier gab und gibt es eben Heiden mit sehr verschiedenen Bedürfnissen, die aber selten offen ausgesprochen werden. Den Begriff "Heidentum" benutzen viele sehr verschiedene Gruppen für sich. Innerhalb dieser Gruppen gibt es wahrscheinlich einige Mitglieder, deren religiöse Bedürfnisse bei der GGG besser zur Erfüllung kämen. Aber die Heiden-Org. erzeugen eine stärkere Gruppenbindung, durch gemeinsame Erlebnisse(zum Beispiel bei Ritualen) oder durch Einbindung in die Org.-Struktur - und sie versuchen um die GGG herum eine Art virtuelle Bannmeile zu ziehen. Ihre ruhigeren und interessierten Mitglieder sollen nicht auf die Idee kommen, intensiven Kontakt zur GGG aufzunehmen. So ist jedenfalls mein Eindruck. Gezas Bücher entsprachen einem großen Bedürfnis unter vielen germanischen Heiden. Daher finden sie auch hier und da Anerkennung. Gleiches haben andere heidnische Autoren so nicht zu bieten. Aber eine öffentliche Anerkennung und Wertschätzung des Autoren der Bücher ist damit sehr selten verbunden. Es zählt mehr das eigene Bedürfnis. Solche Formen des Egoismus sind sehr zum Schaden für das Heidentum insgesamt. Das Echte und Große wird als Bedrohung empfunden - Bedrohung der eigenen Position in der heidnischen Gemeinschaft, der man angehört. Dann gibt es wohl die verständliche Angst vieler Menschen in heidnischen Org. unserer Zeit in rechtsradikale Kreise zu geraten. Daher werfen sich die heidnischen Org. mitunter gegenseitig vor "rechts" zu sein. Die GGG hat hierbei aufgrund ihrer sehr langen Geschichte einige Angriffspunkte, die so bei den jungen Org. nicht auftreten. Das wird von ihren Gegnern ausgenutzt.

Das alles sagt mMn. etwas darüber aus, was benötigt wird. Eigentlich genau das, was die GGG bieten kann: Germanische Religion ohne völkische Ideenwelt d.h. ohne Politik und ohne Verfremdung durch die Esoterik- und Okkultismus-Szene. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Heiden auch von allen Org-Fragen die Nase voll haben, und lieber frei von jeder festen Bindung an Gruppen und den typischen Streitereien und der Vereinsmeierei sein wollen. Daher kommt vieleicht auch die hohe Zahl der Mitglieder des Freundeskreises. Andere Gemeinschaften wie der ER etc haben vermutlich eine höhere Mitgliederfluktuation. Ihre Mitgliederzahl entsteht wohl dadurch, dass von den Mitgliedern nicht viel verlangt wird. Dass lässt Raum dafür, dass man zwar einer heidnischen Gemeinschaft etwas angehört, aber gleichzeitig seine ganz eigenen, romantischen Ideen darüber bildet, was germanische Religion bedeutet. Und wenn das eigene Bedürfnis mehr darin besteht, in Rückkehr zur Natur zu leben und Freunde mit gleichen Interessen zu finden, dann haben sie eventuell alles, was ihnen wichtig ist - wozu also den Göttern wirklich näher kommen wollen?

Die Kommunikationslinien Internet, persönliche Kontakte, email-Verteiler usw. zu den Interessierten müssen hergestellt werden, um gezielt den Kontakt zu knüpfen, und um heraus zu finden, was von den Suchenden benötigt wird, um es anbieten zu können. Kommunikation ist etwas anderes als Werbung. Es möchte auch in religiösen Fragen niemand direkt geworben werden. Trotzdem sollte man auch über Werbung nachdenken. Eine Religion kann aber nicht zum Produkt eines Marktes gemacht werden. Die "Werbung" ist also immer ehrlich, persönlich und in individueller Form nötig (und darf sich selbst eigentlich auch nicht als Werbung verstehen). Sie muss der hohen Sache, für die sie wirbt, angemessen sein.


Zuletzt bearbeitet: 24.05.10 04:15 von Robert_S


Sehr geehrter Herr Schulz,

es freut mich, daß Sie auch hier mitschreiben.

Was das Thema betrifft, so ist zwar eine Untersuchung, was Heiden eigentlich suchen oder wollen, sicher hilfreich, doch ich fürchte, wir können es eben nicht wie Ron Hubbard machen, da wir ja mit einer bestehenden Religion kommen, die wir eben nicht den Bedürfnissen der Menschen anpassen können, weil das eine Verfälschung wäre. Man kann eine Religion nur dann ändern, wenn man eindeutige spirituelle Erkenntnisse (neue Visionen, Offenbarungen usw.) erhält, die diese Änderung rechtfertigen. Somit sind wir schon durchaus "unbeweglich". Würden wir aber die Religion den Bedürfnissen anpassen und ändern, würden man uns vorwerfen, unser Fähnlein nach dem Winde zu drehen. Und unabhängig davon, was Menschen vielleicht in einer Befragung angeben würden, was sie vom Heidentum erwarten: Oberste Priorität ist doch wohl eher, daß die Religion "wahr" ist, daß man also sicher sein kann, daß wir heutigen Heiden das alte Heidentum nicht einfach verfälscht haben, wie man es den Kirchen mit ihrer Bibel vorwirft. Und mir hatte man diesen Vorwurf ja auch schon gemacht.

Kennt Ihr das Buch "Gespräche mit Gott" von Neale Donald Walsch? Ein Riesenerfolg. Walsch bringt ein fiktives Interview mit "Gott", angedeutet ist, daß es fast schon eine Art "Channeling" sei. Dieser "Gott" sagt nun den Menschen genau das, was populär ist, was die Leute hören wollen. Dieser Gott kritisiert die Kirchen und die andern Religionen, die verklemmte Sexualmoral, lehnt Askese ab, erzählt etwas über Erfolg durch eigenen Willen, aber auch über ein früheres Matriarchat (Zielgruppe: Frauen) und Leben auf andern Planeten (Zielgruppe: UFO-logen). Klingt alles sehr schön, ist auch lesenswert wegen der dort enthaltenen philosophischen Gedanken, aber es ist eben nicht die Wahrheit. Die Götter sind eben nicht so locker, wie es uns ein Herr Walsch weismachen will.

Zurück zum Heidentum: Wir können natürlich unpopuläre Dinge im Heidentum verschweigen, doch wird man uns dann den Vorwurf machen "schönzufärben" und zu verfälschen oder zu verharmlosen. Und dann ist die Frage: Was ist unpopulär, was sollte man besser verschweigen? Für manche sind das schon die Götter selbst, weil das doch Monotheisten überfordere. Auch wenn ich mich mit dem Berliner Hindupriester unterhalte, stellt er immer wieder den Gedanken, daß die Götter nur Erscheinungsformen eines Gottes seien, heraus, in der Meinung, ich sei vielleich christlich oder doch wenigstens christlich geprägt.
Und Herr Engel hatte hier besonders den Glauben an Geistwesen angesprochen, den er für denkbar ungeeignet hält, um damit Menschen zum Heidentum zu führen.
Ich glaube also, man würde sich nicht einmal einig werden, was im Heidentum "schlecht" ist, und was nicht.

Vielleicht sollte man umgekehrt erst einmal eine Aufstellung machen, was man "hat" und die Vorteile des Heidentums suchen.

Lichtgruß,
Géza von Neményi



Eine Änderung der Religion hatte ich nicht gemeint. Eine solche Änderung nach eigenen oder fremden Bedürfnissen käme mir nicht andeutungsweise in den Sinn. Was Hubbard gemacht hat, oder nicht, ist für mich auch unwesentlich. Aber seine Formel ist m.E. richtig. Mann kann das auch gut in der Wissenschaft verfolgen. Die Wissenschaft arbeitet gemäß ihrer eigenen strengen Prinzipien. Trotzdem weiß sie natürlich, dass ihre Akzeptanz unter der Mehrzahl der Menschen von den Bedürfnissen eben dieser Menschen abhängt. Daher versucht man entsprechend diesen Bedürfnissen entgegen zu kommen, z.B. in der Art der Präsentation wiss. Ergebnisse. Die katholische Kirche wäre ein anderes Beispiel. Sie hat ihr dogmatisches Lehrgebäude von dem sie keinen Zentimeter abrückt, trotzdem kommt sie den Bedürfnissen ihrer Mitglieder in vieler Hinsicht weit entgegen. Beispiele aus beiden Bereichen nutzen der GGG nicht viel, weil sich die GGG in einer anderen Situation befindet, und die Bedürfnisslage unter den Heiden (mir) nicht klar ist.

Das mit den unpopulären Dingen im Heidentum ist natürlich auch ein Problem. Dinge, die zurückstoßen, finden natürlich keine Annahme bei vielen Menschen. Hier kann man durchaus auch mal die unpopulären Sachverhalte daraufhin prüfen, ob sie heute noch zeitgemäß sind. Denn das germanische Heidentum heute versucht ja mehr oder weniger die alte germanische Religion zu rekonstruieren. Wir leben aber ca. 1000 Jahre später, haben mehrere Paradigmenwechsel in der Kultur verankert, die nicht rückgängig gemacht werden können. Ich bin mir sicher, hätte die germanische Religion neben dem Christentum ununterbrochen bis heute weiter bestanden, dann sähe sie heute in vielen Details auch anders aus.


Zuletzt bearbeitet: 24.05.10 18:00 von Robert_S


Robert_S:
Beispiele aus beiden Bereichen nutzen der GGG nicht viel, weil sich die GGG in einer anderen Situation befindet, und die Bedürfnisslage unter den Heiden (mir) nicht klar ist.

Ja, mir auch nicht. Ich kenne so viele verschiedene Heiden und jeder hat andere Schwerpunkte. Daß man das was man besitzt ansprechend präsentieren muß, sehe ich ein. Gleichzeitig denke ich, sollte man ruhig auch die Neuheiden mit einbeziehen: Sie decken ja andere Schwerpunkte ab, sprechen andere Zielgruppen an. Das Heidentum in der Gesamtheit könnte so je nach Interesse einzelne Nischen bedienen.

Das mit den unpopulären Dingen im Heidentum ist natürlich auch ein Problem. Dinge, die zurückstoßen, finden natürlich keine Annahme bei vielen Menschen. Hier kann man durchaus auch mal die unpopulären Sachverhalte daraufhin prüfen, ob sie heute noch zeitgemäß sind.

Das ist die natürliche Schlußfolgerung: Eine uralte Sache muß der heutigen Zeit und Mentalität angepaßt werden. Aber diese Mentalität ist christlich geprägt und es geht um Religion, und das bedeutet jede Veränderung, die nicht durch besondere spirituelle Erkenntnisse (sondern letztendlich durch den Zeitgeist) begründbar ist, ist Verfälschung. Und: Derjenige, der verändert, macht sich zum Religionsstifter. Das bedeutet nicht nur eine Verantwortung, sondern diese Rolle kann und will niemand ausfüllen. Wir haben immer argumentiert, daß wir gesagt haben: Nicht wir haben uns das ausgedacht, sondern wir haben es von unsern Vorfahren (und die haben es von den Göttern). Und leider hat ja auch jeder eigene Vorstellungen darüber, was man verändern müßte, und was nicht.

Ich bin mir sicher, hätte die germanische Religion neben dem Christentum ununterbrochen bis heute weiter bestanden, dann sähe sie heute in vielen Details auch anders aus.

Ja, denn Entwicklung findet immer statt. Dadurch, daß wir auch das Brauchtum in unsere Quellen hineingenommen haben, haben wir zu einem bestimmten Maße eine derartige Entwicklung mit übernommen. Vor 1000 Jahren hat man laut den Sagas zum Herbstfest ein Pferd für Wodan geopfert. Im 18. Jh. wurde dann in Deutschland der Brauch aufgezeichnet, daß man zum Herbstfest an dem Herbstbaum ein Hufeisen aufgehängt hatte. Pferdeopfer waren zu teuer (für die nun leibeigen gewordenen Bauern) und auch wohl nicht mehr gestattet. So ersetzt nun das Hufeisen das Pferd. So machen wir es auch. Den Jul-Eber haben wir immer aus Teig gebacken, ein echtes Schwein haben wir nie geopfert. Also führen wir nicht einfach eine vor 1000 Jahren stehengebliebene Religion unverändert weiter, sondern haben auch Entwicklungen übernommen.

Deswegen halte ich den Vergleich zum Hinduismus für passend. Inwieweit ist der Hinduismus noch zeitgemäß, er hat sich aber entwickelt. So ähnlich würde auch unser Heidentum aussehen, wenn die Christianisierung nie stattgefunden hätte. Und wenn wir den modernen Hinduismus mit der vedischen Religion vergleichen, dann sind die Unterschiede trotz der 4 Jahrtausende nicht so gravierend. und bei uns geht es nur um 1 Jahrtausend, da wir ja am Punkt, wo die Christianisierung einsetzte, weitermachen können (mit den erwähnten brauchtümlichen Entwicklungen).

Lichtgruß,
Geza



Hier kann man durchaus auch mal die unpopulären Sachverhalte daraufhin prüfen, ob sie heute noch zeitgemäß sind. Denn das germanische Heidentum heute versucht ja mehr oder weniger die alte germanische Religion zu rekonstruieren. Wir leben aber ca. 1000 Jahre später, haben mehrere Paradigmenwechsel in der Kultur verankert, die nicht rückgängig gemacht werden können. Ich bin mir sicher, hätte die germanische Religion neben dem Christentum ununterbrochen bis heute weiter bestanden, dann sähe sie heute in vielen Details auch anders aus.


Sehr geehrter Herr Schulz,

das ist ja das, was ich die ganze Zeit versucht hatte zu vermitteln. Selbst der Kulturzustand der Islandzeit ist nicht identisch mit dem der Zeitenwende, also etwa unter Arminius.
Die reformierte Lehre, welche im Kern auf Sokrates und Platon zurückgeht, hat damit gar kein Problem, denn sie ist eine Prinzipienlehre und kein System starrer Dogmen. Die Frage, wie die Alten geurteilt hätten im Falle der Verfügung über den heutigen Wissensstand, kann selbstverständlich gestellt werden.
Nur bei einem System starrer Dogmen besteht ein prinzipieller Horror vor Verfälschung.

Und dann sollte man, meine ich, die kulturelle Persepektive einbeziehen, anstatt sich eine Beschränkung auf den formell sakralen Bereich aufzuerlegen. Wenn etwa in Theophil Spoerris Schrift "Die Götter des Abendlands", 3. Aufl. Zürich 1932, Goethe und Hölderlin als Apollo-Priester angeprangert werden, sollte eine solche Kulturkritik nicht unerwähnt bleiben. Die Renaissance, die Aufklärung und die französische Revolution sind geschichtliche Epochen, die von Leuten mitgetragen wurden, welche sich als Heiden verstanden oder sogar zum Heidentum bekannten. Auch wenn Sie nicht wußten, welcher Kult vor 1000 Jahren auf Island herrschte oder auch nicht alle griechischen oder römischen Traditionen übernommen hatten. Es gab ja selbst in der Antike einen sehr weiten Pluralismus.

Mit freundlichen Grüßen

Karlheinhz Engel


Zuletzt bearbeitet: 25.05.10 23:35 von Karlheinz_E


Hier kann man durchaus auch mal die unpopulären Sachverhalte daraufhin prüfen, ob sie heute noch zeitgemäß sind.


Eine Religion wie das Heidentum ist zeitlos. Natürlich wird es in jeder Epoche bestimmte Gewichtungen geben, abhängig von den Lebensumständen der Menschen, doch sollte man die Religion unabhängig davon betrachten. Das heißt aber auch, daß sie eben nicht zeitgemäß sein sollte, denn sonst wäre sie den jeweils herrschenden Moden unterworfen, und das sollte nicht sein. Sie sollte zeitlos und daher immergültig sein, auf alle Zeit-Epochen anwendbar. Ich denke, daß ist eine wichtige Voraussetzung für das Heidentum, um allgemein anerkannt zu werden, von Menschen aller Alters- und Gesellschaftsklassen.

Grüße
Catrin



Es geht nicht um Dogmen, da sind wir uns ja einig, die will niemand. Es gibt aber Regeln, die sinnvoll sind. Man wird beim Gebrauch einer Schreibmaschine sinnvollerweise zuerst ein Blatt Papier einspannen, und dann erst mit dem Tippen beginnen. Macht man es umgekehrt, erhält man eben nicht den gewünschten Erfolg. Immerhin sieht man das auch sofort.

So ist es auch im Kult, man ruft zuerst die Götter an, opfert Ihnen dann etwas verbunden mit Dank und Bitten. Das Ganze macht man dort, wo die Kraft der Götter stark ist, in einem Heiligtum. Und man ruft die Götter an, deren Kraft in der Natur gerade besonders stark ist.
Dummerweise sehen oder spüren nur ganz wenige Menschen die Götter, die Mehrheit sieht Sie nicht und hält so eine Abfolgeregel für Feste für unnütze Dogmatik.

Sobald aber diese Mehrheit der Blinden eine Änderung durchführt oder erzwingt, verliert die Religion ihren Wert, da sie nun Ritualabläufe praktiziert, die nicht die erwünschte Wirkung haben.

Eine Religion kann und darf man also nicht per Abstimmung ändern. Eine Religion bildet eher so eine Art "Festspeicher", einen Schatz von spiritueller Erfahrung, der auch denjenigen hilft, die die spirituellen Wesen nicht sehen und spüren können und diese Erfahrungen nie machen werden. Diesen Schatz darf man nicht vergeuden oder verachten.

Das gilt für die Riten und Zeremonien der Religion. Das bedeutet nicht, das Diskussionen, das Philosophieren und auch das Weiterforschen nicht erwünscht seien. Insofern betrachte auch ich einen Goethe als Heiden, nicht nur wegen seiner so schönen Kirchenkritik (etwa: "Mit Kirchengeschichte, was hab ich zu schaffen..." Zahme Xenien), sondern auch wegen seiner
esoterisch-spirituell-philosophischen Forschungen, z. B. seiner Farbenlehre, aber auch seiner Freiheit von (kirchlich begründeten) Zwängen. Das ist natürlich der Geist des Heidentums, der sich in Menschen wie Goethe trotz des Christentums entfalten konnte.

Lichtgruß,
Géza von Neményi

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